In den Haltplatten des Kaisers

Lothar wartet auf dem Parkplatz Kaisertal bereits auf uns. Wir freuen uns sehr darüber, dass er doch noch einmal zwei Tage dabei ist. 28 Jahre lang war er regelmäßiger Teilnehmer der Alpin-Kletterausfahrten der Sektion. Jetzt will er die Kletterschuhe endgültig an den Nagel hängen. Gemeinsam steigen wir sechs Teilnehmer ins Kaisertal hinauf, vorbei am Anton-Karg-Haus in Hinterbärenbad, der Alpenvereinshütte der Sektion Kufstein des Österreichischen Alpenvereins. Unser Domizil für die nächsten 5 Tage liegt 15 Gehminuten höher; das Hans-Berger-Haus (940 m), das den Naturfreunden gehört. Michael empfängt uns und weist uns die Kammern zu. Einige unserer Fachübungsleiter haben Stammgast-Status hier. Das ist ein Bonus für die ganze Truppe. Kurz nach uns treffen auch Klaus, Jochen, Jürgen und Volkhard ein.

Wir klettern uns warm in der „Weißen Spur“ am Wandsockel der Kleinen Halt. Die Mehrseillängenroute ersetzt dem Hans-Berger-Haus den Klettergarten. Für unsere Fachübungsleiter ist der erste Ausflug an den Fels eine gute Gelegenheit, Sicherheitsunterweisungen beim Bau von Standplätzen und beim Legen von Zwischensicherungen zu geben. Wir Teilnehmer können uns mit den Felsstrukturen vertraut machen.

Am Mittwoch gehen wir gemeinsam an die Ellmauer Halt. Klaus, Jochen, Matthias, Monika, Bodo und Lothar sind in „Max und Moritz“ (5) unterwegs. Jürgen, Volkhard, Michael und ich steigen den Leuchsweg (3+). Den Körperriss in der dritten Seillänge sind wir hörbar durchgeschrappt. Bloß Jürgen hat die ideale Begehungsform für dieses knifflige Kriechband gefunden. Am Freitag nehmen die meisten von unserer Truppe eine Auszeit. Jürgen, Jochen, Matthias und Monika sind an den Fels gegangen. Sie haben sich die Berliner Luft (5-) vorgenommen; eine Plattenkletterei mit sieben Seillängen am Westwandsockel der Gamshalt. Unter der Woche hat sich unser Kletterfreund Jürgen W. zu uns gesellt, der verletzungsbedingt beim Klettern passen muss. Er will es sich aber nicht nehmen lassen, ein paar Tage mit uns zu verbringen.

Der Donnerstag ist ohne Zweifel der Höhepunkt unserer Klettertage im Kaiser. Wir gehen an die Nordwest-Wand der Kleinen Halt. Jochen, Matthias und Volkhard nehmen die Plattendiretissima (5+) in Angriff. Jürgen und Klaus haben Bodo und mich für den Enzensperger Weg (3+) erwärmen können. Silvia, die Hüttenwirtin freut sich über unser Vorhaben. Es sei ein wahrer Klassiker (12 SL), der kaum mehr begangen werde. Sie verspricht uns eine „super Tour“. Schon allein der Zustieg dorthin ist eine alpine Bergfahrt für sich. Man sollte sich für den Nachmittag nichts mehr vornehmen, steht vielsagend im Führer. Wir sind deshalb früh gestartet und steigen mit Unterstützung unserer Stirnlampen weiter das Kaisertal hinauf. Zuverlässig findet Klaus den Zustieg vom Hohen Winkel zum Totensessel, einer Felsformation nördlich der Kleinen Halt. Eine düstere, steile Schlucht zieht zu ihm hinauf. Sie ist stark steinschlaggefährdet und wir müssen verdammt aufpassen. Über die Totensesselscharte mit ihrem versteckten Durchschlupf und anschließendes latschendurchsetztes Schrofengelände erreichen wir die Haltplatten und den Einstieg. Wegen eines Verhauers vor der Scharte haben wir Zeit verloren. Die eigentliche Route, die sich wie ein großes „Z“ in einem Rinnensystem durch die Wand zieht, ist Genuss pur. Wir finden bombenfesten Fels vor. Im oberen Drittel haben wir Sichtkontakt zu unseren drei Kameraden, die in der Vertikale der Plattendiretissima einen atemberaubenden Anblick bieten. Sie ist mit 27 Seillängen eine der längsten Kaisertouren und wurde erst 1968 durch die gewaltige 800 m hohe Plattenflucht gelegt. Trotz der geklebten Standhaken bleibt diese Tour ein ernstes Unternehmen. Nahezu gemeinsam kommen wir am Gipfel an und steigen über den Kaiserschützensteig hinunter zum Oberen Schärlinger Boden und in der Dämmerung weiter zurück zum Hans-Berger-Haus, das wir bei Einbruch der Dunkelheit erreichen. Silvia zürnt uns nicht, dass wir zu spät zum Abendessen kommen, denn sie kannte unsere Vorhaben und weiß um deren zeitliche Dimension.

Am Gipfel der Kleinen Halt
Am Gipfel der Kleinen Halt

„Die wilde Kaiserin“, so wird sie gerne genannt. Mit ihrem unkonventionellen und resoluten Regiment schafft sie eine besondere Bergsteigeratmosphäre auf dem Haus. Ganz selbstverständlich greift sie am Abend zur Gitarre, um mit uns den „Franze“ zu singen. Silvia legt Wert auf Kommunikation mit ihren Gästen; auch was deren Touren angeht. Dabei wird deutlich, dass sie weiß, von was sie spricht. Sie kennt die Kletterrouten nicht nur vom Hörensagen. So hat sie ziemlich verärgert über die Überheblichkeit zweier Kletterer reagiert, die am Freitag recht spät in die „Via Aqua“ an der Nordwestwand der Kleinen Halt eingestiegen sind und dabei großspurig erklärt haben, um 18 Uhr zurück zu sein und deshalb kein Bett zu brauchen. Dass dies nichts werden kann, rechnen wir uns aus, denn wir können den zögerlichen Fortschritt der Seilschaft an unserem Ruhetag von der Hütte aus gut beobachten. Als wir die Stirnlampen der Absteiger im Schärlinger Boden sehen, ist es längst Nacht geworden. Dabei hatten die Jungs noch großes Glück. Ein heftiges Gewitter, das von Kufstein hereingezogen ist, hat sie verschont.
Diese Route (7-) mit 24 Seillängen anspruchsvoller Kletterei und teilweise langen „runouts“ lässt Jochen, Jürgen und Klaus keine Ruhe. Sie hängen sie am Samstag dran und berichten uns nicht ohne Stolz, dass sie die Hütte am Abend wie geplant kurz nach 18 Uhr wieder erreicht haben. Dafür gab es einen Schnaps von Silvia.

Die Teilnehmer/in der Kletterausfahrt (Lothar ist schon abgereist)
Die Teilnehmer/in der Kletterausfahrt (Lothar ist schon abgereist)