Das Tihar, 5. November 2013

Gestern habe ich kurz überlegt, ob ich nochmals die Dienste von Krishna in Anspruch nehmen soll. Nachdem ich aber weiß, dass sie zweieinhalb Stunden braucht, um aus ihrem Dorf mit dem Bus in die Hauptstadt zu kommen, habe ich mich anders entschieden. Ich verlasse nach dem Frühstück das Touristenviertel Thamel und tauche alleine ein in die Altstadt von Kathmandu. Am Durban Square setze ich mich auf die oberste Stufe des Maju Deval, einem Tempel aus dem 17. Jahrhundert und beobachte das bunte Treiben. Ein köstliches Vergnügen. Es ist früh am Morgen und die Märkte erwachen erst so richtig.

Maju Deval am Durban Square
Maju Deval am Durban Square

Ein schmutziger Straßenjunge bettelt mich an und lässt sich nicht abweisen. Da kommt mir Sion zur Hilfe. Ein Paradiesvogel. Ich habe ihn schon eine Weile beobachtet. Er ist bunt gekleidet, hat grell lackierte Fingernägel und wildes Haar. Zu den Straßenkindern scheint er ein gutes Verhältnis zu haben. Er nimmt den Jungen kurz in den Arm und flüstert ihm ein paar Worte auf Nepali zu. Daraufhin lässt dieser sofort von mir ab. Sion ist aus Barcelona. Das bürgerliche Leben hat er hinter sich gelassen. Er lebt seit längerem in Kathmandu, davor in Thailand und China. Wie er sich finanziert, traue ich mich nicht zu fragen. Sion interessiert sich für mein Engagement für Haus der Hoffnung.

Sion ist aus dem buergerlichen Leben ausgestiegen
Sion ist aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen

Der Markt füllt sich zusehends. Im Gegensatz zu Thamel sehe ich aber fast keine Touristen. Ich kaufe einem Inder eine Bambusflöte ab, die ich Rosa schenken will. Auch mit Orangen versorge ich mich für die morgige Busfahrt.

Ich versorge mich mit Fruechten fuer die Busfahrt ins Helambu
Ich versorge mich mit Früchten für die Busfahrt ins Helambu

Unsicher habe ich mich keinen Augenblick gefühlt und es bereitet mir Vergnügen, mit den Nepalis ins Gespräch zu kommen. Gelegenheiten gibt es auf dem Markt und in den Gassen zur Genüge. Obwohl natürlich alle ein Geschäft machen wollen, erlebe ich die Menschen selten aufdringlich. Sie erkundigen sich immer nach meinen Eindrücken von Nepal. Wenn sie hören, dass es bereits mein zweiter Aufenthalt in ihrem Land ist, scheine ich in ihrer Achtung deutlich zu steigen. Auf dem Makhan Platz schaue ich den unzähligen Tauben zu. Da setzt sich der Inhaber einer Mandala Malschule zu mir und empfiehlt mir, mein Brillenetui wegen der überall präsenten Straßenkinder wegzustecken. Obwohl er erfährt, dass ich bereits ein Mandala in meinem Wohnzimmer hängen habe, erzählt er mir ausführlich von seiner Arbeit. Kurz darauf bietet mir Pasang seine Dienste als Trekkingguide an. Rasch merkt er, dass ich bereits gut versorgt bin. Trotzdem zeigt er mir stolz seine Mappe mit vielen Empfehlungsbriefen und Bildern deutscher Kunden. Ein Newari mit Bauchladen gesellt sich zu uns. Er ist fest davon überzeugt, dass ich auf meiner Trekkingtour sein Tigerbalsam brauche, das bei Beschwerden aller Art Abhilfe schaffen kann. Ich lehne dankend ab und erkläre ihm, dass Wein mein Lebenselixier sei. Darüber amüsiert er sich köstlich.

Die Tauben am Makhan Platz
Die Tauben am Makhan Platz

Gestern habe ich ein paar Stunden mit den Kindern verbracht. Ich bin mindestens fünfzig Mal gefragt worden, ob ich auch wirklich zu ihrem Fest komme. Im Haus waren die Vorbereitungen fuer das Tihar in vollem Gange. Navraj hat mir erzählt, dass er außer der Reisegruppe aus Deutschland noch weitere Gäste erwartet, darunter auch die Nachbarn. Stühle werden angeliefert und ein Zeltdach als Schattenspender aufgebaut.

Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen
Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen

Auf die Begleitung von Nabin habe ich heute nachmittag verzichtet, obwohl er sie mir angeboten hat. Zwischenzeitlich finde ich den Weg zum Haus der Kinder selbst. Ich bin früher da und kann die Nervosität der Akteure förmlich fühlen. Alle sind in fantasievolle Gewänder gekleidet. Navraj sieht aus wie ein indischer Maharadscha.

Navraj sieht aus wie ein indischer Maerchenprinz
Navraj sieht aus wie ein indischer Märchenprinz

Jeder fiebert seinem Auftritt entgegen. Zunehmend füllt sich der Hof. Ellen kommt mit ihrer Reisegruppe und begrüßt mich herzlich. Sie stellt den Gästen alle Kinder persönlich vor und berichtet von den vielfach traumatischen Erfahrungen, die diese hinter sich haben. Am Schluss füllen rund 150 Menschen den kleinen Hof. Eine Küchenmannschaft bereitet sich auf die Bewirtung der Gäste vor. Dann brennen die Kinder ein Feuerwerk der guten Laune ab. Sie zeigen mit spürbarer Begeisterung, was sie mit den Praktikanten aus Deutschland einstudiert haben. Musik und Tanz haben es ihnen besonders angetan.

Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan
Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan