Namaste, Nepal 2019

Zu Gast bei Freunden – Dollu, 22. Februar 2019

In meinem Gästehaus in Dollu erhole ich mich von dem langen Flug. Um 18 Uhr bin ich bei Hari und seiner Familie zum Abendessen eingeladen. Was für ein schöner Auftakt meiner Reise nach Nepal.

Das goldene Dach des Klosters funkelt in der Sonne

Ich sitze auf der Veranda. Das goldene Dach des benachbarten Klosters funkelt in der Sonne. Es ist außergewöhnlich warm hier mit über 20 Grad. Aber Hari hat mir angekündigt, dass es nachts noch empfindlich kalt wird. Letzte Woche hatten sie hier Schnee. Das Dorf, in dem mein Guide wohnt, liegt auf 1.600 m. Morgen wollen wir zusammen auf den Champadevi (2.285 m) hinaufsteigen. Es ist der „Hausberg“ hier, am Rande des Kathmandutals. Mir dient er zur Akklimatisierung und vielleicht erhaschen wir einen ersten Blick auf die Himalayakette.

Über die Berge von Nepal konnte ich mich schon auf dem Flug von Istanbul austauschen. Neben mir saß ein US-Amerikaner, der seinem Heimatland einen mehrwöchigen Besuch abstattet. Er ist vor vielen Jahren emigriert und hat als Chemiker für Siemens gearbeitet. Im Langtang, meinem Trekkingziel, ist er schon 30 Jahre vor mir gewesen, erzählt er mir. Damals, in den Achtzigern sei der kleine Feldflugplatz, dort oben bei Kyanjin Ghompa auf über 3.000 m noch in Betrieb gewesen. Hari hat mir bei unserem ersten Besuch die Schotterpiste gezeigt.

Ich will ganz bewusst nach 2011 das zweite Mal in dieses einzigartige Hochtal an der Grenze zu Tibet, um mir ein Bild davon zu machen, wie die Menschen mit dem schrecklichen Erdbeben fertig geworden sind, das 2015 im Langtang viele Opfer gefordert hat.

Ein Besuch bei der Schutzgöttin „Champadevi“, 23. Februar 2019

Die ersten Rhododendren blühen im Bergwald

Champadevi ist die Schutzgöttin des Tales und die Namensgeberin des Berges, auf den wir gemächlich hinaufwandern. Bereits am Vormittag ist es erstaunlich warm. Auf dem Gipfel messe ich 23 Grad im Schatten – auf über 2.000 m Höhe.

Auf über 2.000 m 23 Grad im Schatten

Die Trockenheit ist überall ablesbar und die Vegetation leidet darunter. Gelb sind die Nadeln der Pinien und der Boden ist knochentrocken. Im letzten Jahr hat die Bergflanke über Dollu einmal gebrannt, erzählt mir Hari. Auch die Wasserversorgung wird für sein Dorf zunehmend zum Problem. Dabei sind viele der Bewohner von der Landwirtschaft abhängig.

Die Vegetation leidet unter der Trockenheit

Beim Gipfelzustieg schauen wir hinunter auf Kathmandu und seine Wucherungen. Auf 30 bis 35 km schätzt Hari die West-Ost-Ausdehnung der Stadt. Obwohl es heute ziemlich diesig ist, hebt sich die Himalayakette hinter der Metropole deutlich vom Horizont ab. Wir sehen im Westen auch den Langtang Lirung (7.227 m), der unseren Trek mit seiner Dominanz begleiten wird.

Wir sehen aus der Ferne den Langtang Lirung (7.227 m)

Wie stark Dollu von seinen großen Klöstern geprägt wird, zeigt sich beim Abstieg aus der Vogelperspektive besonders deutlich. Grund für die massive Präsenz der buddhistischen Einrichtungen sind günstige Baulandpreise und die Nähe zu Kathmandu. Besonders sticht die Buddhastatue heraus, die in einem der Klöster gebaut wird. Sie ist aus Beton und wir schätzen ihre Höhe auf 20 Meter.

Auf 20 m Höhe schätzen wir den Buddha

Leider kann ich sie nicht aus der Nähe besichtigen. „Under construction“ sagt mir das Schild am Eingang.

Die jungen Klosterschüler mischen sich beim Fußball mit der Dorfjugend


Die jungen Klosterschüler begegnen uns überall. Auf dem Bolzplatz von Dollu spielen sie Fußball und mischen sich dabei mit der Dorfjugend.

Hari zeigt mir auch einen buddhistischen Bestattungsplatz. Damit die Seele ungehindert aufsteigen und ins Nirwana gelangen kann, werden die Verstorbenen auf Hügeln verbrannt. Hinduistische Bestattungen hingegen nehmen die Hinterbliebenen in Pashupatinath vor. Für sie ist es wichtig, dass die Asche über den Bagmati in den Ganges gelangen kann.

Ein Bestattungsplatz von Dollu

Am Nachmittag trinke ich ein Bier im „Dakshinkali-Village-Resort“, um Nabin zu treffen. Der Schwager von Hari, der mich auf einigen Treks zuverlässig begleitet hat, arbeitet dort in der Küche. Er freut sich riesig über meinen Besuch und ruft einen weiteren alten Bekannten dazu, der mir ebenfalls in angenehmer Erinnerung ist. Es ist Rajkumar, der Koch. 2013 hat er die Küchenmannschaft dirigiert, welche das Essen für die Kinder vom „Haus der Hoffnung“ bei unserem Ausflug in den Manjushri-Park zubereitet hat.

Nabin (links), Rajkumar und ich freuen uns auf unser Zusammentreffen

Von Kathmandu nach Syabrubesi, 24. Februar 2019

5:30 Uhr. Kathmandu ist schon lange wach. Diese Stadt hat ihren eigenen Rhythmus. Viele Shops sind geöffnet und der Verkehr strebt bereits seinem täglichen Chaos entgegen. An den Straßenrändern kokeln noch die Feuer der Nacht. Straßenhunde suchen in den Abfallbergen nach Fressbarem.

Gedränge und Geschrei erwarten uns an der Busstation. Jeder will den besten Platz haben. Neben den Bussen verkaufen Bäuerinnen aus riesigen Tragekörben Mangold. Er ist unentbehrlicher Bestandteil des Nationalgerichts Dal Bhat und kann in Nepal das ganze Jahr geerntet werden. Hari löst unsere Tickets. Die Rucksäcke müssen aufs Dach; der Bus ist voll. Wir achten darauf, dass sie richtig verstaut werden.

Das ist Bus-Marketing

Wer ein gutes Nervenkostüm und belastbare Bandscheiben hat, ist bei der Busfahrt von Kathmandu ins Gebirge deutlich im Vorteil. Mit Mühe werden die Schlamm- und Schotterpisten über die wir schlingern in einem halbwegs befahrbaren Zustand gehalten. Sie winden sich ausgesetzt an tiefen Schluchten entlang. Atemberaubend sind die Tiefblicke. Nach rund zwei Stunden ist unsere Fahrt vorläufig zu Ende. Eine Hangrutschung hat die Piste verschüttet. Die Berghänge sind an vielen Stellen in ständiger Bewegung.

Die Berghänge sind in Bewegung

Zwei Bagger arbeiten daran, die Strecke wieder befahrbar zu machen. Wir nehmen die Zwangspause mit Gelassenheit, pulen Erdnüsse und schauen den Bauarbeiten zu. Nach zwei Stunden können wir unsere Fahrt wieder fortsetzen. Wir steuern das Trisulital an, das mit 600 m deutlich tiefer liegt als Kathmandu.

Überall in den Dörfern und Städten gibt es frisches Obst und Gemüse

Von dort aus geht es hinauf nach Dhunche auf 2.030 m. Unser Ziel ist Syabrubesi, das wir nach fast 11 Stunden erreichen. Der Bus fährt weiter nach Tamang Heritage, kurz vor der chinesischen Grenze.

Von Syabrubesi nach Sherpagaun, 25. Februar 2019

In der ersten Nachthälfte habe ich schlecht geschlafen. Alles hat vibriert in mir. Ich wähnte mich noch in dem Bus. Trotzdem freue ich mich sehr auf den ersten Trekkingtag.

Am Morgen überqueren wir den Bhote Kosi, der aus den tibetischen Bergen kommt. Auf der anderen Talseite treffen wir auf den Steig, der uns nach Khanjing hinaufführt. Ich registriere regen LKW-Verkehr auf der Straße zur Grenze. Sie ist nur für den Warenverkehr, der sich nahezu ausschließlich auf Importe beschränkt und für die Dorfbewohner beiderseits geöffnet. Besuche unter Verwandten werden so ermöglicht.

Auf der nepalesischen Seite leben viele Exiltibeter, die während der chinesischen Kulturrevolution geflüchtet sind. Auch die Familie, bei der wir zu Mittag essen, ist tibetischer Herkunft. Wir sind in dem Teehaus die einzigen Gäste und sitzen in der Küche am Herdfeuer.

Hari kocht für uns

Hari bereitet für uns das Mittagessen zu. Es ist hier durchaus üblich, dass die Guides beim Kochen mithelfen. Die familiäre Atmosphäre, die wir genießen, ist für mich ein unwiederbringliches Erlebnis.

Der kleine Tensing hat mit dem Dalai Lama Geburtstag

Die junge Frau erzählt mir stolz, wie sehr sie den Dalai Lama verehrt und zeigt mir den Schrein mit seinem Bild. Dass ihr kleiner Sohn Tensing am gleichen Tag wie ihr Idol Geburtstag hat, macht sie glücklich.


Von Sherpagaun nach Thangshyap, 26. Februar 2019

Der Langtang Lirung (7.227 m) begleitet uns auf unserem Trek mit seiner Dominanz

In Nepal entstehen derzeit überall Wasserkraftwerke; eines davon wurde in der Nähe von Syabrubesi gebaut. Die Nachbarländer Bangladesh und Indien haben schon Interesse am Strombezug bekundet; aber die Verhandlungen gestalten sich wohl schwierig. Auch das Langtang wird an das Stromnetz angebunden. Jetzt endet die Trasse noch in Sherpagaun, dem Dorf, in dem wir übernachtet haben. Welche körperlichen Anstrengungen der Bau der Stromleitung bei der extrem schwierigen Topografie erfordert, haben wir gestern hautnah erlebt. Eine Gruppe junger Männer hat die Strommasten für die Weiterführung der Leitung transportiert; jeweils zwei Mann eine Stütze. Ich habe eines der verzinkten Eisenrohre angehoben und auf 100 kg geschätzt. „Mindestens“ meinte Hari zweifeln. Was bei uns der Heli erledigt, geschieht hier noch mit Muskelkraft.

Die Stromleitung endet noch in Sherpagaun
Mit dem Strom kommt das Internet

Unser Nachtquartier in Sherpagaun war angenehm. Neben zwei Russen waren wir die einzigen Gäste in der Lodge. Bei nahezu wolkenlosem Himmel starten wir heute morgen taleinwärts. Auf unserem Weg treffen wir immer wieder auf vermurtes Gelände; Auswirkungen des Erdbebens im Jahre 2015. Wie mir Hari erzählt, kommt es bei Nachbeben immer wieder zu neuen Schäden.

Wir treffen immer wieder auf vermurtes Gelände

Bei der Naturkatastrophe sind im Langtang nicht nur viele Menschen umgekommen; auch die Wege wurden völlig zerstört. Die Talbewohner waren von der Außenwelt abgeschnitten. Sie mussten mit Hubschraubern ausgeflogen und in einem Camp in Syabrubesi untergebracht werden. Erst nach einem halben Jahr konnten sie in ihre Dörfer zurück und mit dem Wiederaufbau beginnen.

Mit dem Bau dieser Brücke…
…hat der DAV geholfen

Eine der Nichtregierungsorganisationen, die ihnen dabei geholfen hat, ist der Deutsche Alpenverein gewesen. Sein Hilfsprojekt war der Bau einer Brücke über den Langtangfluss.

Bei der Mittagspaus in der Lodge „Riverside“…
…gibt es gebratenen Reis

In Tangshyap (3.240 m) kommen wir schon um 14:30 Uhr an. Wir waren zügig unterwegs und nutzen die Zeit für ein Mittagsschläfchen. Ohne Schlafsack und Mütze geht das nicht. Es ist bitterkalt hier oben und es weht ein eisiger Wind. Aber noch ist es schneefrei.

Für das Abendessen heizt Sangmo, unsere sympathische Gastgeberin den Ofen an. Sie bewirtschaftet zusammen mit ihren Schwiegereltern das Gästehaus. Ihr Mann ist beim Erdbeben gestorben. Am 25.4.2015 hatte er in Langtangdorf etwas zu erledigen und ist von dort nicht wieder zurückgekehrt. Die Frau spielt für uns sentimentale tibetische Lieder – mit dem Smartphone!

Hari und ich sind die einzigen Gäste. Wir sitzen am Feuer und sprechen über die Veränderungen in Nepal. In die neue Landesverfassung, die föderalistische Strukturen einführt, setzt er seine Hoffnungen. Nach wie vor sei aber die Korruption ein großes Problem und in den Verwaltungen sind die alten Kader am Werk.

Wir sitzen am Ofen uns sprechen über Nepal

Es wird ein sehr harmonischer Abend. Dass es kein WiFi gibt, empfinden Hari und ich wohltuend. Wir können uns auf uns selbst konzentrieren. Später setzen sich die drei Hausbewohner zu uns an den Ofen. Sie unterhalten sich auf tibetisch. Auch Hari versteht sie nicht. In der Stubenecke wacht über uns der Dalai Lama. Er ist hier im Tal allgegenwärtig.

Der Dalai Lama ist allgegenwärtig

Um acht kriechen wir in unsere Schlafsäcke. Ich optimiere meinen mit einer Decke.

Von Tangshyap nach Ghompa, 27. Februar 2019

In der Nacht hat es geschneit und der Wind hat sich kaum gelegt. Es fällt uns nicht schwer, in den Schlafsäcken zu bleiben. Uns läuft heute nichts weg. Waschen und Zähneputzen müssen ausfallen; die Leitung ist eingefroren. Später setzen wir uns zu Sangmo in die Küche. Sie backt für uns tibetisches Brot und Omlett.

Sangmo backt für uns tibetisches Brot

Um neun entschließen wir uns zu starten. Kurz darauf beginnt es heftig zu schneien und es ist kaum etwas zu sehen.

In Ghompa (3.400 m) geben wir nach eineinhalb Stunden auf uns steuern ein kleines Teehaus an. Wir beschließen, den Vormittag abzuwarten und nach dem Mittagessen zu entscheiden, ob wir noch weiter aufsteigen.

Eine italienische Trekkinggruppe mit Guide und Trägern ist hier beim Erdbeben gestorben

In der winzigen Küche trinken wir bei Gurmey und Ghaki Tee. Es ist ein junges Ehepaar, welches das Haus betreibt. Als wir realisieren, dass es heute nicht mehr besser wird, sind wir uns schnell einig, zu bleiben. Gurmey und Ghaki freuen sich, dass sie uns beherbergen dürfen. Gurmey schenkt uns Chang ein, einen warmen vergorenen Reiswein. Er entfaltet sofort seine Wirkung und sorgt dafür, dass wir in kein Stimmungstief fallen.

Ghaki…
…und Gurmey freuen sich, dass sie uns beherbergen dürfen

Zum Mittagessen gibt es Bratkartoffeln und den Nachmittag verbringen wir in den Schlafsäcken. Es schneit immer wieder. Das erste Mal in den letzten drei Jahren sei es, dass sie hier im Februar noch Schnee haben, erzählt uns Gurmey. Wir bleiben in der Lodge wieder die einzigen Gäste.

Endstation Ghompa, 28. Februar 2019

In der Nacht wache ich auf. Der Wind rüttelt an meiner Türe. Licht lässt sich nicht anmachen. Vermutlich sind die Solarbatterien leer. Ich schaue nach draußen. Es schneit heftig und ich werde sofort von Schneekristallen gepeitscht. Ich krieche wieder in meinen Schlafsack. Am Morgen schürt Gurmey den Herd an und wir setzen uns in die Küche. Immer wieder hören wir auf der gegenüberliegenden Talseite die Lawinen donnern.

Kehrwoche kann ich

Ich lasse mir von Gurmey eine Schaufel geben und räume den Weg von der Küche zur Stube frei. Er schmilzt Schnee. Das Wasser ist eingefroren.

Gurmey schmilzt Schnee

Plötzlich – um 9:30 Uhr klart es auf und kurz darauf ist der Himmel blau und wolkenlos. Hari bleibt skeptisch und plädiert dafür, abzusteigen. Auch ich habe keine Lust, im tiefen Schnee nach oben zu spuren. Wir würden leicht die doppelte Zeit nach Kjianjng Ghompa brauchen und die Besteigung des Tsergo Ri ist bei der Schneelage ohnehin nicht möglich. Also runter! Eine Entscheidung, die sich einige Stunden später als richtig erweisen sollte.

Ich schaue noch einmal hinauf nach Langtang-Dorf mit der Gedenkstätte. Dort hat sich eine Tragödie abgespielt. Beim Erdbeben am 25.4.2015 ist aus der Flanke des Langtang Lirung eine gewaltige Lawine aus Fels und Eis abgegangen und hat nahezu das ganze Dorf unter sich begraben. Die Druckwelle hat auf der gegenüberliegenden Talseite den gesamten Bergwald zerstört. 2011 habe ich mit Hari in dem Dorf übernachtet.

Dort drüben hat sich 2015 eine Tragödie abgespielt. Im Hintergrund ist schemenhaft der Tsergo Ri (4.984 m) zu erkennen

 

Die Druckwelle hat den Bergwald zerstört

Der Abstieg ist kräfteraubend. Hari spurt. Bald haben wir einen Vorausgänger und mit jedem Dorf wird der Trampelpfad etwas größer. Wir sind froh, dass wir unsere Gamaschen eingepackt haben.

Die Tiere leiden auch unter dem Wintereinbruch. Ein Yak ist abgestürzt. Es lebt noch und liegt bewegungsunfähig neben dem Weg. Ein Horn ist abgebrochen und die Gliedmaßen sind verdreht. Hier hilft nur noch der Schlachter. Ein junges deutsches Trekkerpärchen trifft mit uns bei dem Tier ein. Sie werden gleich in Tangshyap sein und verständigen dort die Einheimischen.

Dem Yak kann nur noch der Schlachter helfen

Schon am frühen Nachmittag zieht es wieder zu und beginnt erneut zu schneien. Selbst in Kathmandu, so erfährt Hari von seiner Frau Mitu am Telefon, schneit es. Ein Ereignis, an das sich Hari nicht erinnern kann.

Wir nehmen an diesem Tag Quartier in Rimche und haben die Lodge ein weiteres Mal für uns allein. So können wir uns am Ofen mit unseren nassen Sachen ausbreiten.

Der Langtangfluss im Winterkleid

Von Rimche nach Syabrubesi, 1. März 2019

Der Morgen ist eisig und der Schneematsch von gestern hart gefroren. Ich gebe Hari einen von meinen Trekkingstöcken und wir tasten uns vorsichtig nach unten.

Der Morgen ist eisig

Auch an diesem Tag begegnen uns immer wieder Träger mit schweren Lasten, die nur mit Turnschuhen oder Sandalen bekleidet sind. Hari erklärt mir, er achte darauf, dass die Träger bei seinen Treks ordentlich ausgerüstet sind. Dies sei nicht bei allen Agenturen gewährleistet.

Wir gehen heute nach Syabrubesi hinunter und freuen uns auf ein Bad in den heißen Quellen. Je tiefer wir kommen, desto üppiger wird die Vegetation. Die Hänge sind mit Bambus bewachsen. Es ist das Habitat des Roten Panda, einer streng geschützten Bärenart.

Wir bewegen uns im Habitat des Roten Panda

Bei einem kleinen Teehaus machen wir Mittagspause und ich schaue mir den Bauerngarten an. Diese begegnen uns jetzt überall. Ich sehe Blumenkohl, Mangold und Weizen aber auch Bäume mit kleinwüchsigen Mandarinen.

Überall wird Gemüse angebaut.
Wir sehen Bäume mit kleinwüchsigen Mandarinen
Oma kümmert sich um die Wäsche

Auf einer abenteuerlich geflickten Hängebrücke balancieren wir über einen Zufluss des Langtangflusses. Die Verankerung eines Tragseils ist gerissen und wurde notdürftig mit Steinen beschwert.

Augen zu und drüber!

Von den heißen Quellen in Syabrubesi, auf die wir uns gefreut hatten, sind wir enttäuscht. Die Becken sind leer und die Anlage ist stark vernachlässigt. Für eine Dusche reicht es allemal.

Zu den Tamang-Dörfern, 2. März 2019

Heute wollen wir den Tamang einen Besuch abstatten. Die Tamang sind eine in Nepal lebende ethnische Gruppe tibetobirmanischen Ursprungs. Sie stellen etwa 5 % der nepalesischen Bevölkerung.

Wir wandern auf der Straße nach Tibet, entlang des Bhote Kosi und gelangen nach zwei Kilometern zur Runga Brücke. Dort treffen wir auf zwei chinesische Ingenieure, die ein weiteres Wasserkraftwerk bauen. Sie treten sehr selbstbewusst auf und stellen sich mir freundlich vor. Mit mir fotografieren lassen wollen sie sich nicht. Es ist unverkennbar, dass China in die Verkehrsinfrastruktur zwischen Nepal und Tibet enorm investiert.

Wir treffen auf zwei chinesische Ingenieure, die ein Wasserkraftwerk bauen
Enorme Erdmassen werden bewegt

Auf einer neuen Baustraße steigen wir in endlosen Serpentinen zu den Tamang-Dörfern hinauf. Schwere LKW´s transportieren Elemente für die Druckleitung nach oben: Schwerstarbeit für die Fahrer. In den engen Kurven müssen sie mehrfach zurücksetzen.

Der Transport der Elemente für die Druckleitung…
…ist Schwerstarbeit für die Fahrer
Die Beschriftung auf den LKW´s lässt sich nicht mehr toppen

Beim ersten Dorf gelangen wir zu dem Speicherbecken für das Kraftwerk. Ein Bauschild verkündet: Finanziert mit Mitteln der EU und mit Know-how aus China.

Das Speicherbecken
Geldmittel kommen auch von der EU

Hari erkennt das Dorf nicht wieder. Er ist das letzte Mal vor dem Erdbeben hier oben gewesen. Viele der alten Häuser waren eingestürzt oder einsturzgefährdet und sind durch neue ersetzt worden. Das Dorf wird von der Kraftwerksbaustelle dominiert. Wir kommen an Lagerplätze für Baumaterialien und an Arbeitercamps vorbei.

Das Tamang-Dorf erneuert sich
Dominiert wird es von der Kraftwerksbaustelle

Nach der Mittagsrast statten wir den heißen Quellen einen Besuch ab. Sie liegen eine Fußstunde außerhalb des Dorfs. Da sie von Einheimischen stark frequentiert sind, verzichten wir auf ein Bad. Wir wollen ihnen ihre Vorrechte nicht streitig machen. Nach dem Erdbeben sind an verschiedenen Orten heiße Quellen zutage getreten.

Die heißen Quellen…
…werden von den Einheimischen gut frequentiert
Das zweite Tamang-Dorf ist unser Tagesziel

Wir steigen zum zweiten Tamang-Dorf hinauf. Es liegt auf 2.000 m. Der Plan ist, dort zu übernachten und morgen über einen Pass nach Syabrubesi zurückzukehren.

Auch in Nepal spielen die Kinder gern „Küche“

Als wir nach gut eineinhalb Stunden ankommen, finden wir nur ein Gästehaus vor. Es ist in einem erbärmlichen Zustand. Eigentlich besteht es nur aus einer Wellblechhütte. Hari und ich schauen uns an und sprechen es gleichzeitig aus: „Weiter nach Syabrubesi“. Ich weiß wohl, dass dies einen nochmaligen Aufstieg von 200 Höhenmetern zum Pass und dann einen Abstieg von 800 Höhenmetern bedeutet. Aber der Anblick der Wellblechhütte ist meine Motivation. Wir essen noch einen Apfel aus Haris Obstvorrat und gehen es an. Es ist 16 Uhr. Weil wir die Serpentinen der Passstraße nicht brauchen, suchen wir eine Abkürzung durch den Bergwald. Das Ganze endet in einer Durchschlageübung in steilem, felsdurchsetztem Gelände mit dichtem Gebüsch. Aber um 16:30 stehen wir am Pass und klatschen uns ab. Den Abstieg nach Syabrubesi bringen wir irgendwie auch noch hinter uns. Um 18 Uhr sitzen wir beim Bier und haben neun Stunden Gehzeit in den Knochen. Ich frage Hari scherzhaft, warum wir eigentlich unsere Rucksäcke am Morgen nicht dagelassen haben. Er antwortet nicht minder spitzbübisch: „Ohne deinen Rucksack bist du kein richtiger Trekker“.

Kathmandu, 3. März 2019

Wir sind nach 9stündiger Fahrt zurück in Kathmandu; einen Tag früher als geplant. Das kommt mir gelegen. Ich will hier noch einiges anschauen. Auch Hari freut sich nach den gemeinsamen Trekkingtagen auf seine Familie.

9 Stunden Fahrt für 140 Kilometer

Morgen besuche ich zuerst die Kinder. Am Nachmittag hat mir mein Guide Pashupatinath ans Herz gelegt. Es ist Nepals wichtigster Hindutempel und gleichzeitig der Bestattungsort mit den Verbrennungsplätzen für die Hindus. Dort findet morgen das Shivaratri statt, ein großes Pilgerfest. Das muss ich sehen.

Heute ist nach der staubigen Fahrt erst mal ausgiebige Körperpflege angesagt. Hari hat mir in Thamel ein angenehm ruhiges und komfortables Hotel ausgesucht. Kontrastprogramm zu den einfachen Lodges im Langtang.

Kathmandu, 4. März 2019

Die Begrüßung könnte herzlicher nicht sein. Als ich das Hoftor zum Haus der Hoffnung öffne, kommt mir Navraj entgegen und umarmt mich freundschaftlich. Er ist der langjährige Hausleiter, den ich bei meinen früheren Besuchen kennen- und schätzen gelernt habe. Eigentlich hat er seine Tätigkeit aufgegeben, um etwas Neues zu beginnen, denkt aber wohl über einen Wiedereintritt nach. Zunächst brauche er eine Auszeit, auch um zu heiraten, berichtet er mir.

Die Begrüßung im Kinderhaus fällt herzlich aus

Nicht minder herzlich fällt das Wiedersehen mit Ellen Dietrich aus, der Leiterin des Vereins „Haus der Hoffnung – Hilfe für Nepal e.V.“. Sie hält sich mehrere Monate in Kathmandu auf und hat übergangsweise die Leitung der Einrichtung übernommen. 150 Kinder, die aus ärmsten Verhältnissen kommen und traumatische Erfahrungen hinter sich haben, werden derzeit in drei Häuser betreut. Diese liegen in der Nähe zueinander.

Ellen Dietrich ist Vorsitzende des Hilfsvereins, Navraj der langjährige Hausleiter

Viele der Kinder kennen mich und begrüßen mich. Unser Patenkind Menuka ist sichtlich stolz darauf, dass ich sie besuche. Ich lerne die Praktikanten aus Deutschland kennen. Sie laden mich ein, mit ihnen das Shivaratri in Pashupatinath zu besuchen. Das hatte ich ohnehin vor. Gerne willige ich ein und freue mich, dass ich bei dem Pilgerfest der Hindus Begleitung habe.

Geduldig warten die Menschen in der Schlange auf Einlass
Die Praktikanten aus Deutschland haben mich mitgenommen

Wir nehmen den Bus nach Pashupathi. Es ist eine unglaubliche Massenveranstaltung. Ich schätze die Schlange der Menschen bis zu den Eingängen auf mindestens einen halben Kilometer. Wir als Touristen genießen offensichtlich VIP-Status. Nach ein paar freundlichen Worten mit den jeweiligen Polizeioffizieren werden wir an allen Checkpoints rasch durchgeschleust. Ein bisschen haben wir schon ein schlechtes Gewissen ob dieser Sonderbehandlung. An der Kasse ist es mit der Sonderbehandlung dann rasch vorbei und wir müssen unser Touristenticket für 1.000 Rupien lösen.

Shivaratri ist ein bedeutendes Pilgerfest der Hindus

Wir begeben uns zu den Bestattungsplätzen am Bagmati River. Eigentlich ist es nur eine stinkende Kloake – missbraucht als Abwasserkanal. Derzeit finden zwei Verbrennungen statt. Die starke Rauchentwicklung nimmt uns den Atem und wir beobachten das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Menschen stehen bis zu den Knien im schmutzigen Wasser und schicken Gaben für die Götter auf die Reise.

Auf den Bestattungsplätzen finden Verbrennungen statt

Durchaus beängstigend ist das enorme Gedränge. Unwillkürlich muss ich an ein Geschehnis in Duisburgs jüngster Vergangenheit denken. Trotz einem erheblichen Polizeiaufgebot können wir keine klare Struktur in der Besucherlenkung erkennen. Mit Trillerpfeifen und Schlagstöcken wird immer wieder versucht, Brennpunkte mit Menschenansammlungen zu entschärfen. Wir bleiben dabei unbehelligt.

Das Gedränge ist beängstigend

Am Nachmittag ist Kontrastprogramm: ein fröhliches Treiben im Kinderhaus. Heute ist aus Anlass des Pilgerfestes schulfrei. Die Kinder führen ihre Tänze auf, die sie eingeübt haben und genießen unseren Applaus sichtlich. Ich verspreche, morgen wiederzukommen.

Fröhliches Treiben im Kinderhaus

Kathmandu, 5. März 2019

Heute morgen bin ich bei den Kindern, bevor sie für die Schule gerichtet werden. Sie sind noch beim Dal Bhat, als ich ankomme. Es gibt in der Regel zwei Mal am Tag das schmackhafte nepalesische Gericht aus Reis, Linsensoße und Gemüse der Saison. Immer Dal Bhat zu haben, gehört in diesem Land zum Wohlbefinden, so scheint mir.

Die Kinder sind beim Dal Bhat

Nach dem Essen folgt das vertraute, militärisch anmutende Ritual. Die Kinder erhalten ihre Schulausweise und ihr Outfit wird kontrolliert. Die Uniform muss sitzen! Danach geht es auf den Weg zur Schulbushaltestelle. Die Volunteers begleiten die Kinder.

Morgenappell. Die Uniform muss sitzen
Hier muss noch nachjustiert werden

Ich teste mit Navraj die Technik für meine morgige Präsentation. Den Kindern möchte ich Bilder von meinen früheren Besuchen im Haus zeigen.

Danach zieht es mich in die Altstadt. Mit einem Taxi fahre ich zum Durbar Square. Überrascht stelle ich fest, dass an vielen historischen Tempelanlagen die Erdbebenschäden noch nicht beseitigt sind. Absperrgitter, Betretungsverbotsschilder und Stützpfeiler beherrschen die Szene.

Impressionen aus der Altstadt

Kathmandu, 6. März 2019

Kathmandu ist ein Labyrinth. Das weiß ich ja. Aber dass es so schwierig sein kann, sein Hotel wiederzufinden, hätte ich nicht gedacht. Nach meinem gestrigen Altstadtbesuch bat ich einen Taxifahrer, mich zurückzubringen. Er schaute mich nur verständnislos an und wusste mit dem Namen des Hotels allein nichts anzufangen. Die Visitenkarte des Hauses hatte ich in meinem Zimmer liegen lassen. Eine Zeit lang kreuzten wir erfolglos durch Thamel. Dann versuchte er, Hari anzurufen. Leider erreichten wir ihn nicht. Schließlich war ein Freund meines Fahrers mit „Google Maps“ behilflich. Heute morgen habe ich ihn an seinem Taxistand besucht. Wir hatten beide im Nachhinein unsere Freude an dem kleinen Abenteuer.

Mein hilfsbereiter Taxifahrer

Die Arbeit der Fahrer ist kein Zuckerschlecken. Die Tarife sind gering und werden im Voraus ausgehandelt. Das Benzin ist so teuer wie bei uns. Der Verkehr ist eine Katastrophe und ein Arbeitstag dauert 12 bis 13 Stunden.

Bekommt Nepal endlich eine Eisenbahn? „The Himalayan“ berichtet heute ausführlich über ein weiteres ambitioniertes Infrastrukturprojekt mit China zur Verbesserung der Verkehrserschließung. Im Mai wollen sich Verkehrsexperten beider Länder in Beijng treffen, um die Modalitäten zu diskutieren.

Eine Eisenbahn für Nepal

Kathmandu soll mit Gyiron in Tibet verbunden werden. Die vorgeschlagene Linie wäre ein Mosaikstein von Chinas Initiative, das Land zur See und auf dem Land mit Südost- und Zentralasien, dem Mittleren Osten, Europa und Afrika zu verbinden. Offensichtlich gibt Nepal diesem Projekt den Vorrang vor der Absicht, eine Bahnlinie von Raxaul in Indien nach Kathmandu zu bauen. Man traut den Chinesen einfach mehr Dynamik zu.

Heute fahre ich mit Hari hinaus nach Patan, das auch Lalitpur genannt wird. Es ist eine der drei Königstädte. Wir nehmen meinen Taxifahrer von gestern und er freut sich sehr über den Anschlussauftrag. Ich bin überrascht von den zahlreichen Baudenkmalen und Kunstschätzen, die in Patan auf engstem Raum zu sehen sind. Intensiv wird an der Beseitigung der Erdbebenschäden gearbeitet.

Den Nachmittag und Abend verbringen wir bei den Kindern. Schöner hätte der Abschluss meiner Reise nicht sein können; er macht mich rundum glücklich. Auch Hari genießt die Stunden sichtlich. In meinem Auftrag hat er bei einem vegetarischen Restaurant in Kathmandu Essenspakete für die Kinder und alle Helfer bestellt. Sie enthalten Sandwiches, Gemüse, Salat und Saft. Ein Vereinskamerad aus meinem Sportverein hat mich bei der Finanzierung der Snacks unterstützt.

Hari hilft bei der Verteilung der Snacks

Es ist noch warm und wir machen ein Picknick im Hof. Für die Kinder ist das Päckchen wie eine Wundertüte. Sie freuen sich riesig über die Aufmerksamkeit und bedanken sich mit einem Lied. Von vielen erhalte ich auch ein persönliches „Dhanyabad“.

Die Kinder freuen sich über die Snacks…
…und wir machen damit ein Picknick im Hof

Nach dem Abendessen sind alle sehr erwartungsvoll. Der kleine Studyroom ist brechend voll. Auf ausgerollten Teppichen sitzen die Kinder dicht an dicht. Ich bedanke mich bei ihnen und den Helfern für die Gastfreundschaft, die ich in den drei Tagen im Haus der Hoffnung genießen durfte und zeige in einer kleinen Präsentation Fotos, die ich von den Kindern bei meinen Besuchen 2011, 2013 und 2016 gemacht habe. Der Begeisterungssturm, den die Aufnahmen auslösen, hätte ich nicht erwartet. Familienalben wie bei uns gibt es nicht und so können viele der Kinder erstmals einen Blick in ihre eigene Vergangenheit werfen.

Der Abschied von allen ist warmherzig und fällt mir schwer. Ich muss versprechen, wiederzukommen. Das werde ich. Bei jedem Besuch im Haus der Hoffnung wird mir ein Vielfaches unserer Hilfe zurückgegeben.

In der Königsstadt Lalitpur