Nepal 2013

Frankfurt – Delhi – Kathmandu 30./31.10.2013

Indira Gandhi International Airport, Delhi. Ich sitze im Transitbereich und lese. Mein Flieger nach Kathmandu geht erst in gut drei Stunden. „Ohne Geld bis ans Ende der Welt“ ist der Titel es Buches. Der Autor hat sich tatsächlich die Aufgabe gestellt, ohne einen Pfennig in der Tasche bis zur Antarktis zu reisen. Ein verrückter Hund. Kaddy hat es mir für die Reise geschenkt. Fast komme ich mir mit meiner gut gefüllten Reisekasse ein bißchen dekadent vor.

Tribhuvan Airport Kathmandu. Ich werde wärmstens empfangen. Nabin ist der Bruder von Haris Frau. Er ist mein Guide für die nächsten beiden Wochen. Stolz erzählt er mir, dass er schon ein bißchen deutsch gelernt hat. Ich muss versprechen, ihm bei der Verbesserung seiner Sprachkenntnisse zu helfen. Im Kathmandu-Guesthouse habe ich das gleiche Zimmer wie vor zwei Jahren. Ich hinterfrage es nicht, bin aber ziemlich sicher, dass es der besonderen Aufmerksamkeit von Hari zuzuschreiben ist. Er ruft mich kurz nach dem Einchecken von seiner Tour zur Annapurna an und erkundigt sich, ob alles wunschgemäß läuft. Ich habe nichts zu beanstanden. Nur schade, dass wir beide uns nicht sehen.

Bhaktapur, 1. November 2013

Und wieder ist es die kleine Saraswoti, die mich als Erste im Haus begrüßt. Sie strahlt mich mit ihrer Zahnlücke an und ich erinnere mich sofort an sie. Die Kinder spielen im Hof. Menuka ist deutlich schüchterner. Sie beobachtet mich aus ihrer Gruppe heraus aber ganz genau. Ich lerne die Praktikanten aus Deutschland kennen. Navraj stellt sie mir vor. Es sind vier Mädchen und zwei Jungs. Die jungen Leute verbringen mehrere Monate im Haus. Mit Anna komme ich rasch ins Gespräch und spüre dabei, dass die jungen Leute ihre Entscheidung nicht bereut haben. Sie erleben, wie wichtig ihre Arbeit hier ist. Anna erzählt mir, in welchem beklagenswerten Zustand manche Kinder sind, wenn sie von der Organisation aufgenommen werden. Vor Navrajs Arbeit haben sie großen Respekt. Den teile ich mit ihnen. Keine zehn Minuten sind vergangen, da sitzen Menuka und Saraswoti bei uns am Tisch und leisten uns Gesellschaft. Alle im Haus freuen sich sehr auf unser morgiges Picnic und die Abwechslung, die für die Kinder damit verbunden ist. Gerade in den Ferien sei es besonders schwierig, sie den ganzen Tag zu beschäftigen, erzählen mir die Volunteers. Auch sie haben sich auf unsere Unternehmung bereits eingestellt. Schließlich ist es in Kathmandu nicht möglich, mit 46 Kindern so eben mal in die Stadt zu gehen. Meine größte Sorge, die mich in den letzten Tagen bewegt hat, ist mir damit genommen: Liege ich richtig mit meiner Idee, diesen Ausflug mit den Kindern zu machen? Ist das zu verantworten? Nun kann ich dem Höhepunkt meiner Reise mit Beruhigung entgegensehen. Vorfreude macht sich breit.

Menuka und Saraswoti
Menuka und Saraswoti

Krishna überreicht mir bei Mittagessen in Bhaktapur feierlich drei Tagetesblüten. Es ist die Blume ihrer Gottheit, deren Namen sie trägt. Sie heißt mich damit in Nepal willkommen. Wir sind nach dem Besuch bei den Kindern im Gangabo-House in einem klapprigen Taxi auf der staubigen Piste aus Kathandu hinausgefahren. Krishna arbeitet heute im Auftrag von Hari für mich.

Drei Tagetesblueten zur Begruessung
Drei Tagetesblüten zur Begrüßung

Bhaktapur rüstet sich für das Tihar, das an diesem Tag beginnt. Es ist hier ein bedeutendes Fest, das Buddhisten und Hindus gleichermaßen begehen. Wir lassen uns durch die Stadt mit seinen zahlreichen Tempeln und Märkten treiben. Krishna erzählt mir von sich. Sie ist 25 Jahre alt und studiert in Kathmandu Englisch. Ihr Traum ist eine feste Arbeit in der Tourismusbranche. Stolz zeigt sie mir ihre Gästeführerlizenz. Wir treffen im Tourismusbüro auf einen ihrer Kollegen, der mit ihr die Prüfung gemacht hat. Seine Anstellung bei der Regierung ist in Nepal der begehrte „Sechser im Lotto“. Ich kann die ärmlichen Verhältnisse, unter denen meine Begleiterin ihr Studium finanzieren muss, nur erahnen. Sie ist ein Trennungskind und wohnt im Hause ihres Vaters, der sie nicht unterhalten kann. Strom haben sie nicht. Ich lade Krishna zu unserem morgigen Picnic ein.

Krishna ist stolz auf ihre Gästeführerlizenz
Krishna ist stolz auf ihre Gästeführerlizenz

Manjushri Park, 2. November 2013

Alles lässt sich toppen. Auch die Intensität mit der man den Strassenverkehr von Kathmandu erlebt. Heute bin ich mit dem Motorrad unterwegs. Mohan holt mich um 7:30 Uhr im Hotel ab und steuert mit mir seine kleine indische Maschine einmal mitten durch die Millionenstadt. Er ist ein umsichtiger Fahrer. Nur auf meine Knie muss ich selbst aufpassen. Das merke ich schnell, nachdem ich ein paar Mal Fußgänger touchiert habe. Sicherheitsabstände gibt es hier nicht. Die wären auch gar nicht umsetzbar. Die Masse hat sich zu arrangieren – Punkt. Schlaglöchern weicht Mohan dann geschickt aus, wenn die anderen es zulassen. Meistens tun sie es nicht. Beim Samakuhsi Chwok treffen wir auf unsere zwei Busse. Wir navigieren sie zum Haus.

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Auf Tuchfühlung mit dem Straßenverkehr in Kathmandu.

Die Kinder warten schon. Ich steige in den Mädchenbus ein. Menuka hat mir einen Platz freigehalten. Dafür schenke ich ihr einen Luftballon und bereue meinen Fehler sofort. Über mich schwappt eine Woge von Mädchen herein: „Uncle, give me a yellow, I want a green, please a long one“. Die Praktikantinnen hatten mich gewarnt mit give aways zurückhaltend zu sein. Wer nicht hören will, …

Wir fahren hinaus zum Manjushri-Park, 10 Kilometer vor der Stadt. Er grenzt an die Chobar-Schlucht. Hier soll der Gott Manjushri mit seinem Schwert den Abfluss für den See im Kathmandu-Tal geschlagen und damit die Besiedelung möglich gemacht haben.

Hari hat einige Leute aus seinem Dorf engagiert, die für uns in einem Pavillon das Frühstück zubereiten. Es gibt Toast mit Marmelade, Eier und heiße Milch. Danach sind die Kinder rasch verschwunden. Sie erkunden in Gruppen den weitläufigen Park. Einige spielen mit Navraj Fußball. Auf dem kleinen Aussichtspunkt zieht die Kinder eine Horde Affen magisch an. Diese zeigen sich ziemlich friedfertig und halten gebührenden Abstand. Eingreifen ist nicht nötig. In der Ferne sieht man die ersten Häuser von Kathmandu. Der Smog, der auch heute wieder über der Stadt liegt, verbirgt vieles von ihr. Ich steige mit Himal, einem der Jungs hinab zur Ganesh-Tempelanlage am Bagmati. Es könnte hier idyllisch sein. Der Zustand des Flusses verhindert diesen Gedanken. Zum Abwasserkanal verkommen trägt er die Abwaesser und den Müll aus Kathmandu hier heraus. Große Schaumteppiche schwimmen auf der Wasseroberfläche, das Ufer ist dick belegt mit Plastikmüll. Die Kinder stört es nicht. Sie kennen es nicht anders. Umweltbewusstsein ist nicht angeboren.

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Der Bagmati ist zum Abwasserkanal verkommen.

Erneut positiv beeindruckt bin ich hingegen von den logistischen Fähigkeiten der Nepalis. Für 46 Kinder und ihre Entourage unter einfachsten Bedingungen ein komplettes Menü zuzubereiten, ist eine organisatorische Meisterleistung. Die Küchenmannschaft scheint ein eingespieltes Team zu sein. Raj gibt den Ton an. Er ist Koch in einem Hotel. Auf zwei Gaskochern werden zunächst die Zutaten vorbereitet. Raj fritiert die Hühnchenteile und dünstet nacheinander Spinat, Bohnen, Tomaten und Blumenkohl. Zum Schluss kommt der Reis. Nach dem Abgießen wird er noch gebuttert.

Die Kueche ist einfach aber wirkungsvoll
Die Küche ist einfach aber wirkungsvoll

Navraj sammelt derweilen die Kinder ein. Ich erlebe ihn als ihre wichtigste Bezugsperson. Er erfährt ihre Zuneigung, aber auch ihren Respekt. Dass auch ich großen Respekt vor seiner Arbeit habe sage ich ihm. Darüber freut er sich sichtlich. Nabin hat im Pavillon mit Sachin das Buffet hergerichtet. Zum Essen, das hervorragend schmeckt,  gibt es Limonade.

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Das Menü ist perfekt

Krishna ist aus ihrem Dorf zum Picnic gekommen. Ich finde es schön, dass sie meine Einladung angenommen hat. Nachdem die Kinder mit den Bussen abgefahren sind, helfen wir beide den anderen beim Aufräumen. Krishna hat eine große Plastiktüte geholt und wir sammeln den Müll ein. Wohin damit? Müllbehälter gibt es nicht. Wozu auch, es kommt ja doch keiner, um die Hinterlassenschaften der Parkbesucher abzuholen. Wir finden einen Verbrennungsplatz aus Betonringen. Wie praktisch. Ob diese hier gebräuchliche Form der Entsorgung eine gute Lösung ist? Ich fürchte nein.

Dollu, 3. November 2013

In Hari Khumars Haus verbringe ich mit seiner Familie und Nabin einen stimmungsvollen Abend. Wir sitzen vor dem kleinen bäuerlichen Anwesen auf der lehmgemauerten Veranda. Die beiden Mädchen Prayasa und Ehsa schmücken den Hof für das Tihar. Mit Blütenblättern haben sie ein kunstvolles Bild ausgelegt. Die Symbolik erschliesst sich mir nicht. Seltsamerweise ist eines der farbigen Zeichen ein Hakenkreuz. Rings um uns herum stellen die Mädchen Öllämpchen auf, die eine entrückte Stimmung erzeugen. Haris Frau Mithu serviert uns das Dhal Bhaat. Da ruft er an. Besorgt erkundigt er sich bei mir, ob hier alles nach meinen Wünschen läuft. Er umrundet mit einer Gruppe die Annapurna. Ich kann ihn beruhigen und berichte vom erfolgreichen Verlauf unseres gestrigen Picnic.

Die Maedchen schmuecken den Hof fuer das Tihar
Die Mädchen schmücken den Hof für das Tihar

Auf dem Sozius seines Motorrades hat mich Mohan gestern hierher nach Dollu gebracht. Ich wohne in einem Gästehaus in einer kleinen Wohnung mit ansprechendem Komfort. Es gehört zu einem Gesundheitszentrum, das die traditionelle tibetische Heilkunst anwendet. Ohnehin ist der Buddhismus allgegenwärtig hier im Tal. Allein in dem kleinen Dorf befinden sich drei Klöster. Im größten leben 1200 Mönche. Viele von ihnen sind Kinder. Die Mönche gehören zum Straßenbild. Einer sitzt im Cyber Shop neben mir am Computer.

Arme Staedte, reiche Kloester
Arme Städte, reiche Klöster

Heute morgen sind Nabin und ich auf den Champadevi (2200 m) hinaufgestiegen und haben von dort einen traumhaften Blick auf den Ganesh-Himal und den Langtang-Himal genossen. Es schien, als würden die eisigen Riesen gleichsam aus den Dunstglocke von Kathmandu herauswachsen. Tief unter uns sahen wir den Bagmati. Wir konnten den Durchbruch des Flusses, die Chobar-Schlucht mit dem Park erkennen. Beim Aufstieg auf den Berg sind wir auf eine kunstvoll gemauerte Treppenanlage gestoßen, 1,80 Meter breit, bestehend aus exakt zugeschnittenen Natursteinen. Nabin, nach deren Bedeutung befragt, hat mir erklärt, dies sei eine Hikingroute. Sie habe insgesamt eine Länge von 2 Kilometern.  Auf meine weitere Nachfrage, wer diese benötigen würde schaut er mich verständnislos an und verweist auf die Touristen. Ich war etwas betreten und habe mir insgeheim ausgemalt, wieviel Straßenkilometer damit repariert werden könnten.

Brauchen Touristen das?
Brauchen Touristen das?

Das Tihar, 5. November 2013

Gestern habe ich kurz überlegt, ob ich nochmals die Dienste von Krishna in Anspruch nehmen soll. Nachdem ich aber weiß, dass sie zweieinhalb Stunden braucht, um aus ihrem Dorf mit dem Bus in die Hauptstadt zu kommen, habe ich mich anders entschieden. Ich verlasse nach dem Frühstück das Touristenviertel Thamel und tauche alleine ein in die Altstadt von Kathmandu. Am Durban Square setze ich mich auf die oberste Stufe des Maju Deval, einem Tempel aus dem 17. Jahrhundert und beobachte das bunte Treiben. Ein köstliches Vergnügen. Es ist früh am Morgen und die Märkte erwachen erst so richtig.

Maju Deval am Durban Square
Maju Deval am Durban Square

Ein schmutziger Straßenjunge bettelt mich an und lässt sich nicht abweisen. Da kommt mir Sion zur Hilfe. Ein Paradiesvogel. Ich habe ihn schon eine Weile beobachtet. Er ist bunt gekleidet, hat grell lackierte Fingernägel und wildes Haar. Zu den Straßenkindern scheint er ein gutes Verhältnis zu haben. Er nimmt den Jungen kurz in den Arm und flüstert ihm ein paar Worte auf Nepali zu. Daraufhin lässt dieser sofort von mir ab. Sion ist aus Barcelona. Das bürgerliche Leben hat er hinter sich gelassen. Er lebt seit längerem in Kathmandu, davor in Thailand und China. Wie er sich finanziert, traue ich mich nicht zu fragen. Sion interessiert sich für mein Engagement für Haus der Hoffnung.

Sion ist aus dem buergerlichen Leben ausgestiegen
Sion ist aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen

Der Markt füllt sich zusehends. Im Gegensatz zu Thamel sehe ich aber fast keine Touristen. Ich kaufe einem Inder eine Bambusflöte ab, die ich Rosa schenken will. Auch mit Orangen versorge ich mich für die morgige Busfahrt.

Ich versorge mich mit Fruechten fuer die Busfahrt ins Helambu
Ich versorge mich mit Früchten für die Busfahrt ins Helambu

Unsicher habe ich mich keinen Augenblick gefühlt und es bereitet mir Vergnügen, mit den Nepalis ins Gespräch zu kommen. Gelegenheiten gibt es auf dem Markt und in den Gassen zur Genüge. Obwohl natürlich alle ein Geschäft machen wollen, erlebe ich die Menschen selten aufdringlich. Sie erkundigen sich immer nach meinen Eindrücken von Nepal. Wenn sie hören, dass es bereits mein zweiter Aufenthalt in ihrem Land ist, scheine ich in ihrer Achtung deutlich zu steigen. Auf dem Makhan Platz schaue ich den unzähligen Tauben zu. Da setzt sich der Inhaber einer Mandala Malschule zu mir und empfiehlt mir, mein Brillenetui wegen der überall präsenten Straßenkinder wegzustecken. Obwohl er erfährt, dass ich bereits ein Mandala in meinem Wohnzimmer hängen habe, erzählt er mir ausführlich von seiner Arbeit. Kurz darauf bietet mir Pasang seine Dienste als Trekkingguide an. Rasch merkt er, dass ich bereits gut versorgt bin. Trotzdem zeigt er mir stolz seine Mappe mit vielen Empfehlungsbriefen und Bildern deutscher Kunden. Ein Newari mit Bauchladen gesellt sich zu uns. Er ist fest davon überzeugt, dass ich auf meiner Trekkingtour sein Tigerbalsam brauche, das bei Beschwerden aller Art Abhilfe schaffen kann. Ich lehne dankend ab und erkläre ihm, dass Wein mein Lebenselixier sei. Darüber amüsiert er sich köstlich.

Die Tauben am Makhan Platz
Die Tauben am Makhan Platz

Gestern habe ich ein paar Stunden mit den Kindern verbracht. Ich bin mindestens fünfzig Mal gefragt worden, ob ich auch wirklich zu ihrem Fest komme. Im Haus waren die Vorbereitungen fuer das Tihar in vollem Gange. Navraj hat mir erzählt, dass er außer der Reisegruppe aus Deutschland noch weitere Gäste erwartet, darunter auch die Nachbarn. Stühle werden angeliefert und ein Zeltdach als Schattenspender aufgebaut.

Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen
Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen

Auf die Begleitung von Nabin habe ich heute nachmittag verzichtet, obwohl er sie mir angeboten hat. Zwischenzeitlich finde ich den Weg zum Haus der Kinder selbst. Ich bin früher da und kann die Nervosität der Akteure förmlich fühlen. Alle sind in fantasievolle Gewänder gekleidet. Navraj sieht aus wie ein indischer Maharadscha.

Navraj sieht aus wie ein indischer Maerchenprinz
Navraj sieht aus wie ein indischer Märchenprinz

Jeder fiebert seinem Auftritt entgegen. Zunehmend füllt sich der Hof. Ellen kommt mit ihrer Reisegruppe und begrüßt mich herzlich. Sie stellt den Gästen alle Kinder persönlich vor und berichtet von den vielfach traumatischen Erfahrungen, die diese hinter sich haben. Am Schluss füllen rund 150 Menschen den kleinen Hof. Eine Küchenmannschaft bereitet sich auf die Bewirtung der Gäste vor. Dann brennen die Kinder ein Feuerwerk der guten Laune ab. Sie zeigen mit spürbarer Begeisterung, was sie mit den Praktikanten aus Deutschland einstudiert haben. Musik und Tanz haben es ihnen besonders angetan.

Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan
Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan

Sundarijahl – Chisopani, 6. November 2013

Gestern war ich kurz aus dem Gleichgewicht. Als ich meinen Rucksack spät am Abend gepackt habe, stellte ich fest, dass mein Schlafsack fehlt. Er muss mir im Hotel gestohlen worden sein. Ich habe sofort Nabin angerufen. Ohne das Teil bin ich bei unserer Trekkingtour aufgeschmissen. Nabin beruhigte mich und versprach, mir einen Schlafsack mitzubringen. An der Rezeption des Kathmandu Guesthouses habe ich für einige Aufregung gesorgt und verlangt, den Hotelmanager zu sprechen. Zu dieser späten Stunde ist dies nicht mehr gelungen. Mir wird ein Gespräch mit ihm am Tag unserer Rückkehr zugesagt.

Heute morgen rumpeln wir mit dem Linienbus nach Norden, hinaus aus der Stadt. Auf dem Dach des Busses weht die rote Maoistenfahne.

Auf dem Dach unseres Busses weht die rote Maoistenfahne
Auf dem Dach unseres Busses weht die rote Maoistenfahne

Wir fahren durch eine Hochburg der Kommunisten, klärt mich Nabin auf. Ich registriere eine hohe Militärpräsenz. Immer wieder kommen wir an Armeeposten und Kasernen vorbei. Überall in den Dörfern prangen auf den Hauswänden Plakate mit Hammer und Sichel. In drei Wochen sind in Nepal Wahlen. Wieder sehe ich auch Hakenkreuze auf anderen Wahlplakaten. Ich erinnere mich an das Bild, das die Mädchen am Tihar in Haris Hof mit Blütenblättern gelegt hatten. Gibt es da einen Zusammenhang?

Wofuer steht das Hakenkreuz?
Wofür steht das Hakenkreuz?

Von Sundarijahl steigen wir 1000 Höhenmeter zum Borlang Bhanjyang-Pass hinauf, durchqueren den kleinen Shivapuri Nationalpark und gelangen nach vier Stunden schliesslich nach Chisopani. Vollmundig kündigen die Lodges ihre Vorzüge an. Das B.B.C.-Hotel, in dem wir absteigen, tut es auch.

"Sunrise View from your Bedroom"
„Sunrise View from your Bedroom“

Mein Zimmer ist ziemlich schmutzig. Trotzdem freue ich mich über die spartanische Nasszelle und den angekündigten „Surise View from your Bedroom“. Der Speiseraum ist unbeheizt und abends wird es schnell empfindlich kühl. Der Chef des Hauses sitzt im Rollstuhl. Trotz seiner Behinderung steuert er das Geschehen in dem Laden. Hari K.C. spricht leidlich Englisch. Er bietet mir an, von seinem Abendessen zu versuchen. Ich gebe ihm einen Korb. Er ist mir nicht böse.

Hari K.C. bietet mir von seinem Abendessen an
Hari K.C. bietet mir von seinem Abendessen an

Nach dem Dhal Bhaat steigen wir rasch in unsere Schlafsäcke. Ich kann so schnell nicht schlafen, denn die Dorfjugend von Chisopani macht noch lange einen ziemlichen Radau vor dem Laden.

Sunrise view from my Bedroom
Sunrise view from my Bedroom

Chisopani – Kutumsang, 7. November 2013

Streik! Dieses Wort macht unter den Trekkern die Runde. Wie ein böses Omen legt es sich über die kurzen Gespräche unterwegs. Wir treffen zwei Schweizer, die uns als erste berichten, dass ab 11. November in Nepal ein Generalstreik geplant sei. Sie wollen deshalb so schnell als möglich nach Kathmandu zurück. Wir schnappen es auf beim Lunch auf der Ganga Lodge in Lapcho. Mit einem deutschen Pärchen und einer Gruppe Engländer genießen wir von der Aussichtskanzel erster Güte herrliche Ausblicke ins Helambu. Es gibt gebratenen Reis mit Gemüse und Lemon Tea.

Herrliche Ausblicke ins Helambu bietet die Ganga Lodge
Herrliche Ausblicke ins Helambu bietet die Ganga Lodge

Nabin hat mit Hari Telefonkontakt und dieser bestätigt die Information ebenfalls. Später sind es zwei Tschechen, die davon wissen. Nabin versichert mir, dass es mit der Rückkehr nach Kathmandu auch bei einem Streik kein Problem gebe, da sich immer ein Transportmittel finden lasse. Ich bleibe entspannt. Abends sitzen wir mit den Tschechen, einer Gruppe Amerikanerinnen und deren Guides im geheizten Speiseraum. Es kommt so etwas wie Gemütlichkeit auf.

Die zwei Tschechen haben auch schon von dem Streik gehoert
Die zwei Tschechen haben auch schon von dem Streik gehört

Kutumsang – Tharepati, 8. November 2013

Wir haben einen Begleiter. Plötzlich ist er da. Ein zutraulicher hellbrauner Hund hat sich zu uns gesellt und steigt mit uns von Kutumsang zum 3220 m hoch gelegenen Kyuola Bhanjyang-Pass hinauf. Hier verschwindet er wie er gekommen ist. Vermutlich ist sein Revier zu Ende.

Wir steigen zu dritt auf den Pass hinauf
Wir steigen zu dritt auf den Pass hinauf

Auf der Passhöhe machen wir in der Green View Lodge eine Teepause. Ausserdem gibt es ein kurzes internationales Foto Shooting. Eine Koreanerin will sich unbedingt mit einem Kanadier und mir fotografieren lassen. Wir treffen auf dem Trek mit den beiden immer wieder zusammen.

Korea trifft Kanada trifft Deutschland
Korea trifft Kanada trifft Deutschland

Garge ist ein lustiger Kerl. Er hat seinem Rucksack einen Instrumentenkasten aufgeschnallt. Eine Mandoline sei da drin, verrät er mir auf meine Frage. Hinter der Sumcho Lodge sitzt er auf einem Grashügel, singt und spielt. Dabei ist es bitter kalt dort oben. Immerhin sind wir auf 3580 m. Es ist der höchste Punkt unserer Tour. Morgen beginnt der Abstieg.

Garge spielt seine Mandoline
Garge spielt seine Mandoline

Tharepati – Tarkekhyang, 9. November 2013

Die Sonne bringt noch keine Waerme
Die Sonne bringt noch keine Wärme

Es ist noch kälter geworden. Am Morgen schneit es. Beeindruckt bin ich davon, wie die Nepali mit der Kälte umgehen. Viele von ihnen tragen in ihren Sandalen keine Socken. Auch der Dreijährige der Hüttenwirtsfamilie flitzt leicht bekleidet zwischen uns herum. Ich werfe einen Blick in die Küche. Es ist der einzig ständig beheizte Raum in der Lodge. Die Guides und Porter essen dort. Gleichzeitig dient sie der Familie als Schlafraum.

Bitterkalt ist es in Tharepati geworden
Bitterkalt ist es in Tharepati geworden

Garge ist unruhig. Er will heute über den Laurebin La-Pass (4610 m) ins Gosaikund hinüber. Die Einheimischen raten ihm ab. Dort oben schneit es heftig. Wie sich Garge letztlich entschieden hat, erfahren wir nicht mehr. Wir gehen eine Etage tiefer. Eigentlich sind es gleich zwei. 1600 Höhenmeter steigen wir über Melamchi zum Melamche Khola hinunter, um dann auf der anderen Talseite zum Sherpadorf Tarkeghyang wieder 700 m hinaufzusteigen. Ich gestehe es. Ich bin platt. Nabin und ich gönnen uns in der Lodge ein Bier.

Tarkekhyang – Kakani, 10. November 2013

Ein schöner Tag. Und eine schöne Begegnung gleich zu Beginn. Wir verlassen unser Sherpadorf, wandern weitgehend niveaugleich an der Hangkante entlang und geniessen die Tiefblicke ins Tal des Melamche Khola. Würden nicht überall Rhododendren und Bambus wachsen, könnten wir auf den Schwäbischen Alb sein, geht mir durch den Kopf. Nach einer halben Stunde erreichen wir das kleine Dorf Setighyang. In seiner Mitte liegt das buddhistische Kloster. Auf meinen Wunsch hin erkundigt sich Nabin, ob wir einen Blick ins Innere werfen dürfen. Die Leute, die er gefragt hat, stimmen bereitwillig zu. Mir scheint, sie freuen sich sogar über meinen Wunsch. Die Anzahl der Schuhe auf der Eingangstreppe lässt darauf schliessen, dass der Gebetsraum gut gefüllt ist. Wir stellen unsere Stiefel dazu und treten ein. Eine feierliche Atmosphäre empfängt uns und ein freundliches „Namaste“ schallt uns vielfach entgegen. Der kostbar ausgeschmückte Raum ist erfüllt von dem Duft aus Räucherstäbchen. Auf dem Altar erkenne ich kunstvolle Buddhastatuen. Die anwesenden Mönche und Einheimische aus Setighyang und den umliegenden Dörfern rezitieren in einem monotonen Singsang aus bedruckten Papierfahnen, die sie vor sich auf dem Schoß liegen haben.

Eine feierliche Atmosphaere empfaengt uns und ein freundliches "Namaste"
Eine feierliche Atmosphäre empfängt uns und ein freundliches „Namaste“

Wir wollen vor dem Kloster bereits unsere Rucksäcke schultern, da laden uns die Umstehenden in die Küche eines kleinen Hauses neben dem Kloster zum Tee ein. Wir trinken ihn aus Porzellanschalen. Es ist meine erste Begegnung mit tibetischem Buttertee. Eine Erfahrung der besonderen Art. Auf die Liste meiner Getränkefavoriten werde ich ihn definitiv nicht nehmen. Fotos werden mir gerne erlaubt. Nabin muss den Leuten versprechen, bei seinem nächsten Trek Abzüge davon mitzubringen.

Meine erste Begegnung mit tibetischem Buttertee. Eine Erfahrung der besonderen Art
Meine erste Begegnung mit tibetischem Buttertee. Eine Erfahrung der besonderen Art

Unser Trek geht morgen zu Ende und damit rückt der angekündigte Generalstreik wieder in unser Blickfeld. Nabin ist mit Hari in ständigem Telefonkontakt. Es gibt nichts Neues. Mithu hört die Nachrichten ab. Auch sie kann uns die Sorge nicht nehmen, dass der Ausstand morgen beginnt. Wie kommen wir dann von Melamchi Bazaar, der Endstation der Trekkingroute nach Kathmandu zurück? Wir müssen schauen, meint Nabin nur. Kurz vor unserem Etappenziel Kakani erreicht uns um 15:30 Uhr erneut ein Anruf von Hari. Er empfiehlt uns, heute noch nach Melamchi Bazaar abzusteigen, um für die Suche nach einem Transfer im Streikfall mehr Zeit zu haben. Auch wenn sich meine Begeisterung in Anbetracht eines weiteren Abstiegs von 1000 m in Grenzen hält, überzeugen mich die Argumente. Mein Rückflugticket ist für den 12. November ausgestellt. Ich muss morgen in die Hauptstadt zurück.

Wir rüsten uns für den Abstieg. Nabin kauft in dem kleinen Laden der Lodge noch schnell eine Taschenlampe, denn um 17:30 Uhr wird es dunkel und keiner von uns hat eine Stirnlampe dabei. Meine liegt im Koffer in Kathmandu. Nur die Ersatzbatterien, die habe ich durchs Helambu geschleppt. Als wir unsere Rucksäcke schultern, rufen uns ein paar Einheimische zurück. Sie erzählen Nabin, dass in der Nacht ein Jeep aus den Bergdörfern nach Kathmandu fahre. Meine Knie wären bereit, sofort jeden geforderten Preis zu bezahlen. Nun beginnt ein munteres telefonisches Verhandeln zwischen Nabin, der Hari zuschaltet, den einheimischen Informanten und dem Jeepfahrer, irgendwo auf der Piste.

Der Transfer nach Kathmandu wird ausgehandelt und fixiert
Der Transfer nach Kathmandu wird ausgehandelt und fixiert

Letztlich fixieren wir die Vereinbarung wie folgt: Die Abfahrt ist um 1 Uhr in der Nacht. Der Fahrpreis für uns beide beträgt 3000 Rupien. Dies sind umgerechnet 20 Euro für die rund 3stündige Fahrt. Ich akzeptiere sofort.

Mit Roman und Tek sitzen wir beim Dhal Bhaat zusammen. Wir sind die einzigen Gäste. Roman kommt aus Berlin; ein Globetrotter und Couchsurfer. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Von Roman erfahre ich, was es mit dem Hakenkreuz auf sich hat. Es ist eine Swastika und gilt bei den Buddhisten und Hindus als Glücksbringersymbol. Mit unserer unrühmlichen Vergangenheit hat es nichts zu tun.

Mit Roman und Tek verbringen wir den letzten Abend
Mit Roman und Tek verbringen wir den letzten Abend

Kakani – Kathmandu, 11. November 2013

Die Nacht ist sternenklar, als wir aus unserem Schlafraum hinaustreten. Es ist windstill und die Temperatur ist angenehm. Nabin hat um 0:30 Uhr mit dem Jeep-Fahrer telefoniert. Er kommt pünktlich. Das Fahrzeug ist bereits gut gefüllt. Alles Gepäck muss aufs Dach, denn weitere Fahrgäste kommen dazu. Diese nehmen wir in Gehöften unterwegs auf. Am Ende sind es 9 Personen. Mehr ginge auch bei extremer Kompression nicht. Im Innenraum stinkt es. Ich trage meinen Teil dazu bei und sehne mich nach der Dusche im Hotel. Das Radio hämmert Nepal-Sound. Der Fahrer steuert den Toyota Jeep mit stoischer Gelassenheit über die abenteuerliche Piste talwärts. Ihn würde jede Stuntshow sofort nehmen. Als der Neigungswinkel des Fahrzeugs einmal in den roten Bereich gerät, flüstert Nabin mir zu, ich müsse keine Angst haben. Der Fahrer habe ihm versichert, er würde meinetwegen besonders vorsichtig fahren. Die anderen Fahrgäste scheinen meine Beklemmung auch bemerkt zu haben. Für sie bin ich die willkommene Abwechslung und sie treiben ihre Spässe mit mir. Ich nehme es mit Humor.  Im Scheinwerferkegel erkenne ich, dass sich die Vegetation ändert. Zunehmend begrenzen Bananenstauden die Fahrbahn. Wir queren mehrere Bäche. Mit und ohne Brücke. Nach eineinhalb Stunden sind wir im Tal. Von einem Armeeposten werden wir nur kurz aufgehalten. Ein Soldat leuchtet mit der Taschenlampe ins Fahrzeug und winkt uns durch. Um vier Uhr morgens erreichen wir Kathmandu und wechseln in einem Vorort das Fahrzeug. Wir wecken einen Taxifahrer in seinem Auto und er bringt uns nach Thamel. In der Lobby des Hotels legen wir uns in eine Ledergarnitur und warten aufs Frühstück. Ich freue mich auf meinen letzten Tag in Kathmandu, Streik hin oder her.