Ich bin raus

Ich schnalle den Tornister

„Wer reisen will,
Der schweig fein still,
Geh steten Schritt,
Nehm nicht viel mit,
Tret an am frühen Morgen,
Und lasse heim die Sorgen.“IMG_0621

Diesen Ratschlag des deutschen Schriftstellers Moscherosch habe ich auf einer Postmeilensäule aus dem Jahre 1736 im erzgebirgischen Oberwiesenthal gefunden. Auf meiner Wanderung ans Mittelmeer will ich mir seine Empfehlung zur Regel machen. Am 1. September schnalle ich den Tornister.

Mein Weg soll mich zunächst nach Augsburg führen und von da aus weiter in Richtung München. Irgendwo dort werden mich meine Freunde vom Alpenverein aufpicken und zum Klettern für ein paar Tage mit in den Wilden Kaiser nehmen. Über die Hohen Tauern will ich danach die Dolomiten ansteuern, um einen ihrer klassischen Höhenwege zu begehen. Das Ziel meiner Reise ist die Adria.

Über Etappenbegleitung würde ich mich freuen; sei es für einzelne Tage oder mehr, oder auch nur für ein paar Stunden. Um geneigten Mitwanderern den Anschluss zu erleichtern, will ich versuchen, diese am Verlauf meiner Reise teilhaben zu lassen.

1. September 2015. Oberstenfeld – Welzheim – 35 km

Es klingelt. Ich öffne. Draußen stehen Gerd und Reiner, zwei langjährige Freunde aus meiner Studentenzeit. Was sie vorhaben ist mir sofort klar. Sie haben ihre Rucksäcke auf dem Buckel. Ich bin gerührt. Wir sind in den letzten vier Jahrzehnten viele Kilometer zusammen gegangen. Dass sie mich auf meinen ersten Etappen begleiten wollen, freut mich besonders.

 

IMG_0930[1]

Die Taktung stimmt bei uns immer noch. Das wird mir schon nach den ersten Kilometern klar, als wir die Burg Lichtenberg hinter uns lassen und hinunter in das Backnanger Becken ziehen. Am Horizont zeichnet sich der Welzheimer Wald ab. Dort wollen wir hin. Über Weissach im Tal zieht der Weg hinauf nach Mannenberg bis zur Haube (632 m). Dort genießen wir einen traumhaften Blick über das Murrtal hinter uns und die westlichen Ausläufer des Schwäbisch Fränkischen Waldes vor uns.

Im Westen braut sich etwas zusammen. Gewitter sind angekündigt und wir machen uns rasch auf den Weg hinunter nach Klaffenbach. Ohnehin gönnen wir uns unterwegs nur wenig Trinkpausen. Das zahlt sich aus, als wir uns auf den letzten Kilometern vor unserem Etappenziel noch verhauen. Schließlich sind es deshalb vierzig Kilometer geworden, die wir alle drei deutlich spüren, als wir im strömenden Regen Welzheim erreichen.

2. September 2015 – Welzheim – Bartholomä – 37 km

Eine eigentümliche Stimmung empfängt uns morgens am Ostkastell in Welzheim. Der erste Herbstnebel ist aufgezogen. Er umwabert die Mauern und Türme, die nur schemenhaft zu erkennen sind. Trotzdem wird uns bewusst, welches bedeutende archäologische Denkmal unsere nähere Heimat beherbergt.

Der Weg führt uns zunächst nach Alfdorf. Dort steigt Gerd aus. Er wird abgeholt. Reiner und ich steuern Schwäbisch Gmünd an und wir verlassen bei Wetzgau den Schwäbisch Fränkischen Wald. In Gmünd setzen wir uns auf dem sonnenüberfluteten Bahnhofsvorplatz vor ein Bistro und halten Mittagsrast. Beim anschließenden Gang durch die Innenstadt nehmen wir die Gartenschauatmosphäre auf, die die Stadt ausstrahlt.

IMG_0941[1]

Vor uns erkennen wir den Albtrauf, den wir nach Bettringen ansteuern. Steil führt uns der Weiterweg hinauf zur Hochstraß.

Wir erreichen gegen 18 Uhr das Sport- und Bildungszentrum des Schwäbischen Turnerbundes in Bartholomä. Dort beziehen wir Quartier und freuen uns über die herzliche Gastlichkeit, die wir als Nichtseminaristen genießen dürfen. Das SBZ sei der richtige Ort, um den Kopf für das Wesentliche frei zu bekommen. So steht es im Hausprospekt. Wir können das unterstreichen.

3. September 2015 – Bartholomä – Giegen an der Brenz – 27 km

Das Prädikat „Eines der schönsten Trockentäler der Ostalb“ trägt das Wental zu Recht. Ich kann mich einmal mehr von der Einmaligkeit dieses Naturschutzgebiets überzeugen. Für viele Tier- und Pflanzenarten stellen die Magerweiden, Felsen, Höhlen, Wiesen und Wälder ein wertvolles Rückzugsgebiet dar. Wir sind am frühen Morgen dort allein.

Nach 12 Kilometern erreichen wir Steinheim am Albuch. Wir gönnen uns dort eine kurze Trinkpause  und steuern dann Heidenheim an. Die gefühlt unendlich lange Einfallstraße in die Stadt kostet uns einiges von unserer Moral. Wir sind deshalb froh, heute eine kürzere Etappe zu haben. Im Café Melange nehmen wir ein exellentes Chili con Carne.

IMG_0953[1]
Break im Café Melange in Heidenheim
Nach 27 Kilometern erhalten wir im Lamm in Giegen an der Brenz Logis. Unser Zimmer liegt im ersten Stock. Reiner schlägt vor, den Aufzug zu nehmen. Ich willige sofort ein.

Für Reiner ist es der letzte Abend; er reist morgen mit dem Zug zurück. Schade. Die gemeinsamen Tage mit ihm habe ich sehr genossen. Ich glaube, er hat das auch.

4. September 2015 – Giengen an der Brenz – Markt Aislingen – 28 km 

Ich bin allein. Reiner hat am Bahnhof eine Fahrkarte nach Marbach gelöst und begleitet mich noch ein Stück die Brenz hinunter. In Gerschweiler trennen wir uns und er geht zurück. Sein Zug fährt um 9.32 Uhr. Reiner hätte mir gerne noch weiter Gesellschaft geleistet, aber am Wochenende warten auf ihn familiäre Verpflichtungen. Wir versichern uns gegenseitig, dass dies nicht unsere letzte gemeinsame Tour gewesen ist.

Mich zieht es nun an die Donau. Zunächst erlebe ich noch den spröden Charme der Ostalb. Schafweiden, durchsetzt mit Wachholder wechseln sich mit Wäldern und Feldern ab. Zur Donau hin verändert die Landschaft ihr Gesicht. Sie ist weitgehend ausgeräumt; die Ackerflächen sind riesig. Die Maisernte ist in vollem Gange. (Später lese ich in der Donauzeitung, dass den Landwirten der zu trockene Mais bei der Silierung große Probleme bereitet). Mächtig sind die Traktoren, die mir begegnen. Nicht von ungefähr wird sich Same – Deutz- Fahr hier niedergelassen haben. In Lauingen scheint der Landmaschinenhersteller einer der größten Arbeitgeber zu sein. Gerade ist ein neues Traktorenwerk im Entstehen.

Beim Italiener im Salzstadel gibt es vorzügliche Spaghetti mit Meeresfrüchten. Kurz bevor er über Mittag schließt, kann ich im einzigen Buchladen von Lauingen noch eine Wanderkarte erstehen. Das 50.000er Kartenblatt deckt meine weitere Route bis Augsburg ab. Die Stadt ist nicht mehr weit. Vielleicht schaffe ich es bis Sonntag.

Ich überquere die Donau. Meine Route muss ich leicht ändern und nach Westen abweichen, denn die Unterkünfte sind im Donauried spärlich gesät. Kaddy hilft mir aus der Ferne und bucht für mich ein Quartier in Aislingen. Der Marktflecken liegt bereits im Naturpark „Augsburg – Westliche Wälder“.

In Lauingen quere ich die Donau
In Lauingen quere ich die Donau

5. September 2015 – Markt Aislingen – Aystetten – 33 km

Die alte Wirtin im Adler von Aislingen hat mir zum Abendessen ein vorzügliches Rindsgulasch mit Semmelknödel und Salat zubereitet. Ich bin der einzige Übernachtungsgast. Beim Frühstück setzt sie sich zu mir an den Tisch. Sie interessiert sich sehr für meinen Reiseplan und erzählt mir von einem anderen Gast, der jedes Jahr von Stuttgart nach München wandert und immer bei ihr einkehrt. Bei mir darf sie das nicht erwarten. Ich glaube nicht, dass ich mein Vorhaben jedes Jahr wiederhole. Als ich ihr meine Wanderroute für den heutigen Tag erläutere, die sich wie immer an der Luftlinie orientiert, rät mir die Wirtin in ihrem donauschwäbischen Dialekt davon ab. „Noi, noi, so laufet Se aber net, do miaset Se jo da Berg nauf“. Ich werde ihre Empfehlung ignorieren und freue mich trotzdem über die Fürsorglichkeit.

Der Naturpark nimmt mich auf. Von der Wallanlage bei Aislingen blicke ich zurück auf das Donauried. Es liegt vor mir hingebreitet mit dem Albrand, der es im Norden begrenzt. Ein wunderbarer Tag mit angenehmen Temperaturen erwartet mich.

Vor mir liegt hingebreitet das Donauried
Vor mir liegt hingebreitet das Donauried

Ich nehme den Wallfahrtsweg nach Violau. Dort setze ich mich still hinten in die Kirche St. Michael, erfreue mich an der barocken Pracht und mache meine Reisenotizen. Danach setze ich meine Reise auf dem Wallfahrtsweg fort.

Die Wallfahrtskirche St. Michael in Violau
Die Wallfahrtskirche St. Michael in Violau

 

Ich erfreue mich an der barocken Pracht
Ich erfreue mich an der barocken Pracht

Über mir spannt sich ein weißblauer Himmel wie aus dem Bilderbuch. Vor einer Mittagsrast in Reutern überquere ich bei Unterschöneberg die Zusam. Adelsried erreiche ich gegen alle Erwartungen schon am frühen Nachmittag und beschließe deshalb, noch 6 Kilometer nach Aystetten weiter zu gehen. Dieses Mal hilft mir Gernot bei der Quartiersuche. Über eine im Bau befindliche Grünbrücke quere ich die A 8. Unter mir dröhnt der Verkehr.

Der Rauhe Forst empfängt mich und ich gelange zu einem Ort mit dem geheimnisvollen Namen „Blutiger Herrgott“. Mich schaudert, als ich seine Geschichte erfahre und mache, dass ich weiterkomme. Vor 200 Jahren soll hier ein Rudel Wölfe eine Bäuerin und deren kleines Mädchen zerrissen haben.

Mich erwartet ein schauriger Ort
Mich erwartet ein schauriger Ort

Morgen nehme ich mir frei. Ich stehe schon vor den Toren von Augsburg. Drei Stunden dürften es bis dort hin noch sein. In der Jugendherberge „Sleps“ buche ich mir online ein Zimmer. Ich freue mich auf die Fuggerstadt und einen faulen halben Tag.

6. September 2015 – Aystetten – Augsburg – 12 km

Gemütlich trotte ich die 12 Kilometer in die Metropole von Bayerisch-Schwaben hinein; die Hände tief in den Taschen vergraben. Es ist sehr frisch, aber trocken. Geregnet hat es nur in der Nacht. Ich steuere den Hauptbahnhof an und hoffe, dort eine Wanderkarte für meine weitere Route in Richtung München zu finden. Heute, am Sonntag ist der Bahnhofspresseladen meine einzige Chance.

Fuggerstadt Augsburg
Fuggerstadt Augsburg

7. September 2015 – Augsburg – Odelzhausen – 27 km

In Friedberg nehme ich Tempo raus. Das Radwegeschild „Odelzhausen 19 km“ sagt mir, dass ich meine heutige Etappe hinsichtlich ihrer Länge überschätzt habe. Allenfalls 27 km dürften es in Summe sein. Mir steht nur eine 75.000er Radwanderkarte zur Verfügung. Da kann man sich bei der Streckenermittlung leicht vertun. Ich will mir also Zeit lassen. In Eurasburg gönne ich mir in einer Metzgerei bei Weißwurst, Brez´n und Radler eine ausgiebige Pause. Ich merke auf meiner Reise, wie sich die Speisekarte von Region zu Region ändert. „Deftig“ ist in Bayern angesagt.

IMG_0991[1]
„Deftig“ ist in Bayern angesagt
Als ich in Unterumbach kurz vor Odelzhausen aus dem Wald hinaustrete, sehe ich am Horizont schemenhaft die Berge – ein erhebendes Gefühl.

8. September 2015

Ich sitze bereits um 7 Uhr auf meinem Rucksack mitten auf dem Marktplatz in Odelzhausen. Ein paar Minuten später holen mich Bodo, Matthias, Michael und Monika ab und nehmen mich mit nach Kufstein. Ich habe im Lamm ziemlich „anonym“ übernachtet. Die Gaststätte hatte am Montag Ruhetag und ich musste den Schlüssel in der benachbarten Metzgerei abholen. Am Morgen war auch noch keiner von den Wirtsleuten da und ich habe den Schlüssel wieder im Laden abgegeben und dort die Rechnung bezahlt.

In Kufstein steigen wir vom Parkplatz Kaisertal hinauf zum Hans-Berger-Haus (936 m), unserem Basislager für die nächsten fünf Tage. Dort werden wir mit unseren anderen Kletterfreunden zusammentreffen.

Kufstein
Kufstein

12. September 2015 – Kufstein – Westendorf – 18 km

9:45 Uhr, Parkplatz Kaisertal. Gernot wartet schon. Wir umarmen uns. Dass er mich die nächsten drei Tage begleiten wird, erfüllt mich mit Stolz. Wir werden eine schöne Zeit zusammen haben. Eine solche liegt auch hinter mir. Es war für mich nie eine Frage, dass ich meine Wanderung ans Mittelmeer für die Kletterausfahrt meiner Alpenvereinssektion unterbreche. Seit vielen Jahren ist sie ein fester Termin im Kalender. Freundschaften haben sich unter uns Kletterkameraden gebildet. So etwas stellt man nicht zur Disposition.

Wir haben uns in den Felswänden der Kleinen Halt (2.116 m) und der Gamshalt (2.291 m) in klassischen Routen betätigt. („Tornistermann“ wird darüber berichten).

Herzlich fällt der Abschied von den Kletterfreunden aus. Sie reisen zurück. Gernot und ich sortieren unsere Ausrüstung in aller Ruhe. Aus dem Zentrum von Kufstein wandern wir hinaus ins Tal der Weißach. Der Weiterweg an der Felbertauernstraße ist kein Höhepunkt, der uns in guter Erinnerung bleiben wird. Der Rückreiseverkehr ist erheblich und wir müssen 12 Kilometer bis Stegen weitgehend auf dem Seitenstreifen der Straße zurücklegen. Und doch erleben wir etwas ganz Besonderes. Bei einem kurzen Abstecher durch den Wald stoßen wir auf eine Schlange, die gerade dabei ist, einen Frosch zu verschlingen. Dass wir bei diesem Naturphänomen live dabei sein dürfen, lässt uns die Erschwernisse auf der ersten Etappe rasch vergessen.

Naturereignis am Wegesrand
Wer kennt diese Schlange?

Von Hochsöll schweben wir mit der Seilbahn hinauf auf den Gipfel der Hohen Salve (1.829 m). Dort setzen wir uns bei traumhafter Föhnlage neben das Salvenkirchlein. Die Plakate der Tourismusgemeinschaft an der Talstation haben uns Superlative versprochen. „Höchstgelegene Kirche Österreichs“ und „Schönster Ausblick von Tirol“ stand dort zu lesen. Ersteres können wir nicht nachprüfen. Das zweite glauben wir sofort. Vor unseren Augen reihen sich die Gipfel des Alpenhauptkammes am wolkenlosen Horizont. Die Eisriesen der Hohen Tauern sind es, die unsere Blicke magisch anziehen. Dort will ich hin. Hinter uns im Norden steht die imposante Kalkmauer des Wilden Kaiser. Dort komme ich her.

IMG_1018[1]
Am Horizont die Hohen Tauern
Lange verweilen dürfen wir nicht, wenn wir die letzte Talfahrt nicht verpassen wollen. Es ist kurz vor 17 Uhr und im Gipfelrestaurant haben bereits die Aufräumarbeiten begonnen.

Gegen 19 Uhr betreten wir die Gaststube beim Lendwirt im Windauer Aachental. Einen lustigen Abend verbringen wir mit den Lokalmatadoren am Stammtisch. Natürlich werde ich genauestens nach meinem Vorhaben befragt. Die Reaktionen reichen von neidvoller Bewunderung über ziemliches Unverständnis bis hin zu totaler Ablehnung. Mit großem innerlichem Vergnügen nehme ich es hin.

13. September 2015 – Westendorf – Wald im Pinzgau – 24 km

Bei herrlichem Föhn wandern wir das Windauer Aachental hinauf zur Filzenscharte (1.686 m). Mountainbikes begleiten uns. Wir haben alle das gleiche Ziel. Im Talschluss steilt der Weg auf. Oben empfängt uns ein Hochmoor und von dort aus blicken wir hinab ins Pinzgau. Die Scharte scheidet heute auch das Wetter. Dunkle drohende Wolken hängen über den Hohen Tauern. Ein heftiger Südwind empfängt uns. Der Bauer auf der Sonntagsalm, in der wir einkehren, gibt uns einen zutreffenden Wetterbericht. „Der Föhn lasst aus. Vielleicht lasst er aber au net aus“, lautet seine Prognose. Er wird wohl recht behalten.

Am Nachbartisch sitzen zwei Engländer aus York, die ich nach dem Zweck ihres merkwürdigen Gepäcks frage. Die beiden sind Fliegenfischer und gehen auf Forellen und Saiblinge im Filzbach. Wie sie uns erzählen, gehen sie in ganz Europa ihrem Hobby nach. Später können wir beim Abstieg beobachten, wie elegant und geschickt sie mit ihren langen Angelruten umgehen. David berichtet uns stolz, dass er heute bereits 140 Fische gefangen hat. Behälter für ihre Beute suchen wir vergebens. Meine Frage, ob sie die gefangenen Fische auch essen, verneinen die beiden ganz entrüstet.

IMG_1035[1]

David aus York ist stolz auf seinen Fang
David aus York ist stolz auf seinen Fang

Diese kleinen Begegnungen sind es, die neben den landschaftlichen Höhepunkten meine Reise so wertvoll machen. Wir holen eine kleine Wandergruppe ein, die von einem Einheimischen mit Lederhose und Knotenstock begleitet wird. Auch er fragt nach meinem Weiterweg. Als ich ihm Auskunft gebe, schlägt er mir auf die Schulter und ruft begeistert aus: „Super, ich komme mit!“

14. September 2015 – Rechtegg (Wald i.P.) – Krimmler Tauernhaus – 7 Stunden Gehzeit

Die junge Wirtin vom Gasthof Rechtegg hat mir gestern abend ihren Laptop zur Verfügung gestellt, damit ich an meinem Reisetagebuch schreiben kann. Ein feiner Zug von ihr. Mir kommt das Reisegebet von Seume in den Sinn, der sich 1801 gewünscht hat, ihm mögen „billige, freundliche Wirte und höfliche Torschreiber von Leipzig bis Syrakus beschieden sein“. Ich kann mich bisher über die Gastfreundschaft meiner Wirtsleute nicht beklagen. Während ich an meinem Blog arbeitete, hat sich Gernot gemeinsam mit anderen Gästen und dem Wirt die Zeit mit einer Lokalwette vertrieben. Es ging um die völlig unbedeutende Frage, wieviel Liter eine überdimensionale Blumenvase auf der Fensterbank wohl fasst. Da wurde geschätzt, behauptet und geraten. Ein Messbecher aus der Küche musste her und brachte letzte Gewissheit. Wer die Wette gewonnen hat, weiß ich nicht. Mir ist nur der feine Marillenbrand in guter Erinnerung, den der Wirt für die Gaudi ausgegeben hat.

Es wird geschaetzt, geraten und behauptet
Es wird geschaetzt, geraten und behauptet

Der Abschied von Gernot fällt mir heute morgen schwer. Wir hatten erfüllte Tage zusammen. Die Vater-Sohn-Partie hat uns beiden gut getan. Nach einem kurzen Frühstück steigt er rasch hinunter ins Tal, um seinen Bus um 9:09 Uhr zu erreichen, der ihn nach Zell am See bringt. Von dort aus kommt er mit der Bahn zurück nach Kufstein. Wir haben die Nachrichten verfolgt und hoffen, dass er trotz der neuen Grenzkontrollen zügig nach Hause gelangt.

Ich bin wieder allein, aber nur für kurze Zeit. Reiner, der mich auf den ersten Etappen meiner Fernwanderung begleitet hat, verbringt den Urlaub mit Helga und mit Freunden im Zillertal. Wir haben vereinbart, uns zu treffen. Bei den Wasserwelten an den Krimmler Wasserfällen kommen wir zusammen. Sie gehören mit 380 m Fallhöhe zu den höchsten Wasserfällen der Welt. Gemeinsam steigen wir hinauf ins Tal der Krimmler Ache und halten auf der Söllnalm Einkehr. Danach trennen sich unsere Wege wieder.

Reiner, Helga und ihre Freunde steigen mit mir das Krimmler Achetal hinauf
Reiner, Helga und ihre Freunde steigen mit mir das Krimmler Achetal hinauf

Die Freunde kehren zurück nach Mayrhofen und ich steuere mein Tagesziel an, in dem ich Quartier nehme, das Krimmler Tauernhaus. Das Haus ist ein Mythos. Ehrfürchtig sitze ich in der alten Stube, die in ihrem Bestand seit dem Bau des Hauses vor mehr als 600 Jahren unverändert geblieben ist. Die Krimmler Tauern bilden seit ewigen Zeiten einen Übergang aus dem Süden.

Das Krimmler Tauernhaus ist ein Mythos
Das Krimmler Tauernhaus ist ein Mythos

IMG_1045[1]

Draußen regnet es ohne Unterlass. Der Föhn ist zusammengebrochen.

15. September 2015 – Krimmler Tauernhaus – Kasern – 6 Stunden Gehzeit

11:45 Uhr, Krimmler Tauern, 2.624 m. Ein eisiger Wind bläst hier oben und reißt mir die Mütze vom Kopf. Ich bin vom Krimmler Achental über eine weitere 150 m hohe Steilstufe in das Windbachtal hinaufgestiegen und befinde mich in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern. Es gibt zwei Übergänge ins Ahrntal. Ich habe mich für den althergebrachten über die Krimmler Tauern entschieden. Der Pfad ist nur mäßig steil und sein Ausbauzustand lässt darauf schließen, dass er früher mit Tragetieren begangen worden ist. Ein typischer Säumerweg eben. In der Scharte überschreite ich die Landesgrenze zu Italien und steige zügig hinunter ins Südtiroler Ahrntal.

Ich befinde mich in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern
Ich befinde mich in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern

In der Adleralm will ich Einkehr halten. Aus einem zeltartigen Anbau ertönt Musik. Drinnen steppt der Bär. Ein Alleinunterhalter spult sein Animationsprogramm ab. Es wird gesungen und geschunkelt. Hier bin ich verkehrt. Ich ergreife die Flucht.

Kurze Zeit später kündet ein kleines Schild vom „Jägerstüble“, abseits des Weges. Ich wage der Versuch und gelange zu Thomas und Beatrice. Die beiden bewirtschaften eine kleine Jausenstation, die nur aus einem Raum besteht. Ich sitze quasi in der Küche und lasse mir Tiroler Knödel mit Krautsalat servieren. Thomas hilft mir mit Informationen weiter. Die Übergänge, die ich bis Toblach nehmen muss, sind mir nämlich noch nicht ganz klar. Nach den Auskünften, die ich erhalte, werde ich versuchen müssen, ins Antholzer Tal zu gelangen. Davor steht der Übergang ins Reintal. Dann sehen wir weiter. Leider steht mir bisher kein geeignetes Kartenmaterial zur Verfügung. Zu kaufen gibt es hier oben nichts. Ich muss mich vorerst mit den Auslagen aus dem Tourismusbüro behelfen.

Thomas und Beatrice bewirtschaften das Jaegerstueble
Thomas und Beatrice bewirtschaften das Jaegerstueble

Die Quartiersuche gestaltet sich ebenfalls ein bisschen schwierig. Im Gasthof „Stern“ in Kasern komme ich doch noch unter. Ich muss aber auf Igor, den Wirt, warten. Er war Pilze sammeln und zeigt mir stolz seine Ausbeute, ein ganzer Rucksack voller Pfifferlinge. Es gibt davon abends zu Saltim Bocca.

Zu einer Karte komme ich am Abend doch noch. Eine ältere Dame, ebenfalls Gast des Hauses, verkauft mir freundlicherweise ihre. Es ist ein 25.000er Kartenblatt des militärgeografischen Instituts, das meinen Weiterweg über das Riesenfernergebirge bis ins Antholzer Tal abdeckt. Damit bin ich bestens ausgerüstet.

16. September 2015 – Kasern – Rein in Taufers – 7 Stunden Gehzeit

Mein Wirt Igor hat Recht behalten. Es ist heute trocken geblieben, obwohl den ganzen Tag dicke Wolkenpakete drohend über den Bergen hingen. Ich bin aus dem Ahrntal über das Ochsental zur Weißen Wand (2.517 m) hinauf gestiegen. Sie bildet den Übergang ins Reintal, das mir bisher nicht einmal dem Namen nach bekannt gewesen ist. Es ist ein Seitental des Tauferer Tals.

Die Bauern sind schon dabei, die Weidezäune abzubauen. Das meiste Vieh ist bereits im Tal.

Rein in Taufers
Rein in Taufers

17. September 2015 – Rein in Taufers – Riesenfernerhütte (2.792 m) – Antholz – 7 Stunden Gehzeit

Der Wirt von der Riesenfernerhütte rät mir, heute noch nach Antholz abzusteigen. „I weiß net, ob du morgen noch runterkommst. Wir haben mit Neuschnee zu rechnen“. Da muss ich nicht lange überlegen. Es ist 14:30 Uhr. Die 1.500 Höhenmeter müsste ich bis 17:00 Uhr schaffen. Ich raffe meine Sachen zusammen, verabschiede mich und mache mich nach der kurzen Rast gleich wieder an den Abstieg.

Den wenigen Gästen, die auf meiner Aufstiegsroute durch das Gelltal absteigen wollen, hat der Wirt dringend davon abgeraten. Sie ignorierten ihn und gingen trotzdem. Er erläutert mir den Grund seiner Bedenken. Über der Riesenfernergruppe westlich der Hütte ist vor einer Stunde ein Gewitter, begleitet von heftigem Regen niedergegangen. Der Wirt zeigt auf die Wasserfälle an der Schwarzen Wand (3.105 m). Sie haben ihre Farbe gewechselt. Nicht mehr weiß, sondern schmutzig braun sind sie geworden. Sie speisen den Bach im Gelltal. „Da musst du jetzt mit Muren rechnen“, erklärt mir den Wirt. „Dann weißt du nicht, ob du noch über den Bach kommst“.

Ich bin froh, dass ich schon oben bin. Der Aufstieg war kein Spaß. Im letzten Drittel habe ich die Ausläufer des Gewitters hautnah zu spüren bekommen. Heftige Windböen nahmen mir den Atem. Ich musste mich ihnen entgegenstemmen. Ein eiskalter Regen kühlte mich schneller herunter, als mir lieb war.

Schaurig ist es auf der Riesenfernerhuette
Schaurig ist es auf der Riesenfernerhuette

Meine Zeitrechnung geht auf. Um 17:00 Uhr laufe ich in Antholz-Mittertal ein. Im Gasthof Brugger nehme ich Quartier.

18. September 2015 – Antholz-Mittertal – Unterrasen – 10 km

Ich ändere meine Reiseroute wetterbedingt leicht ab. Heute morgen ist es gewittrig schwül. Immer wieder schauert es. Da muss ich den Weg über die Grüblscharte (2.394 m) ins Gsieser Tal nicht haben.

Gewittrig schwuel ist es in Antholz-Mittertal
Gewittrig schwül ist es in Antholz-Mittertal

Ich wandere deshalb 10 Kilometer das Antholzer Tal nach Unterrasen hinab. Ohnehin steht mir nur ein halber Tag zur Verfügung. Ich habe heute morgen im Frisörsalon „Haar genau“ einen wichtigen Termin. Im Tourismusbüro habe ich an meinem Reisetagebuch gearbeitet. Patrick, der Praktikant war sehr hilfsbereit. Er hat mir den Büroarbeitsplatz seiner Kollegin mit PC und Internetanschluss zur Verfügung gestellt.

Von Unterrasen aus hoffe ich, morgen über den Fernwanderweg E 10 nach Toblach zu gelangen, dem Ausgangspunkt meiner Dolomitenetappen. Wieder ist die Quartiersuche nicht ganz einfach. Die Gasthöfe haben entweder Ruhetag, sind belegt oder haben die Saison bereits beendet. Ein freundlicher älterer Mann ersetzt mir das Tourismusbüro. Er zeigt mir einen Bauernhof, der Ferienwohnungen vermietet. Dort klappt es. Ich treffe meinen Cicerone noch zweimal und habe den Eindruck, er freut sich genau so wie ich, dass ich gut untergekommen bin.

Der Mann mit seiner Ape ersetzt mir das Tourismusbuero
Der Mann mit seiner Ape ersetzt mir das Tourismusbüro

Im Jochelehof verbringe ich einen erholsamen Nachmittag auf der Veranda vor dem Haus. Ich habe meine Wäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Das Wetter hat sich deutlich gebessert. Zu meiner Brotzeit, die ich mir im Laden nebenan gekauft habe, bringt mir Albine, die Bäuerin einen Krug Wein. So lässt sich das aushalten.

19. September 2015 – Unterrasen – Toblach – 7 Stunden Gehzeit

Kaltstart am Morgen. Gleich 300 Höhenmeter muss ich vom Hof aus den steilen Bergwald hinauf. Kein Problem: Albine hat mir ein Frühstück gebracht, das für zwei gereicht hätte.

Im Jochelehof werde ich von Albine herzlich umsorgt
Im Jochelehof werde ich von Albine herzlich umsorgt

Nach gut einer Stunde trete ich oberhalb von Taisten aus dem Tschochenwald hinaus und mir bietet sich ein überwältigender Anblick: die Dolomiten im Morgenlicht. Ihre Gipfel und Türme präsentieren sich in einem milchigen Blau. Das ist der Augenblick, auf den ich mich lange gefreut habe.

Die Gipfel und Tuerme praesentieren sich in einem milchigen Blau
Die Gipfel und Türme präsentieren sich in einem milchigen Blau

Ich steige hinunter nach Taisten und weiter nach Welsberg am Eingang des Gsieser Tals. Jetzt muss ich mich entscheiden: Nehme ich den Radweg im Tal oder steige ich erneut eine Etage höher zum Römerweg, einem Teilstück des E 10, der auch nach Toblach führt. Ich wähle letzteres und hadere danach mit meiner Entscheidung, weil ich mich und meinen schweren Rucksack wieder 300 Höhenmeter hinauf buckeln muss. Oben werde ich entschädigt. Ich bin nicht nur dem Verkehrslärm im Tal der Rienz entflohen, sondern kann auch den unverstellten Blick auf die prachtvolle Kulisse der Dolomiten genießen.

In Niederdorf, das ich nach 5 Stunden Gehzeit erreiche, wird mir wieder bewusst, dass meine schweren Bergstiefel für Streckenwanderungen nicht die richtige Fußbekleidung sind. Ich ziehe sie aus und stelle mich mitten auf dem Marktplatz in den Brunnen. Was die Leute denken, ist mir egal. Der Zweck heiligt die Mittel. Meine linke Wade macht mir Sorgen. Die letzte Strecke nach Toblach lege ich in meinen Sandalen zurück.

Der Zweck heiligt die Mittel
Der Zweck heiligt die Mittel

Die Jugendherberge, in der mich Kaddy eingebucht hat, ist Teil des ehemaligen Grand Hotels; ein faszinierender Gebäudekomplex. Zu ihm gehören neben der Jugendherberge das Festspielhaus, das Naturparkzentrum und die Musikakademie. Über dem Ganzen wächst aus dem Bergwald die Kulisse des Haunold (2.943 m) heraus.

Das Grand Hotel - die Jugendherberge von Toblach
Das Grand Hotel – die Jugendherberge von Toblach

Beim Abendessen sind wir international besetzt. Meine Tischnachbarn sind zwei junge Physiotherapeuten aus Frankreich, die den Dolomitenhöhenweg Nr. 1 gemacht haben, zwei Paare aus Italien, die hier ihren Urlaub verbringen und ein holländischer Bergläufer, der morgen beim Misurina-Sky-Marathon startet. Wir stellen uns mit unseren Vornamen vor und haben viel Spaß zusammen.

Meine internationalen Tischnachbarn
Meine internationalen Tischnachbarn

20. September 2015 – Toblach – Plätzwiese – 6 Stunden Gehzeit

Heute gehe ich bei herrlichem Nordföhn auf der ersten Etappe meiner Traumroute – dem Dolomitenhöhenweg Nr. 3. Ein schönes Geburtstagsgeschenk. Die Alta Via 3 führt durch die östlichen Dolomiten.

Ich bin auf meiner Traumroute angekommen
Ich bin auf meiner Traumroute angekommen

Ich steige durch die Südflanke des Sueskofels steil nach Westen hoch. Im Tal ist es noch recht kalt. In der Nacht hat es gewittert und links und rechts des Weges liegen Graupelreste. Auf der aussichtsreichen Westschulter des Sarlkofel (2.280 m) mache ich eine erste Rast. Im Süden sehe ich das großartige Massiv des Dürrenstein. Rechts von ihm die nicht weniger eindrucksvolle Hohe Gaisl. Im Norden blinken die Gletscher der Zentralalpen und im Osten imponiert die Zackenreihe der Haunoldgruppe.

Der Weg durch die Geröllhalden unter den Nordwaenden des Duerrenstein ist etwas heikel. Stellenweise ist der Steig abgerutscht und ich muss mit dem schweren Rucksack ueber die labilen, steilen Schuttrinnen balancieren. Auch heute lege ich die letzte Strecke zur Plätzwiese wieder in meinen Sandalen zurück.

Die Passlandschaft der Plätzwiese mit ihren ausgedehnten kupierten Wiesen und den übermaechtig darüber aufragenden Massiven der Hohen Gaisl und des Monte Cristallo wird zu Recht als Juwel unter den Dolomitenübergängen bezeichnet. Ich bekomme im Berggasthaus einen Logenplatz zugewiesen und habe von meinem Balkon aus den direkten Blick auf die Felsgestalten.

Im Berggasthaus Plaetzwiese erhalte ich einen Logenplatz...
Im Berggasthaus Plätzwiese erhalte ich einen Logenplatz…

 

... mit direktem Blick auf die Hohe Gaisl
… mit direktem Blick auf die Hohe Gaisl

21. September 2015 – Plätzwiese – Misurina – 7 Stunden Gehzeit

Erneut muss ich heute meine Route neu justieren. Die Wirtsleute im Gasthof Plätzwiese haben mir empfohlen, im Rifugio Bosi, meinem nächsten Etappenziel in den Sextener Dolomiten, vorher anzurufen. Der dortige Hüttenwirt scheint nicht den besten Ruf zu genießen und, man sagt mir, die Öffnungszeiten seien von seiner Tagesform abhängig. Tatsächlich erhalte ich eine telefonische Absage. Er nimmt keine Übernachtungsgäste, basta. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sextener links liegen zu lassen und Misurina am gleichnamigen See anzusteuern.

Der Morgen ist herrlich klar, aber empfindlich kalt. Auf den Almwiesen liegt Rauhreif. Ich bin in kurzen Hosen gestartet und dabei bleibt es. Aber ich hole die Handschuhe raus und ziehe mir die Mütze über die Ohren. Von der Dürrensteinhütte steige ich auf einer alten Kriegsstraße, vorbei an der Ruine eines Sperrwerks, zum Strudelkopf (2.308 m) hoch. Ein Aussichtsbalkon erster Güte; der Abstecher hat sich gelohnt. Danach geht es durch das Helltal steil hinunter an die Rienz. Immer wieder werde ich beim Abstieg mit den Resten aus dem Dolomitenkrieg konfrontiert. Bunker, Stollenlöcher und betonierte Stellungen säumen den Weg.

Teilweise verlaeuft die Alta Via 3 auf alten Kriegssteigen
Teilweise verläuft die Alta Via 3 auf alten Kriegssteigen

Meine Blicke zieht jedoch etwas anderes an. Erstmals erblicke ich die Felsformation der Drei Zinnen, ein beeindruckendes Bauwerk der Natur.

Erstmals erblicke ich die Drei Zinnen
Die Drei Zinnen, ein beeindruckendes Bauwerk der Natur

Weniger erbaulich ist für mich, dass ich vom Dürrensee bis Misurina den Weg entlang der Staatsstraße nehmen muss. Gott sei Dank ist kaum Verkehr.

Misurina erlebe ich als reine Hotelansiedelung, aber um diese Jahreszeit ist hier wenig los. Einige Hotels und Läden haben bereits geschlossen. Ich kann die Bilderbuchlage und den Blick auf die Sorapisgruppe deshalb in vollen Zuegen geniessen.

Misurina
Misurina

22. September 2015 – Misurina – Cortina d’Ampezzpo – Gehzeit 5 Stunden

Die Sorapisgruppe im Morgenlicht
Die Sorapisgruppe im Morgenlicht

Auch die Vandellihütte hat die Saison bereits beendet. Ich beschließe deshalb, spätestens am Passo Tre Croci eine Entscheidung über meinen Weiterweg zu treffen. Dort komme ich gegen Viertel nach elf Uhr an. Eine Durchquerung der Sorapisgruppe kommt heute nicht mehr in Betracht. Selbst wenn ich bis zum Bivacco Slapater vorstoßen könnte, erscheint mir eine Übernachtung in der Biwakschachtel im Blick auf die Wetteraussichten für den morgigen Tag wenig erstrebenswert. Also, auf nach Cortina d’Ampezzo.

Ich erreiche Cortina d'Ampezzo.
Ich erreiche Cortina d’Ampezzo.

Auch diese Stadt pulsiert nur in der Saison. Jetzt wirkt sie leblos auf mich. Darüber kann auch der kleine Markt in einem Vorbezirk nicht hinwegtäuschen. Nur wenige Besucher schlendern durch die Gassen der Marktstände. Beim Vorbeigehen nehme ich den Geruch von gegrillten Hähnchen wahr. In vielen Appartmenthäusern und Hotels sind die Fensterläden geschlossen. Die Innenstadt hat entschleunigt, so scheint mir. Meine Orientierungsfragen werden bereitwillig beantwortet. Im Tourismusbüro bin ich einsamer Gast am Internetterminal.

Als Quartier habe ich mir die Baita Fraina ausgesucht. Das Haus im Apezzaner Stil liegt 3 Kilometer außerhalb von Cortina zwischen dem Berg Faloria und dem Golfplatz. Das familiengeführte Albergo strahlt auch innen eine angenehme Atmosphäre aus. Ich fühle mich gut aufgenommen. Das ist der richtige Platz, um den lange aufgeschobenen Ruhetag einzulegen.

23. September 2015 – Ruhetag

Heute morgen stelle ich fest, dass ich nicht nur den Ort, sondern auch den Zeitpunkt für meinen Ruhetag gut gewählt habe. Es regnet in Strömen. Ich leihe mir in der Baita einen Regenschirm aus und schlendere nach Cortina hinein.

Regenschirme dominieren das Strassenbild in Cortina
Regenschirme dominieren das Straßenbild in Cortina

Dort mache ich ein paar kleine Einkäufe und gönne mir einen Kaffeehausbesuch. Auf dem Rückweg stelle ich fest, dass es bis auf 1.500 Meter herunter geschneit hat. Ich hoffe, ich komme morgen problemlos zum Rifugio Venezia (1.946 m) am Monte Pelmo. Es hat geöffnet; ich werde erwartet.

Als ich meinen Rucksack gepackt habe, habe ich lange überlegt, ob ich im Blick auf das Gewicht auch Bücher mitnehmen soll. Schließlich habe ich mich für zwei entschieden. Eines hat mir Kaddy geschenkt: „Das Café am Rande der Welt“. Ich habe es bereits gelesen und dem Jochelehof in Unterrasen mit einer Widmung in den Bücherschrank gestellt. Seine Botschaft behalte ich: „Beschäftige dich nicht mit unnützen Dingen; konzentriere dich auf das, was dich erfüllt“. Ich will mich darin üben. Die Voraussetzungen dafür sind da.

Das zweite Buch wiegt mindestens ein Pfund und trotzdem bin ich an diesem fürchterlichen Regentag froh, dass ich es mitgeschleppt habe. Ein Kollege hat mir den Thriller „Der Hof“ von Simon Beckett zu meiner Verabschiedung geschenkt.

24. September 2015 – Cortina d’Ampezzo – Rifugio Venezia – 6 Stunden Gehzeit

Ich bin wieder in der Spur und freue mich darauf, weiter zu kommen, auch wenn sich der Morgen nicht von seiner besten Seite zeigt. Dunkle, schwere Wolken hängen in den verschneiten Bergen. Es nieselt, als ich von der Baita am Golfplatz vorbei nach Zuél di Sopra ins Tal der Boite hinuntersteige. Auf dem Radweg marschiere ich die 9 Kilometer nach San Vito die Cadore hinein. Von hier aus geht es über den kleinen Weiler Serdes auf einem steilen Waldweg wenig abwechslungsreich 1.000 Höhenmeter zur Hütte hinauf. Sie liegt am Fuße des Monte Pelmo (3.168 m).

Die Veneziahuette am Fusse des Monte Pelmo
Die Veneziahütte am Fuße des Monte Pelmo

Ich bin noch der einzige Gast. Nicole, die junge Hüttenwirtin stellt mir ihren Laptop für meinen Reisebericht zur Verfügung. Sie schaut sich meine Website an und erzählt mir, dass sie in Nepal mit Freunden dieselben Trekkingtouren gemacht hat wie ich. Ein munterer Erfahrungsaustausch über unsere Reiseerlebnisse entwickelt sich. Am späteren Nachmittag treffen noch Bernward und Rebekka ein. Die beiden, Vater und Tochter, kommen aus Hannover und haben eine Dolomitenrunde gedreht.

Mit Nicole tausche ich Reiseerlebnisse aus Nepal aus
Mit Nicole tausche ich Reiseerlebnisse aus Nepal aus

Draußen hat der Himmel seine Farbe verändert. Unter das schmutzige Grau hat sich ein zartes Blau gemischt und es hellt zunehmend auf. Ich habe die Chance, die als „besonders aussichtsreich“ beschriebene Route zum Passo Cibiana morgen genießen zu können.

Das laesst auf den morgigen Tag hoffen
Das lässt auf den morgigen Tag hoffen

25. September 2015 – Rifugio Venezia – Passo di Cibiana – 6 Stunden Gehzeit

„Genuss pur“, so lässt sich die heutige Etappe mit Fug und Recht beschreiben. Die Wolken sind weitgehend verschwunden. Nur am Antelao streichen weiße Schleier hartnäckig um den Gipfel. Der Monte Pelmo ist frei und seinen gewaltigen Ostabstürzen gehört mein tiefer Respekt. Immer wieder schaue ich zu ihm zurück.

Den gewaltigen Felswaenden des Monte Pelmo gehoert mein Respekt
Den gewaltigen Felswänden des Monte Pelmo gehört mein Respekt

Bald jedoch rücken im Süden neue Gebirgszüge in mein Blickfeld: Civetta, Moiazza, Prampèr Dolomiten und die Bosconero-Gruppe. Vom Rifugio Talmini steige ich zur Forcella di Val Inferna hinauf und von dort gelange ich zur Forcella Deona, die mich zum Messner Mountain Museum auf dem Monte Rite (2.183 m) führt. Auch wenn mir Sinn und Zweck des Bauwerks verborgen bleiben, hat sich sein Erbauer einen großartigen Platz für sein Denkmal ausgesucht. Vom begehbaren Dach des bunkerartigen Komplex ist die Gipfelschau grandios. Ich sehe hinüber zum Pelmo und Antelao, dazwischen der tiefe Einschnitt des Boitetals, aus dem ich gekommen bin. Im Süden beeindruckt die Bosconero-Gruppe, die ich morgen überschreiten will, um ins Tal der Piave zu gelangen.

Sinn und Zweck des Bauwerks erschliessen sich mir nicht
Sinn und Zweck des Bauwerks erschliessen sich mir nicht

 

Aber dafuer ist ein Museum in jedem Falle gut
Aber dafür ist ein Museum in jedem Falle gut

Auch ein Blickfang ist die Yakherde von Tomas, die am Monte Rite weidet. Später, im Rifugio Remauro treffe ich den Hirten wieder. Stolz erzählt er mir von seinen 50 Tieren, die ganzjährig im Freien bleiben. Spätestens in zwei Wochen wird er sie ins Tal treiben. Dort muss er dann zufüttern. Dass er das Fleisch seiner Tiere in den höchsten Tönen lobt, ist ihm nicht zu verdenken.

26. September 2015 – Passo di Cibiana – Ospitale di Cadore – 5 Stunden Gehzeit

Eine halbe Stunde verbringen der Wirt des Rifugio Remauro und ich beim Frühstück damit, eine Übernachtungsmöglichkeit für mich im Piavetal zu finden. Es will nicht gelingen. In Ospitale, dem ersten Ort, den ich nach dem Überschreiten der Bosconero-Gruppe erreichen werde, gibt es keine Gästebetten. In Longarone, meinem eigentlichen Etappenziel sind alle Hotelbetten wegen einer Laufveranstaltung ausgebucht. Also werde ich mit dem Bus direkt nach Belluno hineinfahren müssen.

Davor wartet aber noch ein Stück Arbeit auf mich. Vom Pass steige ich durch den angenehm kühlen Bergwald zu den steilen begrünten Geröllhalden unter den Nordwänden des Sfornoi und des Torre di Campestrin hinauf, bis ich die Forcella Bella (2.112 m) erreiche. Jenseits der Scharte geht es 1.500 Höhenmeter ins Piavetal hinunter. Bei Höhe 1.649 m stoße ich auf ein Idyll: das Bivacco Casera di Campestrin des italienischen Alpenvereins. Noch nie habe ich ein Biwak gesehen, das so perfekt ausgestattet und in Schuss ist. Hier liesse es sich aushalten. Das kleine Haus hat 12 Lager und ist komplett eingerichtet. Auch ein Espressokocher ist da. Im Schuppen nebenan findet sich ein stattlicher Holzvorrat. Hinter dem Häuschen sprudelt der Brunnen. Selbst ein Klo, eine Wäscheleine und der Fahnenmast fehlen nicht. Ich hatte schon schlechtere Rastplätze.

Ein Idyll - das Bivacco die Campestrin
Ein Idyll – das Bivacco die Campestrin

Weiter geht es über die Casera Valbona hinunter an den Fluss. Eine Viertelstunde, nachdem ich Ospitale erreicht habe, nimmt mich der Bus mit hinein nach Belluno. Im geschichtsträchtigen Albergo „Capello e Cadore“, im Herzen der Stadt, steige ich ab.

27. September 2015 – Belluno

Und plötzlich bin ich in einer anderen Welt. Ich habe die absolute Stille in den Bergen, die Schroffheit der Felsgestalten, die feuchte Kälte in den Talschluchten mit der angenehmen Wärme, dem mediterranen Flair und dem aufgeregten Pulsschlag dieser Stadt getauscht. Mit großem Vergnügen lasse ich mich darauf ein und gebe mich am heutigen Sonntag dem „dolce far niente“ hin.

Belluno empfaengt mich mit seinem mediterranen Flair
Belluno empfaengt mich mit seinem mediterranen Flair

28. September 2015 – Belluno – Valmorel – 7 Stunden Gehzeit (5 Std. eff.)

Von wegen Flachetappe. Dass es von Belluno entspannt in die Ebene hineingeht, darauf war ich programmiert. Beim Kartenstudium wurde ich schnell eines besseren belehrt. Ich hatte die Rechnung ohne die „Prealpi Vittorio Veneto“, die Venezianischen Voralpen gemacht. Vor meinem Etappenziel Vittorio Veneto in ca. 25 Kilometern Entfernung galt es, den Col Visentin (1.763 m) über die Forcella Zoppei (1.417 m) zu überwinden. Also standen mir erneut mehr als 1.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg bevor. Das ganze bei einem recht knappen Zeitbudget, denn ich hatte in Belluno noch eine Aufgabe zu erledigen.

Ich muss mich entlasten.  Sachen, die ich nicht mehr brauche, will ich nach Hause schicken: meine Klettersteigausrüstung, ein dickes, schweres Kartenpaket, das sich angesammelt hat und einige schmutzige Wäschestücke. Vom hilfsbereiten Hotelportier hatte ich mir einen Karton besorgt und trage diesen mit meinem Geraffel am Morgen hoffnungsvoll zur Post. Doch leider entspricht mein schöner Karton nicht den italienischen Postnormen. Zwei Postbeamtinnen bedauern es sehr, mich enttäuschen zu muessen. Sie bestehen darauf, das Umpacken in den vorschriftskonformen Behälter für mich vorzunehmen. Zu zweit sortieren sie mein Zeug einschliesslich meiner Schmutzwäsche penibel auf dem Tresen, ohne dabei im Geringsten die Haltung zu verlieren. Für meine Reise begeistern sie sich und fragen mich nach allen Details. Überhäuft mit guten Wünschen für mein weiteres Fortkommen verlasse ich die Post, überzeugt von der Dienstleistungsbereitschaft ihrer Beamtinnen. Um 9 Uhr überschreite ich die Piave und mache mich auf den Weg ins weitgehend autofreie Tal der Cicogna.

Meine Zuversicht, heute mein Etappenziel Vittorio Veneto zu erreichen, wird in der Bergflanke des Col Visentin zunichte gemacht. Der Fußpfad zu den beiden Almen Malgha Sotto i Sass und Malgha Zoppei, den meine Karte noch ausweist, ist verfallen und zugewachsen. Später bestätigen mir Einheimische, dass der Weg nicht mehr begehbar ist. Viele Almen in den Venezianischen Voralpen sind aufgegeben worden, so lese ich. Sicher gehören diese beiden auch dazu. Gut zwei Stunden hat mich der erfolglose Ausflug in den Steilhang gekostet. Ich trete den Rückzug an. Bleibt mir nur, morgen den Übergang weiter westlich über den Montegal zu finden.

Im Steilhang des Col Visentin trete ich den Rueckzug an
Im Steilhang des Col Visentin trete ich den Rückzug an

Heute kann ich nur noch bis Valmorel hinaufsteigen. In dem kleinen Bergnest steuere ich die Bar an und frage nach einer Unterkunft. Wieder erlebe ich eine Welle der Hilfsbereitschaft. Der Wirt stellt mir ein Stück Kuchen hin, greift zum Telefon und fragt verschiedene Adressen ab, bis er in einem „Agriturismo“ fündig wird. Eine ältere Dame lässt ihren Kaffee stehen und begleitet mich ein Stück, um mir den Weg zum Bauernhof zu zeigen.

29. September 2015 – Valmorel – Conegliano – 7 Stunden Gehzeit
Ich sehe die Adria. Ein unbeschreibliches Gefühl macht sich in mir breit, als ich um 10 Uhr am Pian delle Femene den Scheitelpunkt meiner heutigen Etappe erreiche. Vor mir liegt hingebreitet wie ein grüner Teppich das Veneto. Ein goldener Streifen am Horizont, das ist das Mittelmeer. Selbst die Lagune von Venedig ist gut auszumachen. Tief unter mir glitzert der Lago di Revine.

Ich sehe die Adria
Ich sehe die Adria

Nach dem gestrigen herben Rückschlag am Col Visentin hatte ich einen ziemlichen Motivationsverlust. In diesem Augenblick ist er wie weggeblasen. Mir standen heute auch wesentlich bessere Informationen zur Verfügung als gestern. Der Mann von Isabella, meiner Wirtin, hat mir den Weg über den Montegal zum Pian delle Femene ganz genau beschrieben. Mit meiner dürftigen Karte allein wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Wegweiser sind wenig bis gar nicht vorhanden.

Jetzt läuft es wieder rund. Zunächst muss ich 1.000 Höhenmeter an den Lago hinunter. Ich bringe es ziemlich beschwingt hinter mich und peile Conegliano an.

IMG_1209[1]
Der Lago di Revine. Da muss ich hinunter.
Unverkennbar bin ich im Süden angekommen. Es ist warm. Oliven, Feigen, Granatäpfel wachsen am Straßenrand. Weinberge ziehen sich die Hügel hinauf. Schilder weisen darauf hin, dass ich mich auf der Straße des Prosecco bewege. Die Venezianischen Hügel erinnern mich an das Landschaftsbild der Toscana.

Die Venezianischen Huegel erinnern mich an das Landschaftsbild der Toskana
Die Venezianischen Hügel erinnern mich an das Landschaftsbild der Toskana

In Conegliano, der Stadt der Kunst und des Weines habe ich meine Low-Budget-Linie verlassen. Ich residiere im Canon d’Oro, einem der ersten Häuser am Platz. Das Tourismusbüro hatte schon geschlossen und ich keine Lust mehr, lange herum zu suchen. In meinen abgestoßenen Trekkingklamotten und mit meinem speckigen Rucksack bin ich das Kontrastprogramm zu den anderen internationalen Gästen in ihren Businessanzügen mit den edlen Rollkoffern. Jedenfalls habe ich den erstklassigen Service des Hauses gerne genossen.

Conegliano, die Stadt der Kunst und des Weines
Conegliano, die Stadt der Kunst und des Weines

30. September 2015 – Conegliano – Ponte di Piave, Frazione Levada – 30 Kilometer

Heute mache ich Kilometer; mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Es ist topfeben, die Straßen meistens wie mit dem Lineal gezogen und ich brauche nicht viel denken. 5 Kilometer in der Stunde sind locker drin. Andererseits setzt die Gegend keinen landschaftlichen Reiz. Das Veneto ist total zersiedelt. Stadtstrukturen sind kaum zu erkennen. Die Landwirtschaft und vor allem der Weinbau dominieren. Ich stelle auch fest, dass sich meine Reise so langsam dem Ende zuneigt. Gerade mal 68 Kilometer sind es von Conegliano noch bis Lido di Jesolo.

Bewusst habe ich mich gegen Venedig als Endpunkt meiner Wanderung entschieden. In die Heerscharen, die täglich die Stadt fluten, muss ich mich nicht auch noch einreihen. Außerdem habe ich von anderen Fernwanderern gehört, dass vor der Lagunenstadt viele Kilometer durch Industriezonen zurückzulegen sind. Und – es sei mir gegönnt, ich möchte meinen Finger gerne in die Adria und nicht nur in die Lagune stecken.

Meine Karte endete in Ormelle. Alle Versuche, ein weiterführendes Blatt zu bekommen, waren ohne Erfolg. Weder im Bahnhof von Conegliano, noch in der Buchhandlung, bin ich fündig geworden. Der Angestellte im Buchladen zeigte mir stolz sein Kartenangebot, das die halbe Welt abdeckt. Selbst Kanada und die Türkei waren dabei. Nur das Naheliegende, das Veneto, das konnte er mir nicht anbieten. So musste ich mir selbst helfen und am Abend aus Google Maps die erforderlichen Skizzen anfertigen. Ich bin damit zu Recht gekommen.

Auch mein Agriturismo in Levada, ein wunderschönes Weingut habe ich letztlich gefunden. Es liegt weit außerhalb von Ponte di Piave in einem Stadtteil. Das hat mein erwartetes Tagespensum doch deutlich erhöht. Bewirtet werde ich wie ein König. Romina, die Hausherrin bekocht mich, als hätte ich seit Tagen nichts zu Essen bekommen.

In diesem wunderschoenen Weingut...
In diesem wunderschönen Weingut…

 

...werde ich von Ronina bekocht, als hatte ich seit Tagen nichts zu Essen bekommen
…werde ich von Romina bekocht, als hätte ich seit Tagen nichts zu Essen bekommen

1. Oktober 2015 – Levada – San donà di Piave – 17 Kilometer

Heute ist es kein schöner Gang. Gut die Hälfte der Strecke muss ich auf dem Seitenstreifen einer vielbefahrenen Schnellstraße zurücklegen. Ich fürchte, dies wird bis Jesolo nicht viel besser.

2. Oktober 2015 – San donà di Piave – Lido di Jesolo – 18 Kilometer

12:27 Uhr. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich stehe am Mittelmeer und gönne mir einen kleinen Luftsprung. Auf den Sprung in die Wellen verzichte ich. Die Probe mit dem Zeigefinger signalisiert mir: cirka 15 Grad.

Mein Traum ist in Erfuellung gegangen
Mein Traum ist in Erfüllung gegangen

Gestern habe ich festgestellt, dass ich mich jetzt nicht mehr einfach treiben lassen kann. Meine Rückreise will geplant sein. Christopher und Kaddy helfen mir dabei und buchen für mich einen Flug am Samstag. Ich beschloss, auch die letzte Nacht in San donà di Piave zu verbringen. Von hier aus komme ich mit dem Bus rasch zum Flughafen.

So konnte ich heute mit leichtem Gepäck die letzten 18 Kilometer ans Meer antreten. Meine Befürchtungen vom Vortag, wieder eine Menge Abgase schlucken zu müssen, haben sich zerstreut. Ich finde einen naturbelassenen Radweg, der mich zunächst an der türkisgrünen Piave entlang und aus San donà hinausführt.

Die Piave
Die Piave

Dann geht es auf fast autofreien Nebenstraßen monoton durch landwirtschaftliches Gebiet. Auffallend sind die vielen verlassenen und zu Ruinen verfallenen Gehöfte am Rande meines Weges. Sie waren sicher einmal der ganze Stolz ihrer Besitzer.

Sie waren einmal der Stolz ihrer Besitzer
Sie waren einmal der Stolz ihrer Besitzer

Die Pisten sind schnurgerade und sie enden am Horizont. Nur nicht darüber nachdenken.

Die schnurgeraden Strassen enden am Horizont
Die schnurgeraden Strassen enden am Horizont

In Lido di Jesolo wird mir auch nichts geschenkt. Zunächst muss ich die Versorgungszone der Badestadt mit ihren unzähligen Supermärkten, Tankstellen und den bekannten Fastfoodshops passieren. Es folgen hochverdichtete Appartementsiedlungen, bevor es übergeht in das Hotelareal. Mit zunehmender Nähe zum Strand nimmt auch die Anzahl der Sterne an den Häusern zu. Auf Grünzonen hat man verzichtet. Ich glaube nicht, dass ich hier Urlaub machen will.

Als ich auch die letzte bauliche Hürde genommen habe, sehe ich – nichts! Der Strand ist menschenleer. Lediglich die akkurat ausgerichteten Sonnenschirmständer künden vom vergangenen Badebetrieb. Ich finde nicht einmal jemand, der ein Foto von mir macht und helfe mir mit einem Selfie.

Der Strand ist menschenleer
Der Strand ist menschenleer

Der Bus bringt mich zurück nach San donà. Und wieder einmal ist es eine dieser ganz besonderen Begegnungen am Ende meiner Reise, die ich niemals vergessen werde. Da ich nicht in Eile bin, bummle ich gemächlich zum Hotel, vorbei an einem kleinen Straßenfest. Es gibt Spezialitäten aus der Emiglia Romagna. Biertischgarnituren sind aufgestellt. Ein junger Mann spricht mich an und fragt mich im Blick auf mein außergewöhnliches Outfit nach meinen Aktivitäten. Ich berichte ihm höflich von meiner Fußreise. Er zeigt Interesse daran und erzählt mir, dass er vor kurzem den Rhein und den Neckar mit dem Fahrrad bereist hat. Ihn interessieren die Menschen, die aus ganz besonderen Gründen in seine Stadt kommen. Andrea Cereser ist der Bürgermeister von San donà di Piave.

Meine Begegnung mit Andrea Cereser, dem Buergermeister von San donà di Piave...
Meine Begegnung mit Andrea Cereser, dem Bürgermeister von San donà di Piave…

 

...der mich zum Bier mit seinem Stadtparlament einlaedt
…der mich zum Essen und Bier mit seinem Stadtparlament einlädt

Er lädt mich zum Essen und zu einem Bier mit seinem Stadtparlament auf dem Straßenfest ein. Andrea stellt mir sogleich auch einen Dolmetscher zur Seite. Danilo spricht sehr gut deutsch und gehört ebenfalls dem Stadtparlament an. Ich verbringe eine unbeschwerte Stunde mit diesen sympathischen Menschen in einer Stadt, die mir noch gestern völlig fremd war.

Nachtrag: Andrea scheint sich meine Website ganz genau angeschaut zu haben. Nachdem ich mich bei ihm per Mail nochmals für seine Gastfreundschaft bedankt habe, antwortete er mir: „It was my pleasure to host you at lunch. I am happy to see that you succeeded in your mission. I have also seen that you spent a night in Casera Campestrin: by chance, that alpine cottage is owned by our local section of CAI (Club Alpino Italiani). I wish you a peaceful retirement! Tschuess, Andrea“

Ich bin wieder gut zu Hause angekommen. Air Berlin hat mich in einer Stunde vom Marco-Polo-Airport nach Stuttgart gebracht.

Air Berlin bringt mich zurück
Air Berlin bringt mich zurück…
...nach Stuttgart
…nach Stuttgart

Am Ende meiner erlebnisreichen Reise zu Fuß will ich nicht vergessen, danke zu sagen. Ich bedanke mich sehr herzlich bei Gerd und Reiner, bei Gernot, bei Helga, Josef und Evi, Jürgen und Moni, dass sie mir auf ganz verschiedenen Etappen eine Weile Gesellschaft geleistet haben. Ein Dankeschön gilt Gernot, Christopher und Kaddy, die mich unterwegs bei der Suche nach Unterkünften und bei Buchungen unterstützt haben. Für das lebhafte Interesse an meiner Unternehmung, für die vielen guten Wünsche und wohltuenden Kommentare danke ich denjenigen, die mich virtuell begleitet haben. Und ich bedanke mich bei meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkindern, dass sie bereit waren, fünf Wochen auf mich zu verzichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

43 Gedanken zu “Ich bin raus

  1. Josef

    Hallo Uli, dein Plan, von Zuhause an die Adria zu laufen finde ich klasse. Ich wünsche dir viel gutes Wetter unterwegs. Grüsse auch deine Begleiter Gerd und Reiner von mir. Josef aus Rottweil.

      1. Kaddy

        Hey ihr zwei! Genial wie viele Kilometer ihr schon geschafft habt!!! Freue mich über die Berichte-so sind wir auch ein bisschen mit dabei! Liebe Grüße, auch an eure Muskeln und Knochen, Kaddy

  2. Walter Federschmid

    Hallo Tornistermann, viel Glück, trockenes Wetter und gutes Vorankommen auf dem Weg zur Adria wünschen Karola und Walter F.

  3. Renate Schmidt

    Hallo Uli UND Mitwanderer! Ich war gestern nur mal zum „Bummeln“ in Heilbronn- und kam abends halbwegs „geschafft“ zurück… Ich bewundere Dich und deine Freunde echt wegen eurer Energie – aber wie du Rainer geschrieben hast: Ihr seid ja nicht zum Vergnügen unterwegs! DAS wünsche ich euch aber für alle Strecken, die du / ihr euch gewählt habt! NOCH werdet ihr total fit sein… TOI- TOI- TOI also für die nächsten Etappen von Renate- und natürlich Rainer!

  4. Michaela Travers

    Lieber Herr Waldbüßer, ich verfolge gespannt Ihren Blog und freue mich auf viele weitere Etappenberichte. Ihnen weiterhin alles Gute auf Ihrer Tour! Viele liebe Grüße!

  5. Heilemann Sigge und Ingrid

    Respekt, lieber Enßcz,

    sofern wir richtig gerechnet haben, ist die zurückgelegte Strecke nun 172 Kilometer lang. Im Schnitt also 28,66 Kilometer.

    Auf deiner weiteren Etappe in Richtung München empfehlen wir eine Trinkpause in der Schlossbrauerei im Schlossgut Odelzhausen, falls du dort vorbeikommst. Ein Operator-Bier schmeckt dort auch einem Weintrinker besonders gut.

    Wir hoffen, dass du genügend Wundsalben dabei hast.

    Viele Grüße

    Sigge und Ingrid

  6. Respekt Uli, wünsche dir noch schöne Tage und schönes Wetter. Ein bisschen neidisch bin ich schon, aber nur noch 4065 Tage bis zur Rente, wenn ich richtig gerechnet habe 😉 Am Mittwoch legen wir wieder mit dem Tanzen los und werden an dich denken.

    Bernd

  7. Rita Mensuroglu

    Hallo,Uli viele grüße aus Jlsfeld, hat uns gefreut das Goli mitgegangen ist, noch viele gute Tage wünschen wir dir.

    1. Renate Schmidt

      Hallo Uli- HIER regnet es z. Z. durchgehend- wir wünschen DIR auf deiner vor dir liegenden Strecke wesentlich besseres Wetter,- damit du trocken ALLES Schöne “ rechts und links vom Weg“ betrachten- und positiv erleben kannst! Gedanklich begleiten dich weiterhin Rainer und Renate!

  8. Birgitt und Horst

    Hallo Uli,

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag
    und weiterhin viel Gesundheit und genauso viel
    Energie wie bisher damit Du dein Reiseziel wie geplant erreichst.
    Ich hoffe Du hast für den heutigen Tag eine Pause eingeplant
    und hoffentlich auch den „richtigen“ Ort erreicht um deinen Geburtstag
    gebührend feiern zu können.
    Schick mal ein paar Bilder von der „spontanen „Geburtstagsfeier.

    Alles gute und weiterhin viel Spaß und viele bleibende Eindrücke bei deiner
    Wanderung.

    Liebe Grüße aus Neuhütten
    von Birgitt und Horst

      1. Renate Schmidt

        Hallo Uli! Und wieder liegt eine sooo bemerkenswerte Strecke hinter dir… Wir sind uns sicher, dass du dir damit selber (!) das größte Geburtstags-Geschenk gemacht hast! Von Rainer und Renate kommen die besten „besonderen“ Wünsche für den heutigen Tag— UND für ALLE weiteren Tage „unterwegs“! Oh happy day…

  9. rainer dietrich

    hallo uli
    alles gute zu deinem geburtstag aus finsterrot,
    wünschen dir für heute gutes wetter und viele kilometer,damit du dein ziel näher kommst.

  10. Tamara Jung

    Lieber Herr Waldbüßer,
    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und noch weiterhin viel Spaß und tolle Erlebnisse auf Ihrer Wanderung!
    viele grüße
    Tamara Jung

  11. Karina Pak

    Lieber Herr Waldbüßer,

    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
    Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Gesundheit, Kraft und Freude bei Ihrem Abenteuer.

    Viele Grüße
    Karina Pak

  12. Susanne und Burkhard

    Hallo Uli,
    ganz liebe Geburtsgrüße senden dir Susanne und Burkhard.
    Wir sind heute vom Lago Maggiore heimgefahren und haben schon den ersten Neuschnee an der Monte Rosa gesehen! Wir hoffen, dass dir kein Wintereinbruch einen Strich durch die Rechnung macht.
    Den Poli-Grappa auf dein Wohl haben wir halt ohne dich getrunken.
    Wir warten schon gespannt auf deine neuen Berichte.
    übrigens habe ich das Seume-Buch gelesen und kenne jetzt auch den Grund für diese Wanderung. Seume sagt nämlich, dass wer eine eine solche Wannderung zu Fuß macht, sich noch einige Jahre vor dem Podagra schützt. Das kannst du uns gerne nach deiner Rückkehr näher erklären.

  13. Heinz und Rosi mit Familie

    Hallo Uli,
    unsere Glückwünsche zum Geburtstag gingen leider an Deine ehemalige Mobilnummer. Daher nochmals auf diesem Wege die besten Wünsche!
    Weiterhin viel Freude und gute Begegnungen!
    Heinz und Rosi

  14. rainer dietrich

    rainer dietrich

    haben die damen von der post nicht die nasen hochgezogen oder waren die schlimmeres gewöhnt !

  15. Michaela Travers

    Boah, was für ein g…igantischer Trip. Und was für Bilder und Eindrücke! Und nicht zuletzt: eine tolle Leistung – Respekt!!!!!

  16. Volkhard

    Hallo Uli,
    habe gerade deine wundervollen Berichte durchstöbert. Wie ich lese bist Du schon ganz nahe am Ziel.
    Ich wünsche Dir noch viel Spaß für die Schlussetappen und bin schon gespannt auf deinen Bericht am Steinknickle — Liebe Grüße
    Volkhard

  17. Reiner

    Hallo Uli,
    ganz große Gratulation. du hast eine tolle Leistung vollbracht und für Dich sicher unvergessliche Augenblicke erlebt.

    Gruß Reiner

  18. Gerd Kühnle

    Hallo Uli,

    herzlichen Glückwunsch. Alleine vom Lesen kann ich nachvollziehen, dass Du Dir einen Traum erfüllt hast. Neben der eigentlichen Leistung, nämlich dem Durchhaltevermögen und dem Genießen auch an weniger guten Tagen, haben mich vor allem auch Deine Begegnungen schwer beeindruckt. Das I-Tüpfelchen war sicher auch die Zusammenkunft mit dem Bürgermeister und den Stadträten von San dona di Piave.
    Du kannst richtig stolz auf Dich sein.

    Ich hoffe wir finden noch Gelegenheit für einen persönlichen Bericht.

    Gute Heimreise und

    herzliche Grüße

    Gerd

  19. Heilemann Sigge und Ingrid

    Hallo Encz,

    Respekt. Das ist eine Leistung. Nahezu unglaublich.

    Wir gratulieren sehr herzlich.

    Aber tu bitte noch langsam mit dem Rückflug.

    Wir könnten uns nun doch vorstellen, eine Etappe auf dem Rückwanderweg mitzugehen, falls du dich dazu entschließen könntest.

    Was hälst du davon ?

    Sigge und Ingrid

  20. Martina Debus

    Hallo Herr Waldbüßer,

    è fatto! Bravissimo!

    Da haben wir uns ja ganz knapp verpasst – wir waren Anfang der Woche noch ganz in der Nähe Ihres Zieles, in Caposile. Gerne hätte ich Ihnen gezeigt, dass es wunderschöne ruhige Wege durch das Naturparadies der Lagune Richtung Venedig gibt. Falls es Sie mal wieder in die Gegend zieht, gebe ich gerne einen Tipp oder das erforderliche Kartenmaterial…

    Complimenti e Congratulazioni

    M. Debus

  21. Helga

    Lieber Uli – wer solche Strecken hinter sich gebracht hat, kann sich doch von 15 Grad Wassertemperatur nicht abschrecken lassen – Feigling! Ansonsten Hochachtung vor Deiner Leistung -da wäre ich gern dabei gewesen. Helga

  22. Renate Schmidt

    Hallo Uli- auch wir begrüßen dich sehr herzlich im- heute allerdings regnerisch-trüben- Oberstenfeld — und „ziehen unseren Hut“ vor dieser sensationellen Strecke (plus der damit verbundenen Leistung!), die nun sooo erfolgreich hinter dir liegt! Deine Berichte darüber haben auch uns immer eine große Lese- Freude bereitet!!! Nächstens wird unser „Blick über den Gartenzaun“ also bestätigen: du bist wieder zuhause! Liebe Grüße von Haus zu Haus an den PENSIONÄR Uli von Rainer und Renate!

  23. Bettina Heindl

    Hallo Herr Waldbüßer,
    eben erst hat mich Frau Schöll auf Ihren blog aufmerksam gemacht und ich konnte Ihre komplette Reise nachverfolgen. Super! Einmalig! Mir ist’s ganz warm ums Herz geworden als ich gelesen habe, dass sie in Kasern und Rein waren. Dort ganz in der Nähe habe ich dieses Jahr wieder einen- ähem – Wanderurlaub verbracht, nachdem ich dorthin schon seit Jahren zum Ski fahren gehe. Ach, schee isses.

    Ein wunderschöner Bericht über Ihre wundervolle Reise. Ich freue mich, dass Sie jetzt wieder wohlbehalten zuhause angekommen sind und wünsche Ihnen weiter eine wunderschöne Zeit. Lassen Sie sich jetzt erst mal von Ihrer Familie verwöhnen.

    Herzliche Grüße
    Bettina Heindl

  24. Evi & Josef

    Hallo Uli,
    deine Tour im Alleingang über die Alpen war eine grandiose Leistung, vor der wir einfach nur den Hut ziehen. Auch ist es ein Genuss, deine Etappenberichte zu lesen. Da hast du deine Erlebnisse sauber auf den Punkt gebracht. Jetzt wünschen wir dir noch viele gesunde Jahre in deinem Unruhestand, dass du noch mehr solche Unternehmungen starten kannst.

    Liebe Grüße aus Rottweil
    Evi & Josef

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.