Von Abschieds und Geburtstagstouren

Urner Gipfel

Vorletzter Tag.
Franziska und Iris bringen uns einen Honigkräuterschnaps und den Wetterbericht für den nächsten Tag. Es scheint, sie wollen uns mit ihrer Runde vorbereiten auf die schlechten Aussichten für unsere weiteren Unternehmungen. Die Schneefallgrenze soll in der Nacht auf unter 2000 m absinken. Als wir unser Lager aufsuchen, prasseln bereits heftige Graupelschauer gegen das Fenster.
Die jungen Mädchen imponieren uns. Beide dürften kaum älter als 25 Jahre sein. Selbstbewusst bewirtschaften sie ganz alleine die Sustlihütte (2264 m). Franziska ist die Tochter der Hüttenwirtsfamilie. Ihre Eltern sind im Urlaub. Iris ist Helferin auf der Hütte und die eigentliche „Chefin im Ring“. Ihre klaren Ansagen zu den Spielregeln hier oben akzeptieren wir anstandslos. Die Chemie zwischen uns stimmt; beide können sich aber auch ganz auf unsere Gruppe konzentrieren. Während unseres Aufenthalts bleiben wir die einzigen Gäste. Nicht ein Tagesgast hat sich hat sich während der Tage hier oben blicken lassen. Das Saisonende naht.
Wir haben den heutigen Tag gut genutzt. Jochen und Volkhard sind mit Bodo, Franz, Lothar und mir an den Kanzelgrat gegangen. Eine „lässige Tour“ hat uns Iris angekündigt. Will heißen, „wenig anspruchsvoll“. Genau das, was wir heute brauchen. In zwei Zweierseilschaften begehen wir den leichten Grat (III). Jochen und Volkhard begleiten uns solo. Wir vertiefen unsere Kenntnisse im Standplatzbau und im Legen von Zwischensicherungen. Nach dem Abseilen vom höchsten Punkt (2444 m) setzen wir uns auf einem grasigen Band in die Sonne. Tief unter uns liegt das Meiental. Die Passstraße windet sich hinauf zum Sustenpass (2224 m). Sie verbindet in den Sommermonaten die Kantone Uri und Bern. Wir können unsere Autos beim Gasthaus Sustenbrüggli (1907 m) sehen.

Am Kanzelgrat
Am Kanzelgrat

Das Meiental ist ein weitgehend unberührt gebliebenes, wildromantisches Seitental des oberen Urner Reusstales. Eine aussterbende Talschaft. Die Leerstände sind unübersehbar. Politisch gehört Meien zur Gemeinde Wassen. Wassen hat in 100 Jahren die Hälfte seiner Einwohner verloren; das Meiental sogar zwei Drittel. In der Talschaft wohnen heute noch 77 Menschen. Die jungen Leute verlassen das Tal auf der Suche nach Perspektiven. Trotz vieler Maßnahmen ist es der Regierung nicht gelungen, der Abwanderung die Stirn zu bieten.

Eine Etage über uns haben Jürgen S. und Klaus mit Felix, Matthias, Michael und Monika den Trotzigplanggstock (2954 m) über den Südgrat (4+) bestiegen. Sie berichten sichtlich zufrieden von einer „wunderschönen Tour“ im Urner Granit. Ein Klassiker. Bei ihnen scheint es deutlich kälter gewesen zu sein. Mit Vereisungen hatten sie aber nicht zu kämpfen.

Am Trotzigplanggstock - ein Urner Klassiker
Am Trotzigplanggstock – ein Urner Klassiker

Letzter Tag.
Die Meteorologen haben leider Recht behalten. Wir kriechen deshalb erst spät unter unseren warmen Wolldecken hervor. 7:15 Uhr haben wir mit den Mädchen für den Beginn des Frühstücks ausgehandelt. Die Waschbetonplatten zum Toiletten- und Waschhaus sind vereist. Ich ziehe das Genick ein und bringe eine Katzenwäsche hinter mich. Eine Schneeschicht bedeckt die Hütte und ihre Umgebung. Dicke Wolkenpakete verhüllen die Gipfel. Auch die Solarmodule auf dem Dach sind zugeschneit. Das ist ein Problem für die weitere Stromversorgung. Iris freut sich sehr darüber, dass sich Jochen bereit erklärt, ihr die heikle Aufgabe abzunehmen, die Module frei zu räumen.

Jochen sorgt für Strom
Jochen sorgt für Strom

Beim Frühstück zeigt uns Klaus die Optionen für den heutigen Tag auf. Uns bleiben nur wenig Möglichkeiten. Klettern fällt selbstredend flach. Franziska rät auch von der alpinen Tour zum Sustenpass über das Guferjoch ab. Zu ausgesetzt sei sie und der Gang über das vereiste Blockgelände heikel. Auch der dreistündige Gang zur Sewenhütte und zurück erscheint uns nicht gerade verlockend. Die Entscheidung, abzusteigen und einen Tag früher nach Hause zu fahren, fällt deshalb schnell. Wir hadern nicht damit. Die Tage, die wir gut genutzt und in kameradschaftlicher Geschlossenheit verbracht haben, kann uns niemand nehmen.
Jürgen S., Klaus und Volkhard bleiben. Die drei Freunde entschließen sich zu einer winterlichen Besteigung des Grassen (2946 m). Eine anspruchsvolle Unternehmung bei diesen Verhältnissen. Unsere guten Wünsche begleiten sie beim Abschied. Wir haben großes Vertrauen in ihre langjährige Erfahrung. Erleichtert sind wir trotzdem, als uns Jürgen S. gegen 17:00 Uhr telefonisch die gesunde Rückkehr zur Hütte meldet. Die drei mussten in der steilen Südwand unter dem Schnee die Tritte, Griffe und Sicherungsmöglichkeiten suchen. Über leichteres Blockgelände und durch eine Rinne neben dem eigentlichen Grat stiegen sie in seilfreier Kletterei zum nebelverhangenen Gipfel hinauf. Insgesamt waren unsere Freunde sieben Stunden ohne Pause unterwegs und, wie sie einräumten, von den Schwierigkeiten doch sehr gefordert.

Die Tage davor.
Wir haben uns am Dienstagnachmittag in zwei Gruppen auf der Hütte getroffen. Die meisten von uns kennen sich seit vielen Jahren und für sie ist die Sektionskletterausfahrt ein fester Termin im Jahreskalender. Neu dabei sind Felix und Michael. Die beiden fügen sich gut in unsere Gruppe ein und wir freuen uns über den Zuwachs. Lothar nimmt in diesem Jahr seinen Abschied. Er war 27 Jahre lang regelmäßiger Teilnehmer. Wir werden ihn vermissen. Seine Sicherheit und Zuverlässigkeit als Seilpartner und seine angenehme kameradschaftliche Art hat uns gut getan.

Lothar wird uns fehlen
Lothar wird uns fehlen

Bodo, Jochen, Jürgen, Klaus, Volkhard und ich sind aus dem Verwall gekommen. Eine anspruchsvolle Unternehmung liegt bereits hinter uns. Wir haben sie Bodo zum runden Geburtstag geschenkt. Seit vielen Jahren stand der Berg bei den meisten von uns auf der Wunschliste. „Formschönster und gewaltigster Gipfel der Verwallgruppe“, dieses Attribut gibt ihm der AV-Führer. Der Patteriol (3056 m). Unser Stützpunkt für seine Besteigung ist die Konstanzer Hütte (1688 m). Der Hüttenwirt hat uns das Winterhaus zugewiesen. Das kommt uns entgegen. Wir wollen früh aufbrechen und die anderen Gäste nicht stören. Den klassischen Anstieg durch die Ostwand und über den Nordostgrat (IV) haben wir gewählt. Jochen und Jürgen S. haben sich die direkte Einstiegsvariante (V-) vorgenommen und werden auf der Nordostgratschulter wieder zu uns stoßen.
Als es hell wird, stehen wir bereits am Abzweig vom Weg in das Fasultal. Der Anstieg auf den Vorbau ist unangenehm. Es gibt genussreicheres, als im Absturzgelände auf steilem und feuchtem Gras zu klettern. „Da lernt man festen Fels zu schätzen“, flüstere ich Volkhard zu, der vor mir steigt. Bei 2300 m erreichen wir nach zwei Stunden den Einstieg unter der Ostwand. Wir wissen, dass wir uns nicht viel Zeit lassen dürfen und drücken aufs Tempo.

Bodo in seiner Geburtstagstour
Bodo in seiner Geburtstagstour

Die leichten Passagen bis zum Grat gehen wir am langen Seil. Überrascht sind wir von der guten Felsqualität, die wir so nicht erwartet hatten. Besonders imponieren uns die Seillängen ab der Gratschulter. Steil, griffig und dementsprechend genussreich präsentieren sich die letzten Längen ab dem Wandbuch. Nach 25 Seillängen bei 700 Höhenmetern und rund 5 Stunden Kletterzeit stehen wir oben und klatschen uns ab.

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Am Gipfel des Patteriol (3056 m)

Wir sind von außen trocken geblieben. Bis jetzt jedenfalls. Eine dunkle Front im Westen verheißt nichts Gutes. Wir machen uns deshalb zügig an den Abstieg. Dieser führt nach Süden in die Scharte zwischen Haupt- und Südgipfel. Von dort aus zieht ein Band westlich hinauf zum Grat. Jetzt beginnt der Abstieg in das große Schuttkar. Es fängt an, heftig zu graupeln. Wir ertragen den Niederschlag und lenken uns mit meteorologischen Betrachtungen ab. Keine befriedigende Antwort finden wir auf die Frage, was den Unterschied zwischen Graupel und Hagel ausmacht. Eines ist sicher. Hätte uns die Front früher ereilt, wäre es unangenehm geworden. Zwei andere Bergsteiger stoßen zu uns. Sie wollten den Patteriol über die Südflanke ersteigen und haben sich verhauen. Heute wird das nichts mehr. Die beiden beschließen, morgen erneut anzugreifen. Abends auf der Hütte überlassen wir ihnen unsere Topos.
Als wir den Bruckmannweg erreichen, der von der Heilbronner Hütte herüberkommt, regnet es. Uns stehen noch 600 Höhenmeter Abstieg bevor.

Der Mittwoch hat auf der Sustlihütte vielversprechend begonnen. Wir frühstücken um sechs Uhr. Unter der Führung von Jochen und Jürgen S. wollen Jürgen W., Matthias, Michael und ich an die Grassen-Südwand, die im Grassen-Joch (2733 m) ansetzt. Es ist eine kombinierte Tour. Wir können den Zustieg von der Hüttenterrasse aus einsehen. Zunächst führt der blau-weiß markierte Pfad gut 200 Höhenmeter hinab. Wir queren den Bach und steigen auf der Gegenseite über loses Geröll und Blockwerk zur Gletscherzunge hinauf. Sie zu überwinden, braucht den Einsatz der Frontalzacken. Die Spaltenzone im unteren Bereich des Gletschers flößt uns Respekt ein und das Gehen zu sechst am Seil erfordert unsere Aufmerksamkeit. Jürgen ermahnt uns, auf die Abstände zu achten.

Die Spaltenzone flößt uns Respekt ein
Die Spaltenzone flößt uns Respekt ein

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir das Joch und machen uns fertig für den Einstieg. Da beginnt es zu regnen. Wir entschließen uns, das nächste Regenfenster abzuwarten. Mit unseren Rucksäcken quetschen wir uns unter einen Felsvorsprung und setzen uns auf die isolierenden Seile. Die Stimmung der Truppe ist schwankend. Optimistische Einschätzungen der weiteren Wetterentwicklung („gleich hört es auf“) wechseln sich mit eher pessimistischen Prognosen („es regnet sich ein“) ab. Nach eineinhalb Stunden ununterbrochenem Niederschlag werfen wir das Handtuch. Jürgen S. zeigt nach unten und wir treten den Rückzug an.
Das erste Blau zeigt sich, als wir erneut die untere Spaltenzone queren. Beim Ablegen der Steigeisen unterhalb des Gletschers hat es ganz aufgerissen. Damit müssen wir jetzt fertig werden. Wir sortieren uns in Ruhe. Plötzlich ein Knirschen und Reißen über uns. Wir fahren herum. Über uns löst sich von der Gletscherzunge im Zeitlupentempo ein Block von der Größe eines Autos. Wir spritzen reaktionsschnell auseinander und flüchten aus der Gefahrenzone. Neben uns schlagen die Eistrümmer ein. Wir überspielen die Schrecksekunde mit coolen Sprüchen. Bei aller Gelassenheit; das Erlebnis wird uns in Erinnerung bleiben.

Neben uns schlagen die Eistrümmer ein
Neben uns schlagen die Eistrümmer ein

Der Klettergarten Chli Sustli auf dem Weg zur Hütte ist unser nächstes Etappenziel. Ich finde eine trockene Gletscherschliffplatte und breite meine nassen Sachen darauf aus. Sollen sie in Ruhe trocknen. Jochen, Matthias und Michael betätigen sich in „Chäs und Brot“. Mit den beiden Jürgen klettere ich die 45-m-Route „Sennenchilbi“. Kaum sind wir oben, beginnt es erneut in Strömen zu regnen. Nun sind wir endgültig nass.
Dem anderen Teil unserer Gruppe ist es nicht anders ergangen. Nach den ersten drei Seillängen am Trotzigplanggstock mussten sie wegen Vereisung den Rückzug antreten. Mitleidig empfangen uns die Mädchen in der Hütte. Iris heizt für uns den Ofen im Trockenraum an und nimmt den Luftentfeuchter in Betrieb. Sie verbindet dies mit einer ihrer klaren Ansagen. „Wenn ihr das Fenster nicht zulasst, bringt es gar nichts und ich mache den Ofen wieder aus.“ Wir spuren. Sie ist hier die Chefin. Basta!

Iris ist die Chefin auf der Sustlihütte
Iris ist die Chefin auf der Sustlihütte