Datenschutzerklärung

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Personenbezogene Daten (nachfolgend zumeist nur „Daten“ genannt) werden von uns nur im Rahmen der Erforderlichkeit sowie zum Zwecke der Bereitstellung eines funktionsfähigen und nutzerfreundlichen Internetauftritts, inklusive seiner Inhalte und der dort angebotenen Leistungen, verarbeitet.

Gemäß Art. 4 Ziffer 1. der Verordnung (EU) 2016/679, also der Datenschutz-Grundverordnung (nachfolgend nur „DSGVO“ genannt), gilt als „Verarbeitung“ jeder mit oder ohne Hilfe automatisierter Verfahren ausgeführter Vorgang oder jede solche Vorgangsreihe im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten, wie das Erheben, das Erfassen, die Organisation, das Ordnen, die Speicherung, die Anpassung oder Veränderung, das Auslesen, das Abfragen, die Verwendung, die Offenlegung durch Übermittlung, Verbreitung oder eine andere Form der Bereitstellung, den Abgleich oder die Verknüpfung, die Einschränkung, das Löschen oder die Vernichtung.

Mit der nachfolgenden Datenschutzerklärung informieren wir Sie insbesondere über Art, Umfang, Zweck, Dauer und Rechtsgrundlage der Verarbeitung personenbezogener Daten, soweit wir entweder allein oder gemeinsam mit anderen über die Zwecke und Mittel der Verarbeitung entscheiden. Zudem informieren wir Sie nachfolgend über die von uns zu Optimierungszwecken sowie zur Steigerung der Nutzungsqualität eingesetzten Fremdkomponenten, soweit hierdurch Dritte Daten in wiederum eigener Verantwortung verarbeiten.

Unsere Datenschutzerklärung ist wie folgt gegliedert:

I. Informationen über uns als Verantwortliche
II. Rechte der Nutzer und Betroffenen
III. Informationen zur Datenverarbeitung

I. Informationen über uns als Verantwortliche

Verantwortlicher Anbieter dieses Internetauftritts im datenschutzrechtlichen Sinne ist:

Ulrich Waldbüßer
Gehrnstr. 41
71720 Oberstenfeld
Deutschland

E-Mail: ulrich.waldbuesser@gmail.com

II. Rechte der Nutzer und Betroffenen

Mit Blick auf die nachfolgend noch näher beschriebene Datenverarbeitung haben die Nutzer und Betroffenen das Recht

auf Bestätigung, ob sie betreffende Daten verarbeitet werden, auf Auskunft über die verarbeiteten Daten, auf weitere Informationen über die Datenverarbeitung sowie auf Kopien der Daten (vgl. auch Art. 15 DSGVO);

auf Berichtigung oder Vervollständigung unrichtiger bzw. unvollständiger Daten (vgl. auch Art. 16 DSGVO);

auf unverzügliche Löschung der sie betreffenden Daten (vgl. auch Art. 17 DSGVO), oder, alternativ, soweit eine weitere Verarbeitung gemäß Art. 17 Abs. 3 DSGVO erforderlich ist, auf Einschränkung der Verarbeitung nach Maßgabe von Art. 18 DSGVO;

auf Erhalt der sie betreffenden und von ihnen bereitgestellten Daten und auf Übermittlung dieser Daten an andere Anbieter/Verantwortliche (vgl. auch Art. 20 DSGVO);

auf Beschwerde gegenüber der Aufsichtsbehörde, sofern sie der Ansicht sind, dass die sie betreffenden Daten durch den Anbieter unter Verstoß gegen datenschutzrechtliche Bestimmungen verarbeitet werden (vgl. auch Art. 77 DSGVO).

Darüber hinaus ist der Anbieter dazu verpflichtet, alle Empfänger, denen gegenüber Daten durch den Anbieter offengelegt worden sind, über jedwede Berichtigung oder Löschung von Daten oder die Einschränkung der Verarbeitung, die aufgrund der Artikel 16, 17 Abs. 1, 18 DSGVO erfolgt, zu unterrichten. Diese Verpflichtung besteht jedoch nicht, soweit diese Mitteilung unmöglich oder mit einem unverhältnismäßigen Aufwand verbunden ist. Unbeschadet dessen hat der Nutzer ein Recht auf Auskunft über diese Empfänger.

Ebenfalls haben die Nutzer und Betroffenen nach Art. 21 DSGVO das Recht auf Widerspruch gegen die künftige Verarbeitung der sie betreffenden Daten, sofern die Daten durch den Anbieter nach Maßgabe von Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO verarbeitet werden. Insbesondere ist ein Widerspruch gegen die Datenverarbeitung zum Zwecke der Direktwerbung statthaft.

III. Informationen zur Datenverarbeitung

Ihre bei Nutzung unseres Internetauftritts verarbeiteten Daten werden gelöscht oder gesperrt, sobald der Zweck der Speicherung entfällt, der Löschung der Daten keine gesetzlichen Aufbewahrungspflichten entgegenstehen und nachfolgend keine anderslautenden Angaben zu einzelnen Verarbeitungsverfahren gemacht werden.

„Facebook“-Social-Plug-in

In unserem Internetauftritt setzen wir das Plug-in des Social-Networks Facebook ein. Bei Facebook handelt es sich um einen Internetservice der facebook Inc., 1601 S. California Ave, Palo Alto, CA 94304, USA. In der EU wird dieser Service wiederum von der Facebook Ireland Limited, 4 Grand Canal Square, Dublin 2, Irland, betrieben, nachfolgend beide nur „Facebook“ genannt.

Durch die Zertifizierung nach dem EU-US-Datenschutzschild („EU-US Privacy Shield“)

garantiert Facebook, dass die Datenschutzvorgaben der EU auch bei der Verarbeitung von Daten in den USA eingehalten werden.

Rechtsgrundlage ist Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO. Unser berechtigtes Interesse liegt in der Qualitätsverbesserung unseres Internetauftritts.

Weitergehende Informationen über die möglichen Plug-ins sowie über deren jeweilige Funktionen hält Facebook unter

https://developers.facebook.com/docs/plugins/

für Sie bereit.

Sofern das Plug-in auf einer der von Ihnen besuchten Seiten unseres Internetauftritts hinterlegt ist, lädt Ihr Internet-Browser eine Darstellung des Plug-ins von den Servern von Facebook in den USA herunter. Aus technischen Gründen ist es dabei notwendig, dass Facebook Ihre IP-Adresse verarbeitet. Daneben werden aber auch Datum und Uhrzeit des Besuchs unserer Internetseiten erfasst.

Sollten Sie bei Facebook eingeloggt sein, während Sie eine unserer mit dem Plug-in versehenen Internetseite besuchen, werden die durch das Plug-in gesammelten Informationen Ihres konkreten Besuchs von Facebook erkannt. Die so gesammelten Informationen weist Facebook womöglich Ihrem dortigen persönlichen Nutzerkonto zu. Sofern Sie also bspw. den sog. „Gefällt mir“-Button von Facebook benutzen, werden diese Informationen in Ihrem Facebook-Nutzerkonto gespeichert und ggf. über die Plattform von Facebook veröffentlicht. Wenn Sie das verhindern möchten, müssen Sie sich entweder vor dem Besuch unseres Internetauftritts bei Facebook ausloggen oder durch den Einsatz eines Add-ons für Ihren Internetbrowser verhindern, dass das Laden des Facebook-Plug-in blockiert wird.

Weitergehende Informationen über die Erhebung und Nutzung von Daten sowie Ihre diesbezüglichen Rechte und Schutzmöglichkeiten hält Facebook in den unter

https://www.facebook.com/policy.php

abrufbaren Datenschutzhinweisen bereit.

„Twitter“-Social-Plug-in

In unserem Internetauftritt setzen wir das Plug-in des Social-Networks Twitter ein. Bei Twitter handelt es sich um einen Internetservice der Twitter Inc., 795 Folsom St., Suite 600, San Francisco, CA 94107, USA, nachfolgend nur „Twitter“ genannt.

Durch die Zertifizierung nach dem EU-US-Datenschutzschild („EU-US Privacy Shield“)

garantiert Twitter, dass die Datenschutzvorgaben der EU auch bei der Verarbeitung von Daten in den USA eingehalten werden.

Rechtsgrundlage ist Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO. Unser berechtigtes Interesse liegt in der Qualitätsverbesserung unseres Internetauftritts.

Sofern das Plug-in auf einer der von Ihnen besuchten Seiten unseres Internetauftritts hinterlegt ist, lädt Ihr Internet-Browser eine Darstellung des Plug-ins von den Servern von Twitter in den USA herunter. Aus technischen Gründen ist es dabei notwendig, dass Twitter Ihre IP-Adresse verarbeitet. Daneben werden aber auch Datum und Uhrzeit des Besuchs unserer Internetseiten erfasst.

Sollten Sie bei Twitter eingeloggt sein, während Sie eine unserer mit dem Plug-in versehenen Internetseite besuchen, werden die durch das Plug-in gesammelten Informationen Ihres konkreten Besuchs von Twitter erkannt. Die so gesammelten Informationen weist Twitter womöglich Ihrem dortigen persönlichen Nutzerkonto zu. Sofern Sie also bspw. den sog. „Teilen“-Button von Twitter benutzen, werden diese Informationen in Ihrem Twitter-Nutzerkonto gespeichert und ggf. über die Plattform von Twitter veröffentlicht. Wenn Sie das verhindern möchten, müssen Sie sich entweder vor dem Besuch unseres Internetauftritts bei Twitter ausloggen oder die entsprechenden Einstellungen in Ihrem Twitter-Benutzerkonto vornehmen.

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Jetpack – WordPress Stats

In unserem Internetauftritt setzen wir Jetpack mit der Erweiterung „WordPress Stats“ ein. Hierbei handelt es sich um einen Webanalysedienst der Automattic Inc., 132 Hawthorne Street, San Francisco, CA 94107, USA, nachfolgend nur „Automattic“ genannt.

Durch die Zertifizierung nach dem EU-US-Datenschutzschild („EU-US Privacy Shield“)

garantiert Automattic, dass die Datenschutzvorgaben der EU auch bei der Verarbeitung von Daten in den USA eingehalten werden.

Der Dienst Jetpack – WordPress Stats dient zur Analyse des Nutzungsverhaltens unseres Internetauftritts. Rechtsgrundlage ist Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO. Unser berechtigtes Interesse liegt in der Analyse, Optimierung und dem wirtschaftlichen Betrieb unseres Internetauftritts.

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Falls Sie mit dieser Verarbeitung nicht einverstanden sind, haben Sie die Möglichkeit, die Speicherung des Cookies durch eine Einstellung in Ihrem Internet-Browsers zu verhindern. Nähere Informationen hierzu finden Sie vorstehend unter „Cookies“.

YouTube

In unserem Internetauftritt setzen wir YouTube ein. Hierbei handelt es sich um ein Videoportal der YouTube LLC., 901 Cherry Ave., 94066 San Bruno, CA, USA, nachfolgend nur „YouTube“ genannt.

YouTube ist ein Tochterunternehmen der Google Ireland Limited, Gordon House, Barrow Street, Dublin 4, Irland, nachfolgend nur „Google“ genannt.

Durch die Zertifizierung nach dem EU-US-Datenschutzschild („EU-US Privacy Shield“)

garantiert Google und damit auch das Tochterunternehmen YouTube, dass die Datenschutzvorgaben der EU auch bei der Verarbeitung von Daten in den USA eingehalten werden.

Wir nutzen YouTube im Zusammenhang mit der Funktion „Erweiterter Datenschutzmodus“, um Ihnen Videos anzeigen zu können. Rechtsgrundlage ist Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO. Unser berechtigtes Interesse liegt in der Qualitätsverbesserung unseres Internetauftritts. Die Funktion „Erweiterter Datenschutzmodus“ bewirkt laut Angaben von YouTube, dass die nachfolgend noch näher bezeichneten Daten nur dann an den Server von YouTube übermittelt werden, wenn Sie ein Video auch tatsächlich starten.

Ohne diesen „Erweiterten Datenschutz“ wird eine Verbindung zum Server von YouTube in den USA hergestellt, sobald Sie eine unserer Internetseiten, auf der ein YouTube-Video eingebettet ist, aufrufen.

Diese Verbindung ist erforderlich, um das jeweilige Video auf unserer Internetseite über Ihren Internet-Browser darstellen zu können. Im Zuge dessen wird YouTube zumindest Ihre IP-Adresse, das Datum nebst Uhrzeit sowie die von Ihnen besuchte Internetseite erfassen und verarbeiten. Zudem wird eine Verbindung zu dem Werbenetzwerk „DoubleClick“ von Google hergestellt.

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Muster-Datenschutzerklärung der Anwaltskanzlei Weiß & Partner

 

 

 

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Angaben gemäß § 5 TMG

Ulrich Waldbüßer
Gehrnstraße 41
71720 Oberstenfeld

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E-Mail: ulrich.waldbuesser@gmail.com

Verantwortlich für den Inhalt nach § 55 Abs. 2 RStV:
Ulrich Waldbüßer
Gehrnstraße 41
71720 Oberstenfeld

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Bemerkenswert

Namaste, Nepal 2019

Zu Gast bei Freunden – Dollu, 22. Februar 2019

In meinem Gästehaus in Dollu erhole ich mich von dem langen Flug. Um 18 Uhr bin ich bei Hari und seiner Familie zum Abendessen eingeladen. Was für ein schöner Auftakt meiner Reise nach Nepal.

Das goldene Dach des Klosters funkelt in der Sonne

Ich sitze auf der Veranda. Das goldene Dach des benachbarten Klosters funkelt in der Sonne. Es ist außergewöhnlich warm hier mit über 20 Grad. Aber Hari hat mir angekündigt, dass es nachts noch empfindlich kalt wird. Letzte Woche hatten sie hier Schnee. Das Dorf, in dem mein Guide wohnt, liegt auf 1.600 m. Morgen wollen wir zusammen auf den Champadevi (2.285 m) hinaufsteigen. Es ist der „Hausberg“ hier, am Rande des Kathmandutals. Mir dient er zur Akklimatisierung und vielleicht erhaschen wir einen ersten Blick auf die Himalayakette.

Über die Berge von Nepal konnte ich mich schon auf dem Flug von Istanbul austauschen. Neben mir saß ein US-Amerikaner, der seinem Heimatland einen mehrwöchigen Besuch abstattet. Er ist vor vielen Jahren emigriert und hat als Chemiker für Siemens gearbeitet. Im Langtang, meinem Trekkingziel, ist er schon 30 Jahre vor mir gewesen, erzählt er mir. Damals, in den Achtzigern sei der kleine Feldflugplatz, dort oben bei Kyanjin Ghompa auf über 3.000 m noch in Betrieb gewesen. Hari hat mir bei unserem ersten Besuch die Schotterpiste gezeigt.

Ich will ganz bewusst nach 2011 das zweite Mal in dieses einzigartige Hochtal an der Grenze zu Tibet, um mir ein Bild davon zu machen, wie die Menschen mit dem schrecklichen Erdbeben fertig geworden sind, das 2015 im Langtang viele Opfer gefordert hat.

Ein Besuch bei der Schutzgöttin „Champadevi“, 23. Februar 2019

Die ersten Rhododendren blühen im Bergwald

Champadevi ist die Schutzgöttin des Tales und die Namensgeberin des Berges, auf den wir gemächlich hinaufwandern. Bereits am Vormittag ist es erstaunlich warm. Auf dem Gipfel messe ich 23 Grad im Schatten – auf über 2.000 m Höhe.

Auf über 2.000 m 23 Grad im Schatten

Die Trockenheit ist überall ablesbar und die Vegetation leidet darunter. Gelb sind die Nadeln der Pinien und der Boden ist knochentrocken. Im letzten Jahr hat die Bergflanke über Dollu einmal gebrannt, erzählt mir Hari. Auch die Wasserversorgung wird für sein Dorf zunehmend zum Problem. Dabei sind viele der Bewohner von der Landwirtschaft abhängig.

Die Vegetation leidet unter der Trockenheit

Beim Gipfelzustieg schauen wir hinunter auf Kathmandu und seine Wucherungen. Auf 30 bis 35 km schätzt Hari die West-Ost-Ausdehnung der Stadt. Obwohl es heute ziemlich diesig ist, hebt sich die Himalayakette hinter der Metropole deutlich vom Horizont ab. Wir sehen im Westen auch den Langtang Lirung (7.227 m), der unseren Trek mit seiner Dominanz begleiten wird.

Wir sehen aus der Ferne den Langtang Lirung (7.227 m)

Wie stark Dollu von seinen großen Klöstern geprägt wird, zeigt sich beim Abstieg aus der Vogelperspektive besonders deutlich. Grund für die massive Präsenz der buddhistischen Einrichtungen sind günstige Baulandpreise und die Nähe zu Kathmandu. Besonders sticht die Buddhastatue heraus, die in einem der Klöster gebaut wird. Sie ist aus Beton und wir schätzen ihre Höhe auf 20 Meter.

Auf 20 m Höhe schätzen wir den Buddha

Leider kann ich sie nicht aus der Nähe besichtigen. „Under construction“ sagt mir das Schild am Eingang.

Die jungen Klosterschüler mischen sich beim Fußball mit der Dorfjugend


Die jungen Klosterschüler begegnen uns überall. Auf dem Bolzplatz von Dollu spielen sie Fußball und mischen sich dabei mit der Dorfjugend.

Hari zeigt mir auch einen buddhistischen Bestattungsplatz. Damit die Seele ungehindert aufsteigen und ins Nirwana gelangen kann, werden die Verstorbenen auf Hügeln verbrannt. Hinduistische Bestattungen hingegen nehmen die Hinterbliebenen in Pashupatinath vor. Für sie ist es wichtig, dass die Asche über den Bagmati in den Ganges gelangen kann.

Ein Bestattungsplatz von Dollu

Am Nachmittag trinke ich ein Bier im „Dakshinkali-Village-Resort“, um Nabin zu treffen. Der Schwager von Hari, der mich auf einigen Treks zuverlässig begleitet hat, arbeitet dort in der Küche. Er freut sich riesig über meinen Besuch und ruft einen weiteren alten Bekannten dazu, der mir ebenfalls in angenehmer Erinnerung ist. Es ist Rajkumar, der Koch. 2013 hat er die Küchenmannschaft dirigiert, welche das Essen für die Kinder vom „Haus der Hoffnung“ bei unserem Ausflug in den Manjushri-Park zubereitet hat.

Nabin (links), Rajkumar und ich freuen uns auf unser Zusammentreffen

Von Kathmandu nach Syabrubesi, 24. Februar 2019

5:30 Uhr. Kathmandu ist schon lange wach. Diese Stadt hat ihren eigenen Rhythmus. Viele Shops sind geöffnet und der Verkehr strebt bereits seinem täglichen Chaos entgegen. An den Straßenrändern kokeln noch die Feuer der Nacht. Straßenhunde suchen in den Abfallbergen nach Fressbarem.

Gedränge und Geschrei erwarten uns an der Busstation. Jeder will den besten Platz haben. Neben den Bussen verkaufen Bäuerinnen aus riesigen Tragekörben Mangold. Er ist unentbehrlicher Bestandteil des Nationalgerichts Dal Bhat und kann in Nepal das ganze Jahr geerntet werden. Hari löst unsere Tickets. Die Rucksäcke müssen aufs Dach; der Bus ist voll. Wir achten darauf, dass sie richtig verstaut werden.

Das ist Bus-Marketing

Wer ein gutes Nervenkostüm und belastbare Bandscheiben hat, ist bei der Busfahrt von Kathmandu ins Gebirge deutlich im Vorteil. Mit Mühe werden die Schlamm- und Schotterpisten über die wir schlingern in einem halbwegs befahrbaren Zustand gehalten. Sie winden sich ausgesetzt an tiefen Schluchten entlang. Atemberaubend sind die Tiefblicke. Nach rund zwei Stunden ist unsere Fahrt vorläufig zu Ende. Eine Hangrutschung hat die Piste verschüttet. Die Berghänge sind an vielen Stellen in ständiger Bewegung.

Die Berghänge sind in Bewegung

Zwei Bagger arbeiten daran, die Strecke wieder befahrbar zu machen. Wir nehmen die Zwangspause mit Gelassenheit, pulen Erdnüsse und schauen den Bauarbeiten zu. Nach zwei Stunden können wir unsere Fahrt wieder fortsetzen. Wir steuern das Trisulital an, das mit 600 m deutlich tiefer liegt als Kathmandu.

Überall in den Dörfern und Städten gibt es frisches Obst und Gemüse

Von dort aus geht es hinauf nach Dhunche auf 2.030 m. Unser Ziel ist Syabrubesi, das wir nach fast 11 Stunden erreichen. Der Bus fährt weiter nach Tamang Heritage, kurz vor der chinesischen Grenze.

Von Syabrubesi nach Sherpagaun, 25. Februar 2019

In der ersten Nachthälfte habe ich schlecht geschlafen. Alles hat vibriert in mir. Ich wähnte mich noch in dem Bus. Trotzdem freue ich mich sehr auf den ersten Trekkingtag.

Am Morgen überqueren wir den Bhote Kosi, der aus den tibetischen Bergen kommt. Auf der anderen Talseite treffen wir auf den Steig, der uns nach Khanjing hinaufführt. Ich registriere regen LKW-Verkehr auf der Straße zur Grenze. Sie ist nur für den Warenverkehr, der sich nahezu ausschließlich auf Importe beschränkt und für die Dorfbewohner beiderseits geöffnet. Besuche unter Verwandten werden so ermöglicht.

Auf der nepalesischen Seite leben viele Exiltibeter, die während der chinesischen Kulturrevolution geflüchtet sind. Auch die Familie, bei der wir zu Mittag essen, ist tibetischer Herkunft. Wir sind in dem Teehaus die einzigen Gäste und sitzen in der Küche am Herdfeuer.

Hari kocht für uns

Hari bereitet für uns das Mittagessen zu. Es ist hier durchaus üblich, dass die Guides beim Kochen mithelfen. Die familiäre Atmosphäre, die wir genießen, ist für mich ein unwiederbringliches Erlebnis.

Der kleine Tensing hat mit dem Dalai Lama Geburtstag

Die junge Frau erzählt mir stolz, wie sehr sie den Dalai Lama verehrt und zeigt mir den Schrein mit seinem Bild. Dass ihr kleiner Sohn Tensing am gleichen Tag wie ihr Idol Geburtstag hat, macht sie glücklich.


Von Sherpagaun nach Thangshyap, 26. Februar 2019

Der Langtang Lirung (7.227 m) begleitet uns auf unserem Trek mit seiner Dominanz

In Nepal entstehen derzeit überall Wasserkraftwerke; eines davon wurde in der Nähe von Syabrubesi gebaut. Die Nachbarländer Bangladesh und Indien haben schon Interesse am Strombezug bekundet; aber die Verhandlungen gestalten sich wohl schwierig. Auch das Langtang wird an das Stromnetz angebunden. Jetzt endet die Trasse noch in Sherpagaun, dem Dorf, in dem wir übernachtet haben. Welche körperlichen Anstrengungen der Bau der Stromleitung bei der extrem schwierigen Topografie erfordert, haben wir gestern hautnah erlebt. Eine Gruppe junger Männer hat die Strommasten für die Weiterführung der Leitung transportiert; jeweils zwei Mann eine Stütze. Ich habe eines der verzinkten Eisenrohre angehoben und auf 100 kg geschätzt. „Mindestens“ meinte Hari zweifeln. Was bei uns der Heli erledigt, geschieht hier noch mit Muskelkraft.

Die Stromleitung endet noch in Sherpagaun

Mit dem Strom kommt das Internet

Unser Nachtquartier in Sherpagaun war angenehm. Neben zwei Russen waren wir die einzigen Gäste in der Lodge. Bei nahezu wolkenlosem Himmel starten wir heute morgen taleinwärts. Auf unserem Weg treffen wir immer wieder auf vermurtes Gelände; Auswirkungen des Erdbebens im Jahre 2015. Wie mir Hari erzählt, kommt es bei Nachbeben immer wieder zu neuen Schäden.

Wir treffen immer wieder auf vermurtes Gelände

Bei der Naturkatastrophe sind im Langtang nicht nur viele Menschen umgekommen; auch die Wege wurden völlig zerstört. Die Talbewohner waren von der Außenwelt abgeschnitten. Sie mussten mit Hubschraubern ausgeflogen und in einem Camp in Syabrubesi untergebracht werden. Erst nach einem halben Jahr konnten sie in ihre Dörfer zurück und mit dem Wiederaufbau beginnen.

Mit dem Bau dieser Brücke…

…hat der DAV geholfen

Eine der Nichtregierungsorganisationen, die ihnen dabei geholfen hat, ist der Deutsche Alpenverein gewesen. Sein Hilfsprojekt war der Bau einer Brücke über den Langtangfluss.

Bei der Mittagspaus in der Lodge „Riverside“…

…gibt es gebratenen Reis

In Tangshyap (3.240 m) kommen wir schon um 14:30 Uhr an. Wir waren zügig unterwegs und nutzen die Zeit für ein Mittagsschläfchen. Ohne Schlafsack und Mütze geht das nicht. Es ist bitterkalt hier oben und es weht ein eisiger Wind. Aber noch ist es schneefrei.

Für das Abendessen heizt Sangmo, unsere sympathische Gastgeberin den Ofen an. Sie bewirtschaftet zusammen mit ihren Schwiegereltern das Gästehaus. Ihr Mann ist beim Erdbeben gestorben. Am 25.4.2015 hatte er in Langtangdorf etwas zu erledigen und ist von dort nicht wieder zurückgekehrt. Die Frau spielt für uns sentimentale tibetische Lieder – mit dem Smartphone!

Hari und ich sind die einzigen Gäste. Wir sitzen am Feuer und sprechen über die Veränderungen in Nepal. In die neue Landesverfassung, die föderalistische Strukturen einführt, setzt er seine Hoffnungen. Nach wie vor sei aber die Korruption ein großes Problem und in den Verwaltungen sind die alten Kader am Werk.

Wir sitzen am Ofen uns sprechen über Nepal

Es wird ein sehr harmonischer Abend. Dass es kein WiFi gibt, empfinden Hari und ich wohltuend. Wir können uns auf uns selbst konzentrieren. Später setzen sich die drei Hausbewohner zu uns an den Ofen. Sie unterhalten sich auf tibetisch. Auch Hari versteht sie nicht. In der Stubenecke wacht über uns der Dalai Lama. Er ist hier im Tal allgegenwärtig.

Der Dalai Lama ist allgegenwärtig

Um acht kriechen wir in unsere Schlafsäcke. Ich optimiere meinen mit einer Decke.

Von Tangshyap nach Ghompa, 27. Februar 2019

In der Nacht hat es geschneit und der Wind hat sich kaum gelegt. Es fällt uns nicht schwer, in den Schlafsäcken zu bleiben. Uns läuft heute nichts weg. Waschen und Zähneputzen müssen ausfallen; die Leitung ist eingefroren. Später setzen wir uns zu Sangmo in die Küche. Sie backt für uns tibetisches Brot und Omlett.

Sangmo backt für uns tibetisches Brot

Um neun entschließen wir uns zu starten. Kurz darauf beginnt es heftig zu schneien und es ist kaum etwas zu sehen.

In Ghompa (3.400 m) geben wir nach eineinhalb Stunden auf uns steuern ein kleines Teehaus an. Wir beschließen, den Vormittag abzuwarten und nach dem Mittagessen zu entscheiden, ob wir noch weiter aufsteigen.

Eine italienische Trekkinggruppe mit Guide und Trägern ist hier beim Erdbeben gestorben

In der winzigen Küche trinken wir bei Gurmey und Ghaki Tee. Es ist ein junges Ehepaar, welches das Haus betreibt. Als wir realisieren, dass es heute nicht mehr besser wird, sind wir uns schnell einig, zu bleiben. Gurmey und Ghaki freuen sich, dass sie uns beherbergen dürfen. Gurmey schenkt uns Chang ein, einen warmen vergorenen Reiswein. Er entfaltet sofort seine Wirkung und sorgt dafür, dass wir in kein Stimmungstief fallen.

Ghaki…

…und Gurmey freuen sich, dass sie uns beherbergen dürfen

Zum Mittagessen gibt es Bratkartoffeln und den Nachmittag verbringen wir in den Schlafsäcken. Es schneit immer wieder. Das erste Mal in den letzten drei Jahren sei es, dass sie hier im Februar noch Schnee haben, erzählt uns Gurmey. Wir bleiben in der Lodge wieder die einzigen Gäste.

Endstation Ghompa, 28. Februar 2019

In der Nacht wache ich auf. Der Wind rüttelt an meiner Türe. Licht lässt sich nicht anmachen. Vermutlich sind die Solarbatterien leer. Ich schaue nach draußen. Es schneit heftig und ich werde sofort von Schneekristallen gepeitscht. Ich krieche wieder in meinen Schlafsack. Am Morgen schürt Gurmey den Herd an und wir setzen uns in die Küche. Immer wieder hören wir auf der gegenüberliegenden Talseite die Lawinen donnern.

Kehrwoche kann ich

Ich lasse mir von Gurmey eine Schaufel geben und räume den Weg von der Küche zur Stube frei. Er schmilzt Schnee. Das Wasser ist eingefroren.

Gurmey schmilzt Schnee

Plötzlich – um 9:30 Uhr klart es auf und kurz darauf ist der Himmel blau und wolkenlos. Hari bleibt skeptisch und plädiert dafür, abzusteigen. Auch ich habe keine Lust, im tiefen Schnee nach oben zu spuren. Wir würden leicht die doppelte Zeit nach Kjianjng Ghompa brauchen und die Besteigung des Tsergo Ri ist bei der Schneelage ohnehin nicht möglich. Also runter! Eine Entscheidung, die sich einige Stunden später als richtig erweisen sollte.

Ich schaue noch einmal hinauf nach Langtang-Dorf mit der Gedenkstätte. Dort hat sich eine Tragödie abgespielt. Beim Erdbeben am 25.4.2015 ist aus der Flanke des Langtang Lirung eine gewaltige Lawine aus Fels und Eis abgegangen und hat nahezu das ganze Dorf unter sich begraben. Die Druckwelle hat auf der gegenüberliegenden Talseite den gesamten Bergwald zerstört. 2011 habe ich mit Hari in dem Dorf übernachtet.

Dort drüben hat sich 2015 eine Tragödie abgespielt. Im Hintergrund ist schemenhaft der Tsergo Ri (4.984 m) zu erkennen

 

Die Druckwelle hat den Bergwald zerstört

Der Abstieg ist kräfteraubend. Hari spurt. Bald haben wir einen Vorausgänger und mit jedem Dorf wird der Trampelpfad etwas größer. Wir sind froh, dass wir unsere Gamaschen eingepackt haben.

Die Tiere leiden auch unter dem Wintereinbruch. Ein Yak ist abgestürzt. Es lebt noch und liegt bewegungsunfähig neben dem Weg. Ein Horn ist abgebrochen und die Gliedmaßen sind verdreht. Hier hilft nur noch der Schlachter. Ein junges deutsches Trekkerpärchen trifft mit uns bei dem Tier ein. Sie werden gleich in Tangshyap sein und verständigen dort die Einheimischen.

Dem Yak kann nur noch der Schlachter helfen

Schon am frühen Nachmittag zieht es wieder zu und beginnt erneut zu schneien. Selbst in Kathmandu, so erfährt Hari von seiner Frau Mitu am Telefon, schneit es. Ein Ereignis, an das sich Hari nicht erinnern kann.

Wir nehmen an diesem Tag Quartier in Rimche und haben die Lodge ein weiteres Mal für uns allein. So können wir uns am Ofen mit unseren nassen Sachen ausbreiten.

Der Langtangfluss im Winterkleid

Von Rimche nach Syabrubesi, 1. März 2019

Der Morgen ist eisig und der Schneematsch von gestern hart gefroren. Ich gebe Hari einen von meinen Trekkingstöcken und wir tasten uns vorsichtig nach unten.

Der Morgen ist eisig

Auch an diesem Tag begegnen uns immer wieder Träger mit schweren Lasten, die nur mit Turnschuhen oder Sandalen bekleidet sind. Hari erklärt mir, er achte darauf, dass die Träger bei seinen Treks ordentlich ausgerüstet sind. Dies sei nicht bei allen Agenturen gewährleistet.

Wir gehen heute nach Syabrubesi hinunter und freuen uns auf ein Bad in den heißen Quellen. Je tiefer wir kommen, desto üppiger wird die Vegetation. Die Hänge sind mit Bambus bewachsen. Es ist das Habitat des Roten Panda, einer streng geschützten Bärenart.

Wir bewegen uns im Habitat des Roten Panda

Bei einem kleinen Teehaus machen wir Mittagspause und ich schaue mir den Bauerngarten an. Diese begegnen uns jetzt überall. Ich sehe Blumenkohl, Mangold und Weizen aber auch Bäume mit kleinwüchsigen Mandarinen.

Überall wird Gemüse angebaut.

Wir sehen Bäume mit kleinwüchsigen Mandarinen

Oma kümmert sich um die Wäsche

Auf einer abenteuerlich geflickten Hängebrücke balancieren wir über einen Zufluss des Langtangflusses. Die Verankerung eines Tragseils ist gerissen und wurde notdürftig mit Steinen beschwert.

Augen zu und drüber!

Von den heißen Quellen in Syabrubesi, auf die wir uns gefreut hatten, sind wir enttäuscht. Die Becken sind leer und die Anlage ist stark vernachlässigt. Für eine Dusche reicht es allemal.

Zu den Tamang-Dörfern, 2. März 2019

Heute wollen wir den Tamang einen Besuch abstatten. Die Tamang sind eine in Nepal lebende ethnische Gruppe tibetobirmanischen Ursprungs. Sie stellen etwa 5 % der nepalesischen Bevölkerung.

Wir wandern auf der Straße nach Tibet, entlang des Bhote Kosi und gelangen nach zwei Kilometern zur Runga Brücke. Dort treffen wir auf zwei chinesische Ingenieure, die ein weiteres Wasserkraftwerk bauen. Sie treten sehr selbstbewusst auf und stellen sich mir freundlich vor. Mit mir fotografieren lassen wollen sie sich nicht. Es ist unverkennbar, dass China in die Verkehrsinfrastruktur zwischen Nepal und Tibet enorm investiert.

Wir treffen auf zwei chinesische Ingenieure, die ein Wasserkraftwerk bauen

Enorme Erdmassen werden bewegt

Auf einer neuen Baustraße steigen wir in endlosen Serpentinen zu den Tamang-Dörfern hinauf. Schwere LKW´s transportieren Elemente für die Druckleitung nach oben: Schwerstarbeit für die Fahrer. In den engen Kurven müssen sie mehrfach zurücksetzen.

Der Transport der Elemente für die Druckleitung…

…ist Schwerstarbeit für die Fahrer

Die Beschriftung auf den LKW´s lässt sich nicht mehr toppen

Beim ersten Dorf gelangen wir zu dem Speicherbecken für das Kraftwerk. Ein Bauschild verkündet: Finanziert mit Mitteln der EU und mit Know-how aus China.

Das Speicherbecken

Geldmittel kommen auch von der EU

Hari erkennt das Dorf nicht wieder. Er ist das letzte Mal vor dem Erdbeben hier oben gewesen. Viele der alten Häuser waren eingestürzt oder einsturzgefährdet und sind durch neue ersetzt worden. Das Dorf wird von der Kraftwerksbaustelle dominiert. Wir kommen an Lagerplätze für Baumaterialien und an Arbeitercamps vorbei.

Das Tamang-Dorf erneuert sich

Dominiert wird es von der Kraftwerksbaustelle

Nach der Mittagsrast statten wir den heißen Quellen einen Besuch ab. Sie liegen eine Fußstunde außerhalb des Dorfs. Da sie von Einheimischen stark frequentiert sind, verzichten wir auf ein Bad. Wir wollen ihnen ihre Vorrechte nicht streitig machen. Nach dem Erdbeben sind an verschiedenen Orten heiße Quellen zutage getreten.

Die heißen Quellen…

…werden von den Einheimischen gut frequentiert

Das zweite Tamang-Dorf ist unser Tagesziel

Wir steigen zum zweiten Tamang-Dorf hinauf. Es liegt auf 2.000 m. Der Plan ist, dort zu übernachten und morgen über einen Pass nach Syabrubesi zurückzukehren.

Auch in Nepal spielen die Kinder gern „Küche“

Als wir nach gut eineinhalb Stunden ankommen, finden wir nur ein Gästehaus vor. Es ist in einem erbärmlichen Zustand. Eigentlich besteht es nur aus einer Wellblechhütte. Hari und ich schauen uns an und sprechen es gleichzeitig aus: „Weiter nach Syabrubesi“. Ich weiß wohl, dass dies einen nochmaligen Aufstieg von 200 Höhenmetern zum Pass und dann einen Abstieg von 800 Höhenmetern bedeutet. Aber der Anblick der Wellblechhütte ist meine Motivation. Wir essen noch einen Apfel aus Haris Obstvorrat und gehen es an. Es ist 16 Uhr. Weil wir die Serpentinen der Passstraße nicht brauchen, suchen wir eine Abkürzung durch den Bergwald. Das Ganze endet in einer Durchschlageübung in steilem, felsdurchsetztem Gelände mit dichtem Gebüsch. Aber um 16:30 stehen wir am Pass und klatschen uns ab. Den Abstieg nach Syabrubesi bringen wir irgendwie auch noch hinter uns. Um 18 Uhr sitzen wir beim Bier und haben neun Stunden Gehzeit in den Knochen. Ich frage Hari scherzhaft, warum wir eigentlich unsere Rucksäcke am Morgen nicht dagelassen haben. Er antwortet nicht minder spitzbübisch: „Ohne deinen Rucksack bist du kein richtiger Trekker“.

Kathmandu, 3. März 2019

Wir sind nach 9stündiger Fahrt zurück in Kathmandu; einen Tag früher als geplant. Das kommt mir gelegen. Ich will hier noch einiges anschauen. Auch Hari freut sich nach den gemeinsamen Trekkingtagen auf seine Familie.

9 Stunden Fahrt für 140 Kilometer

Morgen besuche ich zuerst die Kinder. Am Nachmittag hat mir mein Guide Pashupatinath ans Herz gelegt. Es ist Nepals wichtigster Hindutempel und gleichzeitig der Bestattungsort mit den Verbrennungsplätzen für die Hindus. Dort findet morgen das Shivaratri statt, ein großes Pilgerfest. Das muss ich sehen.

Heute ist nach der staubigen Fahrt erst mal ausgiebige Körperpflege angesagt. Hari hat mir in Thamel ein angenehm ruhiges und komfortables Hotel ausgesucht. Kontrastprogramm zu den einfachen Lodges im Langtang.

Kathmandu, 4. März 2019

Die Begrüßung könnte herzlicher nicht sein. Als ich das Hoftor zum Haus der Hoffnung öffne, kommt mir Navraj entgegen und umarmt mich freundschaftlich. Er ist der langjährige Hausleiter, den ich bei meinen früheren Besuchen kennen- und schätzen gelernt habe. Eigentlich hat er seine Tätigkeit aufgegeben, um etwas Neues zu beginnen, denkt aber wohl über einen Wiedereintritt nach. Zunächst brauche er eine Auszeit, auch um zu heiraten, berichtet er mir.

Die Begrüßung im Kinderhaus fällt herzlich aus

Nicht minder herzlich fällt das Wiedersehen mit Ellen Dietrich aus, der Leiterin des Vereins „Haus der Hoffnung – Hilfe für Nepal e.V.“. Sie hält sich mehrere Monate in Kathmandu auf und hat übergangsweise die Leitung der Einrichtung übernommen. 150 Kinder, die aus ärmsten Verhältnissen kommen und traumatische Erfahrungen hinter sich haben, werden derzeit in drei Häuser betreut. Diese liegen in der Nähe zueinander.

Ellen Dietrich ist Vorsitzende des Hilfsvereins, Navraj der langjährige Hausleiter

Viele der Kinder kennen mich und begrüßen mich. Unser Patenkind Menuka ist sichtlich stolz darauf, dass ich sie besuche. Ich lerne die Praktikanten aus Deutschland kennen. Sie laden mich ein, mit ihnen das Shivaratri in Pashupatinath zu besuchen. Das hatte ich ohnehin vor. Gerne willige ich ein und freue mich, dass ich bei dem Pilgerfest der Hindus Begleitung habe.

Geduldig warten die Menschen in der Schlange auf Einlass

Die Praktikanten aus Deutschland haben mich mitgenommen

Wir nehmen den Bus nach Pashupathi. Es ist eine unglaubliche Massenveranstaltung. Ich schätze die Schlange der Menschen bis zu den Eingängen auf mindestens einen halben Kilometer. Wir als Touristen genießen offensichtlich VIP-Status. Nach ein paar freundlichen Worten mit den jeweiligen Polizeioffizieren werden wir an allen Checkpoints rasch durchgeschleust. Ein bisschen haben wir schon ein schlechtes Gewissen ob dieser Sonderbehandlung. An der Kasse ist es mit der Sonderbehandlung dann rasch vorbei und wir müssen unser Touristenticket für 1.000 Rupien lösen.

Shivaratri ist ein bedeutendes Pilgerfest der Hindus

Wir begeben uns zu den Bestattungsplätzen am Bagmati River. Eigentlich ist es nur eine stinkende Kloake – missbraucht als Abwasserkanal. Derzeit finden zwei Verbrennungen statt. Die starke Rauchentwicklung nimmt uns den Atem und wir beobachten das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Menschen stehen bis zu den Knien im schmutzigen Wasser und schicken Gaben für die Götter auf die Reise.

Auf den Bestattungsplätzen finden Verbrennungen statt

Durchaus beängstigend ist das enorme Gedränge. Unwillkürlich muss ich an ein Geschehnis in Duisburgs jüngster Vergangenheit denken. Trotz einem erheblichen Polizeiaufgebot können wir keine klare Struktur in der Besucherlenkung erkennen. Mit Trillerpfeifen und Schlagstöcken wird immer wieder versucht, Brennpunkte mit Menschenansammlungen zu entschärfen. Wir bleiben dabei unbehelligt.

Das Gedränge ist beängstigend

Am Nachmittag ist Kontrastprogramm: ein fröhliches Treiben im Kinderhaus. Heute ist aus Anlass des Pilgerfestes schulfrei. Die Kinder führen ihre Tänze auf, die sie eingeübt haben und genießen unseren Applaus sichtlich. Ich verspreche, morgen wiederzukommen.

Fröhliches Treiben im Kinderhaus

Kathmandu, 5. März 2019

Heute morgen bin ich bei den Kindern, bevor sie für die Schule gerichtet werden. Sie sind noch beim Dal Bhat, als ich ankomme. Es gibt in der Regel zwei Mal am Tag das schmackhafte nepalesische Gericht aus Reis, Linsensoße und Gemüse der Saison. Immer Dal Bhat zu haben, gehört in diesem Land zum Wohlbefinden, so scheint mir.

Die Kinder sind beim Dal Bhat

Nach dem Essen folgt das vertraute, militärisch anmutende Ritual. Die Kinder erhalten ihre Schulausweise und ihr Outfit wird kontrolliert. Die Uniform muss sitzen! Danach geht es auf den Weg zur Schulbushaltestelle. Die Volunteers begleiten die Kinder.

Morgenappell. Die Uniform muss sitzen

Hier muss noch nachjustiert werden

Ich teste mit Navraj die Technik für meine morgige Präsentation. Den Kindern möchte ich Bilder von meinen früheren Besuchen im Haus zeigen.

Danach zieht es mich in die Altstadt. Mit einem Taxi fahre ich zum Durbar Square. Überrascht stelle ich fest, dass an vielen historischen Tempelanlagen die Erdbebenschäden noch nicht beseitigt sind. Absperrgitter, Betretungsverbotsschilder und Stützpfeiler beherrschen die Szene.

Impressionen aus der Altstadt

Kathmandu, 6. März 2019

Kathmandu ist ein Labyrinth. Das weiß ich ja. Aber dass es so schwierig sein kann, sein Hotel wiederzufinden, hätte ich nicht gedacht. Nach meinem gestrigen Altstadtbesuch bat ich einen Taxifahrer, mich zurückzubringen. Er schaute mich nur verständnislos an und wusste mit dem Namen des Hotels allein nichts anzufangen. Die Visitenkarte des Hauses hatte ich in meinem Zimmer liegen lassen. Eine Zeit lang kreuzten wir erfolglos durch Thamel. Dann versuchte er, Hari anzurufen. Leider erreichten wir ihn nicht. Schließlich war ein Freund meines Fahrers mit „Google Maps“ behilflich. Heute morgen habe ich ihn an seinem Taxistand besucht. Wir hatten beide im Nachhinein unsere Freude an dem kleinen Abenteuer.

Mein hilfsbereiter Taxifahrer

Die Arbeit der Fahrer ist kein Zuckerschlecken. Die Tarife sind gering und werden im Voraus ausgehandelt. Das Benzin ist so teuer wie bei uns. Der Verkehr ist eine Katastrophe und ein Arbeitstag dauert 12 bis 13 Stunden.

Bekommt Nepal endlich eine Eisenbahn? „The Himalayan“ berichtet heute ausführlich über ein weiteres ambitioniertes Infrastrukturprojekt mit China zur Verbesserung der Verkehrserschließung. Im Mai wollen sich Verkehrsexperten beider Länder in Beijng treffen, um die Modalitäten zu diskutieren.

Eine Eisenbahn für Nepal

Kathmandu soll mit Gyiron in Tibet verbunden werden. Die vorgeschlagene Linie wäre ein Mosaikstein von Chinas Initiative, das Land zur See und auf dem Land mit Südost- und Zentralasien, dem Mittleren Osten, Europa und Afrika zu verbinden. Offensichtlich gibt Nepal diesem Projekt den Vorrang vor der Absicht, eine Bahnlinie von Raxaul in Indien nach Kathmandu zu bauen. Man traut den Chinesen einfach mehr Dynamik zu.

Heute fahre ich mit Hari hinaus nach Patan, das auch Lalitpur genannt wird. Es ist eine der drei Königstädte. Wir nehmen meinen Taxifahrer von gestern und er freut sich sehr über den Anschlussauftrag. Ich bin überrascht von den zahlreichen Baudenkmalen und Kunstschätzen, die in Patan auf engstem Raum zu sehen sind. Intensiv wird an der Beseitigung der Erdbebenschäden gearbeitet.

Den Nachmittag und Abend verbringen wir bei den Kindern. Schöner hätte der Abschluss meiner Reise nicht sein können; er macht mich rundum glücklich. Auch Hari genießt die Stunden sichtlich. In meinem Auftrag hat er bei einem vegetarischen Restaurant in Kathmandu Essenspakete für die Kinder und alle Helfer bestellt. Sie enthalten Sandwiches, Gemüse, Salat und Saft. Ein Vereinskamerad aus meinem Sportverein hat mich bei der Finanzierung der Snacks unterstützt.

Hari hilft bei der Verteilung der Snacks

Es ist noch warm und wir machen ein Picknick im Hof. Für die Kinder ist das Päckchen wie eine Wundertüte. Sie freuen sich riesig über die Aufmerksamkeit und bedanken sich mit einem Lied. Von vielen erhalte ich auch ein persönliches „Dhanyabad“.

Die Kinder freuen sich über die Snacks…

…und wir machen damit ein Picknick im Hof

Nach dem Abendessen sind alle sehr erwartungsvoll. Der kleine Studyroom ist brechend voll. Auf ausgerollten Teppichen sitzen die Kinder dicht an dicht. Ich bedanke mich bei ihnen und den Helfern für die Gastfreundschaft, die ich in den drei Tagen im Haus der Hoffnung genießen durfte und zeige in einer kleinen Präsentation Fotos, die ich von den Kindern bei meinen Besuchen 2011, 2013 und 2016 gemacht habe. Der Begeisterungssturm, den die Aufnahmen auslösen, hätte ich nicht erwartet. Familienalben wie bei uns gibt es nicht und so können viele der Kinder erstmals einen Blick in ihre eigene Vergangenheit werfen.

Der Abschied von allen ist warmherzig und fällt mir schwer. Ich muss versprechen, wiederzukommen. Das werde ich. Bei jedem Besuch im Haus der Hoffnung wird mir ein Vielfaches unserer Hilfe zurückgegeben.

In der Königsstadt Lalitpur

 

 

Rhein-Marne-Kanal 2017

Alex, unser Mann in Niderviller, ist ein sympathischer junger Franzose. Er übergibt uns in der Marina das Boot der Kormoranklasse für unseren ersten Törn auf dem Rhein-Marne-Kanal in Lothringen. Von ihm erhalten wir eine „Schnellbleiche“ im Umgang mit Bordelektronik, Ruderanlage, Verkehrsvorschriften und wertvolle Tipps über das, was für das Leben und Überleben auf dem Wasser sonst noch wichtig sein könnte.

Das Boot…

 

…und seine Besatzung

Kompetent weist uns Alex bei einer Probefahrt in die Manövrierung des 13-Tonnen-Bootes ein. Dass die „Chagall“ ganz aus Stahl gebaut ist, beruhigt uns ungemein. Auch ihre Ausstattung lässt bei uns dreien keine Wünsche offen. Alles, was wir bei unserer Premierenfahrt brauchen, ist da. Die Kajüte mit den drei Betten im Heck bietet uns genügend Platz. Auch die Messe mit dem Hauptsteuerstand und der Bordküche ist sehr geräumig. Wir bevorzugen es jedoch, auf dem Oberdeck „zu wohnen“ und von dort aus zu navigieren.

Geräumige Messe…

 

…mit Bordküche

Es ist ungewöhnlich heiß Ende Mai. Trotz der herrschenden Schwüle werden wir von Gewittern verschont. Die hypothetische Frage von Gerd, ob ein Schiff ein faradayscher Käfig sei, kann deshalb unbeantwortet bleiben. Nur auf unsere Haut müssen wir gut aufpassen. „Schmieren und salben“ sind angesagt.

Wir bevorzugen es, auf dem Oberdeck zu navigieren

Nachdem sich Alex davon überzeugt hat, dass er uns das Schiff anvertrauen kann, starten wir den Diesel und begeben uns auf die schleusenfreie Fahrt gen Westen. „Für euch muss am ersten Tag das Vertrautwerden mit dem Boot im Vordergrund stehen“, hat uns Alex ans Herz gelegt. Dass ein Schiff anders zu manövrieren ist als ein Auto merken wir an den Kanalbiegungen schnell. Meine ersten Steuerversuche fallen noch recht kläglich aus. Vor den Engstellen habe ich gehörigen Respekt.

Vor den Engstellen habe ich gehörigen Respekt

Wir passieren die kleinen Dörfer Schneckenbusch und Hesse. Dazwischen queren wir eine Kanalbrücke. Unter uns sehen wir die junge Saar und die Straße von Lorquin nach Sarrebourg.

Unter uns die Straße und die junge Saar

In Xouaxange legen wir nach zwei erkenntnisreichen Stunden an und machen einen ersten Landgang. Er fällt kurz aus, weil die einzige Kneipe geschlossen hat. Dafür genießen wir das Abendbrot an Deck. Der „Montagne de Saint Emilion“ aus dem Supermarkt von Sarrebourg stellt uns sehr zufrieden. Dieser Rotwein aus dem Bordeaux passt ausgezeichnet zum Münsterkäse, für den sich Reiner ausgesprochen hat.

Abendbrot in Xouaxange

Am nächsten Morgen erreichen wir bei Gondrexange den gleichnamigen See, an dem wir gut zwei Meter tiefer entlangschippern, getrennt durch einen Damm.

Etang de Gondrexange

Die Landschaft entlang des Kanals ist gekennzeichnet durch üppiges Grün, Auenwälder und Feuchtgebiete. Neben Schwarzmilanen sind es Weißstörche und Graureiher, die wir mehrfach sichten. Der Kanal ist recht eintönig hier. Er scheint von seinen Erbauern mit dem Lineal gezogen worden zu sein.

Wie mit dem Lineal gezogen

Vor der Schachtschleuse von Réchicourt-le-Chateau kehren wir um. Sie ermöglicht den Aufstieg zur sogenannten Vogesen-Scheitelhaltung. Damit überwindet der Kanal eine Höhe von 267 Meter. Entspannt tuckern wir zur Marina von Niderviller zurück. Wir fühlen uns gerüstet für die wahren Herausforderungen, die am folgenden Tag auf uns warten.

In der Marina erwarten wir den nächsten Tag

Die beiden Tunnel von Arzviller fordern uns. Wir legen durch den ersten einen ziemlichen Schlingerkurs hin. Im zweiten Tunnel hat Gerd am Steuer die Sache dann gut im Griff. Tief beeindruckt uns die wasserbautechnische Leistung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. 480 Meter und 2310 Meter mussten die beiden Stollen für die Schiffe durch den Berg getrieben werden.

Tunnel von Arzviller

 

Entschleunigt reisen wir mit der „Chagall“ von einem Höhepunkt zum nächsten. Wenige Flusskilometer nach dem Tunnelausgang erwartet uns das Schiffshebewerk Saint Louis/Arzviller. Es ist seit 1969 in Betrieb und heute noch eine Attraktion. Mit einem Höhenunterschied von 44,55 Meter ersetzt es 17 Schleusen. In dem auf Rollen gelagerten Trog schweben wir zusammen mit einem zweiten Schiff hinunter ins Tal der Zorn. Bei der Talfahrt wird der Trog mit so viel Wasser gefüllt, dass sein Gewicht etwas größer ist als das der Gegengewichte. Bei der Bergfahrt läuft das Spiel umgekehrt; etwas Wasser wird abgelassen. Jetzt sind die Gegengewichte schwerer und ziehen die Wanne mit den Schiffen nach oben.

Uns erwartet die erste Schleusenkette Nummer 18 bis 22 hinunter nach Lutzelbourg. Wir haben vor den Sperrwerken ziemlichen Respekt; kommen dann aber mit ihrer Technik ganz ordentlich zurecht. Die Schleusen sind weitgehend automatisiert. In dem kleinen beschaulichen Städtchen sehen wir uns um und kehren in der „Bierstub d´Eselbahn“ ein. Der Name der Brasserie erinnert an die Schmalspurbahn, die einst Lutzelbourg mit Phalsbourg verband. Wir genießen den Abend und lassen ihn an Deck unseres Bootes bei einer Flasche Elsässer Riesling ausklingen.

Abendstimmung in Lützelbourg

Dass wir Saverne mit unserem Zeitbudget nicht mehr erreichen können, ist uns spätestens dann klar, als wir die Schleusen bis dorthin gezählt haben. Nach Nummer 23 wenden wir. Diese Schleuse wird uns für immer in Erinnerung bleiben. Beim Abwärtsschleusen klemmt die Leine am Heckpoller. Es folgt ein strammer Ruck und die „Chagall“ wird kurz angehoben. Dann reißt die Leine mit einem scharfen Knall. 13 Tonnen Stahl sind für den Strick dann doch zuviel.

Schleusenarbeit

Im Kanalbecken unterhalb des Schiffshebewerks machen wir fest und unternehmen einen Landausflug in die Vergangenheit. Die alte Schleusentreppe im Teigelbachtal mit den Nummern 1 bis 17 hat unser Interesse geweckt. Was wir vorfinden, begeistert uns. Die 1853 in Betrieb genommenen und bis 1969 genutzten Wasserbauwerke sind heute ein Industriedenkmal erster Güte und werden für die Nachwelt erhalten. Teilweise sind die Schleusenwärterhäuschen vorbildlich renoviert und werden bewohnt.

 

Die alte Schleusentreppe…

 

…liegt im Dornröschenschlaf

 

Am Morgen unseres letzten Reisetages sind wir das erste Schiff, das der Schrägaufzug nach oben befördert. Ohne Blessuren passieren wir die beiden Tunnel und nehmen unser Frühstück im kleinen Kanalhafen von Niderviller ein. Ein Mitarbeiter der VNF, der staatlichen Wasserstraßenverwaltung erläutert uns deren Aufgaben in diesem Kanalabschnitt. Leider bleibt uns nicht mehr die Zeit, seine nützlichen Hinweise für die Wende- und Anlegemanöver auszuprobieren. Alex, unser Mann in Niderviller wartet auf uns. Er will das Boot wiederhaben.

Nepal 2016

Mittwoch, 23. November 2016

Die Nachrichten, die ich aus Kathmandu erhalte, könnten besser nicht sein. Hari hat alles gut für mich vorbereitet. Mein nepalesischer Freund ist von seinem Trek in das Gebiet des Mount Everest wohlbehalten zurückgekehrt. Ich habe die Unternehmung in Facebook verfolgen können. Die Gruppe hatte traumhafte Wetterbedingungen. Ein Begleiter seiner Tour war der Deutsche, über dessen Website ich Hari vor fünf Jahren kennengelernt habe. Nun freue ich mich darauf, ihn wiederzusehen. Übermorgen geht mein Flieger via Delhi nach Kathmandu. Hari holt mich am Tribhuvan Airport ab. Als erstes werden wir die Kinder besuchen. Rund 120 sind es inzwischen, die in den beiden Häusern leben, welche die NGO „Haus der Hoffnung – Hilfe für Nepal e.V.“ in Kathmandu betreibt. Die 12jährige Menuka, unser Patenkind gehört auch dazu. Ich will für die Kinder ein kleines Fest geben. Hari organisiert mit seiner Mannschaft ein Essen für alle.

Unser nächstes Ziel wird Dollu sein; das Dorf, in dem Hari mit seiner Frau Mithu und den beiden Töchtern Prayasa und Isa wohnt. Ich habe seine Familie vor drei Jahren kennengelernt. Dollu liegt etwa 20 Kilometer südlich der Millionenstadt Kathmandu. Zwei Tage später werden Nabin und ich nach Pokhara aufbrechen, dem Ausgangspunkt unserer Trekkingreise zur Annapurna. Nabin ist der Schwager von Hari; ein sympatischer junger Mann, der mich schon vor drei Jahren auf meinem Trek ins Helambu zuverlässig begleitet hat.

Kathmandu, 26. November 2016

Navraj ruft uns auf der Fahrt vom Flughafen dreimal an, um zu hören, wie lange wir noch brauchen. Die Kinder warten auf uns. Sie haben sich im Speisesaal versammelt. Der Smog über Kathmandu hat unsere ganze Zeitplanung durcheinandergeworfen. Wie eine graubraune Glocke hängt er über der Stadt und verursacht bei mir brennende Augen und Hustenreiz. Viele Menschen tragen deshalb Mundschutz. Immer wieder wirft der Abgasschleier über Kathmandu die Flugpläne über den Haufen. Mein Flieger durfte in Delhi nicht planmässig starten. Zwei Stunden sind es geworden, die Hari am Airport auf mich warten musste. Er lacht darüber. Für ihn es „der ganz normale Wahnsinn“. Auch die hupende und stinkende Blechkarawane, die sich über die Ringroad quält, nehmen er und unser Taxifahrer mit der Gelassenheit, die hier angebracht ist. Es lässt sich ohnehin nicht ändern.

Navraj steht am Tor des Kinderhauses. Er ist dessen Leiter. Ich habe ihn bei meinen früheren Aufenthalten kennen- und schätzengelernt. Navraj freut sich, dass wir endlich da sind und nimmt mich in den Arm. Die Kinder sind voller Erwartung. Mir bleibt eine kleine Begrüßungsrede nicht erspart. Keiner nimmt mir hier mein unvollkommenes Englisch übel. Das Entzücken der Kinder über die Lunchpakete, die Hari für mich organisiert hat, ist nicht gespielt. Es gibt Vegetarisches: Gemüse, Kartoffeln, Obst, gebackene Kringel, Joghurt, Sandwiches und Saft.

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Die Kinder sind voller Erwartung

Ich mache mich mit den Praktikanten aus Deutschland bekannt und verspreche, nach meinem Trek wiederzukommen. Leider bleibt mir heute nicht viel Zeit. Es ist schon dunkel geworden und wir haben noch über eine Stunde Fahrt vor uns für die 18 Kilometer bis Dollu. Auch dort werden wir bereits sehnsüchtig von Haris Familie erwartet. Stolz zeigt er mir sein neues Haus, das er an der Strasse nach Pharping gebaut hat; erdbebensicher, wie er betont. Sein altes ist beim Beben, das Nepal 2015 erschüttert hat, unbewohnbar geworden. Er hat jetzt ein Gästezimmer, in dem ich wohnen darf. Mithu, seine Frau hat nepalesische Snacks vorbereitet. Wir sitzen auf der Terrasse um eine Feuertonne und tauschen uns über unsere Familien aus. Prayasa, Haris ältere Tochter studiert an der Universität von Kathmandu Tourismus. Sie erzählt mir, dass sie später bei einer Airline arbeiten möchte. Isa, die Kleine, geht noch in Dollu zur Schule. Auch Mohan, ein Freund von Hari, kommt dazu. Bei meinem letzten Besuch war ich mit ihm auf seinem Motorrad unterwegs. Ein Erlebnis, das ich nicht vergessen werde.

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Wir sitzen um die Feuertonne und tauschen uns aus

Dollu, 27. November 2016

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Hari hat auf einem Grundstück seiner Eltern ein neues Haus gebaut. Die erste Etage ist vermietet

Hari hat Bankgeschäfte in Pharping, der kleinen Provinzstadt zu erledigen. Er nimmt mich mit dem Motorrad mit. Unwillkürlich muss ich bei unserem Ritt über die Rumpelpiste an das JWG-Zitat denken, das mir Kaddy in ihrem kleinen Reisealbum mitgegeben hat: „Das ist das Angenehme auf Reisen, dass auch das Gewöhnliche durch Neuheit und Überraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt.“

Wohl wahr!

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Seine Hausbank, die ich auch schon für Überweisungen in Anspruch genommen habe

Wir besuchen Nabin, der mich zum Annapurna Base Camp begleiten wird. Seine Frau betreibt in Pharping einen kleinen Laden. Nachmittags drehe ich mit ihm eine Runde durch Dollu. Das Deutsch von Nabin ist inzwischen ganz passabel. Wir vereinbaren, es in den nächsten zwei Wochen noch zu optimieren.

Mich interessieren die Klöster von Dollu. Nicht weniger als fünf gibt es in dem kleinen Bergdorf. Ihre Ausmaße sind gewaltig und sie dominieren die Kulisse. In dem ersten, das wir aufsuchen, spreche ich mit einem der Lamas. Dort leben 400 Mönche. In den anderen Anlagen dürften es nicht viel weniger sein. Neue Komplexe sind im Bau. Von Hari weiß ich, dass das Geld dafür aus dem Ausland kommt.

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Die Klosteranlagen dominieren die Kulisse von Dollu

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Der Lama erlaubt uns, den Gebetsraum zu besichtigen

Kathmandu – Pokhara, Montag, 28. November 2016

Wir verlassen Kathmandu mit dem Touristenbus; eine durchaus kommode Art zu reisen. Hari hat uns mit dem Taxi zum Bus gebracht. Er wird sich täglich bei uns melden. Gestern abend sind wir die Tourenplanung gemeinsam durchgegangen und er hat Nabin letzte Instruktionen erteilt. Sogar das in Nepal nicht gebräuchliche Toilettenpapier hat er mir mitgegeben. Seine Fürsorge, auch aus der Ferne, habe ich bereits bei meinen früheren Unternehmungen wohltuend erlebt.

Für die 200 Kilometer bis Pokhara sind 6 Stunden veranschlagt – ungefähr! Am Ende werden es inklusive der Frühstücks-, Lunch-, Tank- und Pinkelpause acht.

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Nabin versorgt uns im Highway Restaurant . Die Organisation ist perfekt

Die Strasse folgt lange Zeit dem Flusslauf des Trishuli. Er entspringt in Tibet und fliesst nach Indien zum Ganges. Der Highway, wie er sich nennt, ist in einem halbwegs passablen Zustand; für nepalesische Verhältnisse wohlgemerkt. Er wird überwiegend von Bussen und Trucks befahren. Die Siedlungen sind eng an die Strasse gerückt. Sie ist die Lebensader hier. Der Handel blüht wie überall in Nepal. Jeder noch so kleine Anbau wird als Shop für die Artikel des täglichen Bedarfs genutzt. Das tief eingeschnittene Flusstal ist von der Landwirtschaft geprägt. Reisterassen und Gemüsefelder begrenzen den Trishuli. Auch der Abenteuertourismus erwacht. Wir fahren an Campingplätzen und Raftingstationen vorbei. Die ungezähmten Wasser versprechen höchstes Vergnügen.

Pokhara – Nayapul (1050 m) – Ulleri (2300 m), Dienstag, 29. November 2016

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Die Gastronomie hat so ziemlich alles zu bieten

Pokhara ist ganz offensichtlich um sein Image als Touristenziel bemüht. Wenn man der Statistik Glauben schenken darf, besucht fast die Hälfte aller Nepaltouristen diese Stadt wegen ihres Bilderbuchpanoramas. Die Strassen sind hier deutlich besser als in Kathmandu. Überall wird an ihnen gearbeitet. Die Stadt ist sauber, an den Papierkörben wird mit „keep clean Pokhara“ dafür geworben, dass es auch so bleibt. Die Strasse mit den Souvenierläden ist lang und die Gastronomie hat so ziemlich alles zu bieten. Nabin und ich haben uns gestern Abend für die lokale Variante entschieden und im „Nepal Kitchen“ gegessen. Zum Dhal Bhat trinken wir Everest Bier. An schönen Tagen muss der Ausblick von Pokhara auf die Himalayaberge gewaltig sein. Leider verbergen sie für uns ihre Häupter hinter Wolken.

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Stolz trägt Nabin seine Jacke mit dem „Charming Guide Adventure Trek“ Schriftzug. Seine Frau hat ihn aufgenäht

Ein Taxi hat uns zum Ausgangspunkt unseres Treks, Nayapul, gebracht.

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Nabin deckt sich mit Obst für uns ein. Er kauft Äpfel und Bananen

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Unser Trekkingpermit wird kontrolliert

Wir betreten die Annapurna Conservation Area.

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In Birethandi überqueren wir den Modi Kola

In Thinkhedhunge endet der Fahrweg und die Jeeps werden von Maultieren als Transportmittel abgelöst. Zwischen zwei Mulikarawanen steigen wir endlose Steinstufen nach Banthanti (2300 m) hinauf. Irgendjemand muss sie gezählt haben. 3280 seien es, behauptet der Rother Wanderführer. Zwei junge Irinnen aus Donegal mit Guide und Träger begleiten uns. Sie haben das gleiche Ziel.

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Der Fahrweg endet und Mulis lösen die Jeeps ab

Die Anzahl der Trekker, die unterwegs sind, bleibt bis jetzt überschaubar. Wir sind gerade mal fünf in der Green View Lodge, die am Abend mit Guides und Trägern um den Ofen sitzen; die beiden Mädchen, ein Paar aus Wales und ich. Jeff hat heute seinen 33. Geburtstag. Sein Guide serviert ihm einen Kuchen, den er in der Küche hat backen lassen. Wir sind zum Nachtisch eingeladen.

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Jeff feiert seinen 33. Geburtstag

Ulleri (2300 m) – Ghorepani (2840 m) – Poon Hill (3200 m), Mittwoch, 30. November 2016

Es ist ein morgendliches Ritual. Ich kann es ihm nicht abgewöhnen. Nabin besteht darauf, mir nach dem Aufstehen eine erste Tasse Tee zu bringen. Zugeben muss ich, dass es eine angenehme Gepflogenheit ist.

Heute haben wir eine überschaubare Tagesetappe. 600 Höhenmeter geht es durch den Wald hinauf nach Ghorepani am Poon Hill, einem klassischen Ziel vieler Trekker. Nabin hat geplant, dazwischen Mittagspause zu machen. Ich teile ihm meine Zweifel mit, ob wir da schon hungrig sind. Wir machen in Naghetanti nur eine kleine Teepause und steigen vollends hinauf nach Ghorepani.

Nach der Mittagspause gehen wir die 300 Höhenmeter hinauf auf den Poon Hill. Leider zeigt sich der Dhaulagiri (8167 m) nur kurz. Vielleicht haben wir morgen früh mehr Glück. So lange müssen wir dann doch nicht warten. Gegen Abend öffnen sich die Wolken und wir können das Massiv des 8000er von der Terrasse unserer Lodge aus in voller Pracht geniessen.

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Wir können den Dhaulagiri in voller Pracht geniessen

Ghorepani (2840 m) – Tadapani (2630 m), Donnerstag, 1. Dezember 2016

Der Sonnenaufgang am Poon Hill kostet 50 Rupien. Eine vermummte Gestalt sitzt vor dem Gipfelaufstieg unter einem Blechdach und kassiert. Es ist fünf Uhr am Morgen. Eine Glühwürmchenkette zieht in der Dunkelheit hinauf. Oben kommt man sich fast ein bisschen vor wie Reinhold Messner bei „Verstehen Sie Spass“. Und da ist er tatsächlich: der Kiosk! Es gibt heisse Getränke.

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Der Sonnenaufgang als gutes Geschäft

Dass das ganze ein gutes Geschäft ist, wird mir schnell klar. Der Gipfel füllt sich rasch. Rund 300 dürften es sein, die auf das Naturschauspiel warten. Nabin hat erlebt, dass es im Oktober weit über 1000 waren.

Ich überschlage den Umsatz. Das Geld fliesst in die Entwicklung und Unterhaltung des Poon Hill Visitors Park, verspricht mein Ticket. Ich bin bereit, es zu glauben, denn die Trekking Infrastruktur ist hier oben vorbildlich. Die Wege sind markiert; wenn auch spärlich und gut im Schuss. Ich sehe keinerlei Müll herumliegen, wie dies in anderen Gegenden Nepals der Fall ist. Sogar unterwegs findet man Papierkörbe. Ich bin es gewohnt, meinen Müll aus den Bergen wieder mitzunehmen und gute Gewohnheiten soll man nicht ändern. In nahezu allen Lodges gibt es sogenannte „Safety drinking water stations“, die es einem ermöglichen, auf die problematischen Plastikflaschen zu verzichten.

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Der heilige Berg

Machhapuchhare (6993 m), „der heilige Berg“. Es ist ein faszinierender Augenblick, als sein markanter Gipfelaufbau aus der Dunkelheit heraustritt. Klar und scharf heben sich seine Konturen in der Morgendämmerung vom Horizont ab. Warum er „Fischschwanz“ genannt wird, ist selbsterklärend. Ob er illegal durch einen Neuseeländer bestiegen wurde, wird für immer dessen Geheimnis bleiben. Er ist noch im gleichen Jahr am Makalu tödlich verunglückt. Beweise für einen Gipfelerfolg gibt es nicht.

Westlich des Machhapuchare leuchtet in der Morgensonne das vielgipfelige Massiv der Annapurna. Weiter westlich schliesst sich die mächtige Gipfelwand des Dhaulagiri an, getrennt durch das Tal des Kali Gandaki.

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Annapurna I (links) und Annapurna Süd

Schnell entsteht auf dem Gipfel eine Art Volksfeststimmung. Das brauchen wir nicht. Nabin und ich treten den Rückzug an.

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Selfie mit Annapurna

In Ghorepani endet der Poon Hill Trek. Wir wechseln nach Osten hinüber ins Tal des Modi Khola, um von dort aus zum Annapurna Sanctuary zu gelangen mit seinem berühmten Base Camp. In Tadapani nächtigen wir. Die Zahl der Trekker hat deutlich zugenommen. Wir teilen uns die Lodge mit einer grossen Gruppe Franzosen, die aus dem ABC zurückkehrt.

Tadapani (2630 m) – Chomrong (2150 m), Freitag, 2. Dezember 2016

Unser Weg führt uns heute zunächst durch Rhododendronwald hinunter ins Tal des Kimrong Khola, einem Zufluss des Modi Khola. Wir queren ihn über eine der zahlreichen Hängebrücken, die von der Verbindung der British Gurkhas gebaut worden sind, jener legendären nepalesischen Soldaten, die im Dienste der British Army standen und dort eigene Einheiten bildeten.

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Die Hängebrücken wurden von den British Gurkhas gebaut

Es geht wieder steil hinauf. Tief unter uns sehen wir bereits darauf den Modi Khola schäumen. Seinen Lauf werden wir bis zum Ursprung beim Machhapuchhare Base Camp folgen.

Zahlreiche Gehöfte säumen unseren Weg. Auf kleinen Parzellen wird Gerste und Mais angebaut. Wasserbüffel gehören beinahe überall zum Haustierbestand. Fahrzeuge und Maschinen gibt es nicht.

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Alles ist Handarbeit,…

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…Fahrzeuge und Maschinen gibt es nicht

Upper Chomrong ist eine Ansiedelung von Gästehäusern. Wir nehmen im International Guesthouse Quartier. Ein Cyber Cafe finde ich auch hier nicht. Am Spätnachmittag beginnt es leicht zu regnen. Ich lerne mit Nabin Deutsch. Er hat sich eine gute Grundlage auf einem College in Kathmandu geschaffen. Wir übersetzen die englische Speisekarte und bilden gemeinsam Sätze, die er im Trekkingalltag gebrauchen kann. Neben uns sitzt ein älterer Herr aus Hannover, der mit dem Zug durch Indien gereist ist, bevor er nach Nepal kam. Der Deutsche hört uns interessiert zu. Später erzählt er uns, dass er Lehrer ist und Deutsch unterrichtet hat. Hoffentlich habe ich mich bei meinem Unterrichtsversuch nicht allzu dilletantisch angestellt. Neben ihm und zwei gemeinsam reisenden Mädchen aus England und Frankreich sind wir allein in der kalten Lodge.

Chomrong (2150 m) – Deurali (3200 m), Samstag, 3. Dezember 2016

Wir haben einen traumhaften Tag erwischt und ich fühle mich sehr gut. Haris Trekkingplan sieht als Etappenziel Dovan (2470 m) vor. Die Gehzeit beträgt 4 bis 5 Stunden. Mit Nabin vereinbare ich, in Dovan nur Mittagspause zu machen und weiter aufzusteigen. Ich möchte den Nachmittag nicht ungenutzt in einer Lodge verbringen. Zunächst steigen wir 200 Höhenmeter hinunter nach Lower Chomrong. Nach der Querung einer Bergflanke hören wir bald darauf den Modi Khola brausen, sehen ihn aber noch lange nicht. Durch dichten Bambuswald gewinnen wir an Höhe, um sie bald darauf wieder zu verlieren. Unser Trek ist ein stetiges Auf und Ab. Immer wenn der Wald ein Fenster öffnet, schaut der Machhapuchhare zu uns herein. Sein Gipfel ist ein Bild aus Stein und Eis.

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Der Machhapuchhare schaut zu uns in den Wald herein

Bereits um elf Uhr erreichen wir Dovan und machen dort eine längere Pause. Wir treffen auf einen kiffenden Slowaken mit seinem Freund aus Kathmandu. Er erklärt mir, er träume davon, mit seinem Snowboard vom Machhapuchhare abzufahren, aber nun sei es ihm doch zu steil. Im gleichen Moment räumt er ein, nicht weitergehen zu können, weil ihn die letzte Etappe zu sehr geschafft hat. Vielleicht liegt es am Gras.

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Der kiffende Slowake schleppt sein Snowboard durch den Himalaya

Kurz nach drei Uhr sind wir in Deurali und haben damit zwei Tagesetappen hinter uns gebracht. Ich bin sicher, dass wir den gewonnenen Tag noch sinnvoll nutzen können.

Unsere Lodge hat nur vier Gäste: Joanna, ein junges Mädchen aus Kanada mit ihrem Guide Kesav, Nabin und mich. Als die Sonne verschwindet, wird es bitterkalt. Eine Heizung gibt es nicht, dafür genügend Decken. Wir packen uns damit ein. Joanna tut mir leid. Sie ist ziemlich erkältet.

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In der kalten Lodge packen wir uns mit Decken ein

Deurali (3200 m) – Annapurna Base Camp (4130 m), Sonntag, 4. Dezember 2016

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Das Annapurna Sanctuary

11:45 Uhr. Wir stehen im Allerheiligsten, dem Annapurna Sanctuary. Der gewaltige Kessel ist ein natürliches Amphitheater. Uns umgeben weiße Eisriesen, dominiert von der Gestalt des Machhapuchhre und der Annapurna I. Belohnt werden wir mit diesem Blick für die Anstrengungen der letzten Tage.

Unser Mittagessen, einen Berg gebratenen Reis mit Gemüse nehmen wir unter einer riesigen Mauer ein, der Annapurna Südwand. Ein dicker Eispilz krönt den Berggipfel. Der Tag könnte nicht besser sein. Keine Wolke zeigt sich am Himmel. In der Sonne ist es warm und ich habe kurze Hosen an. Länger als bis 14 Uhr werden wir sie kaum haben, dann kehrt eisige Kälte hier oben ein. Zeit bleibt, um die feuchten Klamotten zu trocknen.

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Mittagessen vor der Annapurna Südwand

Mein Zimmer teile ich mit Charly, einem blonden Engländer. Wir sind uns auf dem Trek schon mehrfach begegnet.

Beim Aufstieg haben wir kurz unter dem Machhapuchhre Base Camp die beiden Irinnen mit ihren nepalesischen Begleitern getroffen. Sie gehen schon wieder hinunter; sind uns einen Tag voraus. Die Nacht haben sie im MBC (3700 m) verbracht und waren nur als Tagesgäste eine Etage weiter oben. Sie haben uns trotzdem einen ziemlich durchgefrorenen Eindruck gemacht.

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Die beiden Irinnen machen einen durchgefrorenen Eindruck

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Am Abend sitzen wir dick eingemummelt in der Lodge

Die Kälte ist drinnen erträglich. Rund 30 Trekker, Guides und Träger heizen den Raum ein bisschen auf. Fast kommt so etwas wie Gemütlichkeit auf.

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Die Nepalis spielen in einer Ecke Karten

Nabin und ich planen die nächsten Tage. Wir vereinbaren, die morgige Etappe zu verlängern und bis Sinuwa (2115 m) zu gehen. Das verkürzt die Wegezeit des übernächsten Tages und wir können am Nachmittag die heißen Quellen des Modi Khola besuchen. Etwas Wellness kann nicht schaden. Den bereits gewonnenen Tag wollen wir in Pokhara verbringen. Ich habe von der Stadt fast nichts gesehen.

ABC (4130 m) – Sinuwa (2115 m), Montag, 5. Dezember 2016

Ich habe ziemlich schlecht geschlafen. Kopfschmerzen haben mich zwar nicht geplagt, aber ich bin immer wieder mit dem beklemmenden Gefühl aufgewacht, keine Luft mehr zu kriegen. Charly ist es genauso gegangen. Er ist ein paar Mal aufgestanden. Die Nacht zieht sich endlos hin und ich bin froh, als Nabin um 6:30 Uhr mit dem Morgentee kommt.

Mit anderen Trekkern steige ich zum Denkmal für die Opfer der Annapurna mit den zahllosen Gebetsfahnen hinauf. Die Annapurna wurde zwar als erster 8000er bereits 1950 bestiegen, ist und bleibt aber einer der gefährlichsten. Auf weniger als drei erfolgreiche Besteigungen kommt ein Todesfall.

Uns erwartet heute morgen ein grandioses Naturschauspiel. Es ist frostig und klar. Ganz langsam werden die Gipfel der Bergriesen von der Sonne beleuchtet. Die Farben wechseln von rot über orange bis hin zu einem warmen gelblichen Morgenlicht.

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Die Farben wechseln von rot…

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…über orange…

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…bis hin zu einem warmen, gelblichen Morgenlicht

Eine feierliche Stimmung macht sich breit; keine Event-Atmosphäre, wie ich sie am Poon Hill erlebt habe.

Wir sind in der Rückwärtsbewegung. Beim Abstieg treffen wir in Dovan Joanna und Kesav wieder. Wir gehen ein Stück gemeinsam. Gemeinsam machen wir uns auch auf die Suche nach einer Unterkunft. Alle Lodges sind in Sinuwa belegt. Unsere Guides sondieren das Terrain. Der Besitzer im Himal Guest House hat noch einen Bretterverschlag unter der Terrasse mit drei Pritschen.

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Joanna nennt unser Nachtquartier den „Harry-Potter-Room“. Warum, weiss ich nicht

Sie müssen aber zuerst von den Trägern geräumt werden, die dort nächtigen wollten. Diese tun es, ohne zu murren und ziehen im Speiseraum ein. Zahlende Gäste haben Vorrang. Bei mir bleibt ein ungutes Gefühl zurück. Ich tröste mich damit, dass Joanna und ich angeboten hatten, im Speiseraum zu schlafen.

Sinuwa (2115 m) – Jhinhudanda (1710 m), Dienstag, 6. Dezember 2016

Ein entspannter Tag erwartet uns und wieder ein schöner. Beim Frühstück schauen wir tief hinunter ins Tal des Modi Khola.

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Wir schauen hinunter ins Tal des Modi Khola

Wir können Jhinhudanda bereits sehen, unser Etappenziel. Zu Mittag wollen wir dort sein. Das geht mit Standgas. In Chomrong lade ich Nabin in die „German Bakery“ zu einem zweiten Frühstück ein. Wir geniessen es, in der Sonne zu sitzen. Es ist fünf vor zehn; die Kinder aus Lower Chomrong nehmen leichtfüßig die zahllosen Stufen an uns vorbei hinauf zu ihrer Schule in Upper Chomrong. Zwei kleine Mädchen in ihren schmucken Uniformen rufen mir ein freundliches „Namaste“ zu und fragen mich nach meiner Herkunft.

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Zweites Frühstück in der „German Bakery“

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Man kennt die Vorlieben der deutschen Trekker

Auf unserem Weiterweg treffen wir erneut auf Joanna und Kesav. Er hat Orangen gekauft und gibt uns davon.

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In Jhinhudanda finden wir eine schmucke Lodge

Unsere schmucke Lodge liegt strategisch günstig für unsere heutige Unternehmung – das Bad in den heißen Quellen des Modi Khola. Nach dem Mittagessen steigen wir die 150 Höhenmeter an den Fluss hinunter.

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Wir finden drei Wasserbecken neben dem Flussbett. Die Anlage macht einen sauberen Eindruck. Dafür sorgt ein Bademeister vor Ort. Er gibt uns die nötigen Instruktionen. Zuerst ist duschen angesagt. Aus drei Röhren strömt das warme Wasser, unter dem wir uns einseifen. Ich schätze die Temperatur auf 35 Grad. Was folgt, ist Genuss pur.

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Genuss pur!

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Die Becken bieten genügend Platz für die Badegäste

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Für Ordnung und Sauberkeit sorgt der Bademeister

Einheimische und Trekker halten sich die Waage beim Badespaß. Viele von ihnen habe ich bereits unterwegs getroffen. Da ist Charly, mit dem ich das Zimmer im ABC geteilt habe, da ist der kiffende Slowake mit seinem nepalesischen Freund und ein deutsches Paar, dem ich schon einmal begegnet bin. Alle eint uns das Vergnügen, sich den Staub der letzten Trekkingtage von der Haut zu spülen.

Jhinhudanda (1710 m) – Tolka (1800 m), Mittwoch, 7. Dezember 2016

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von Joanna und Kesav. Die beiden waren uns angenehme Etappenbegleiter. Sie nehmen eine kürzere Route und kehren heute schon nach Pokhara zurück. Wir haben noch zwei Trekkingtage vor uns.

Nabin und ich steigen hinunter ins Flusstal. Wir queren den Kimrong Khola über eine abenteuerliche Brückenkonstruktion. Welche Qualitätsstandards dem Bauwerk zugrunde liegen, will ich nicht wissen.

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Grünbrücke, neu definiert

Kurz darauf überschreiten wir auch den Modi Khola und begleiten ihn noch ein Stück auf seinem Weg, bevor der Pfad im Bergwald nach Landruk ansteigt. Hier beginnt die Jeeppiste. Das Verkehrsaufkommen beschränkt sich auf 2 bis 3 Fahrzeuge. Pro Tag! Auf der anderen Talseite wird eine Straße nach Ghandruk gebaut.

Es ist eine bäuerliche Gegend, über die die Annapurna Süd (7219 m) und der Hiunchuli (6441 m) wachen. Ihre vergletscherten Gipfel beherrschen das Panorama.

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Annapurna Süd (links) und Hiunchuli wachen über der bäuerlichen Gegend

Wir kommen an kleinen Wassermühlen vorbei, in denen Mais gemahlen wird. Die Reisterrassen sind abgeerntet.

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In solch kleinen Wassermühlen…

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…wird Mais gemahlen

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Die Reisterassen sind abgeerntet

Einem alten Mann darf ich bei der Bambusverwertung zuschauen. Aus der Rinde werden die wichtigen Tragekörbe geflochten. Sie dient auch zur Verbindung von Weidezäunen; Befestigungstechnik aus der Natur. Mit den großen Bambusstangen bauen die Bauern Unterstände für ihre Wasserbüffel.

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Bambusrinde dient als Befestigungsmaterial

Wir kommen an der Dorfschule von Landruk vorbei. Ein Lehrer winkt mich herein. Er hat den Unterricht in Anbetracht des schönen Wetters kurzerhand ins Freie verlegt. Die Kinder sitzen um ihn herum und er zeigt mir ihre Englischhefte.

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Der Lehrer hat den Unterricht ins Freie verlegt

Dann führt er mich durch die Schule. Die Kinder begleiten uns und legen großen Wert darauf, dass ich wirklich in jedes Klassenzimmer schaue.

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Ich muss in jedes Klassenzimmer schauen

Es ist eine Primeryschool, in der 45 Kinder unterrichtet werden. Die Kleinsten, die herumwuseln dürften nicht älter als drei Jahre sein. Nach einer kurzen Audienz im Lehrerzimmer und einer Spende für die Schule setzen wir unseren Weg fort.

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Abendstimmung in Tolka

Tolka (1800 m) – Dhampus (1745 m), Donnerstag, 8. Dezember 2016

Wir sitzen schon am frühen Nachmittag im Garten unserer Lodge und geniessen das Panorama. Nabin spielt mit seinen Landsleuten Karten und ich kämpfe mit dem Mac, den mir der freundliche Lodgebesitzer für meinen Reisebericht zur Verfügung gestellt hat. Das Internet ist ziemlich langsam. Die Bilder lassen sich nicht hochladen. Das muss warten.

Wieder ist es der Machhapuchhre, der die Szenerie beherrscht. Im Osten schliessen sich die Annapurna II und IV und der Lamjung Himal an. Im Westen steht die vergletscherte Mauer mit Annapurna Süd und Hiuchuli. Die rings um uns blühenden Weihnachtssterne bilden den richtigen Kontrast zu den weißen Gipfeln.

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Die Weihnachtssterne bilden den Kontrast zu den weißen Gipfeln

Leicht getrübt wird der Blick durch Rauchschwaden, die um den Fischschwanz ziehen. Über der Baumgrenze in ca. 3500 m brennt es. Die Vegetation ist völlig ausgetrocknet. In Nepal hat es seit mehreren Monaten nicht mehr geregnet. Wir können den Brandherd mit dem Fernglas erkennen. Nachts sehen wir den Feuerschein.

Kathmandu, Samstag, 10. Dezember 2016

„You come first“, mit diesem Slogan wirbt Yeti Airlines für sich. Heute wird das Versprechen gehalten. Unsere Maschine startet am Morgen pünktlich in Pokhara und bringt uns in einer halben Stunde nach Kathmandu. Acht Stunden mussten wir für den Hinweg investieren. Nabin freut sich auf seine Familie und ich auf den Besuch bei den Kindern. Heute ist Samstag; sie haben schulfrei.

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Yeti Airlines bringt uns nach Kathmandu

Den gestrigen Reservetag in Pokhara haben Nabin und ich gut genutzt. Er ist einkaufen gegangen und ich konnte in Ruhe an meinem Blog arbeiten. Vor dem Abendessen stand ein Strandspaziergang am Phewa-See auf dem Programm. Leider ist die Sicht auf ihn fast völlig zugebaut.

Hari hat für mich im Kathmandu Guesthouse wieder ein Zimmer zum Garten gebucht, ohne dass ich den Wunsch besonders geäussert habe. Die Vorlieben seiner Gäste haben sich in seine Festplatte eingebrannt. Das Hotel hat enorm gewonnen. Es wurde beim Erdbeben 2015 teilweise zerstört und danach umgebaut. Der Garten ist eine wahre Rückzugsoase in der lärm- und staubgeplagten Stadt.

Ich bin froh, meine schweißgetränkten Trekkingklamotten loszuwerden und mache mich frisch. Ein Taxi bringt mich zum Ram Mandir, einer hinduistischen Tempelanlage in der Nähe der Kinderhäuser. Navraj lässt mich dort von zwei Jungs abholen. Er begrüßt mich herzlich und lädt mich zum Tee ein. Quendoline, eine Praktikantin aus Deutschland bietet sich an, mir die beiden Häuser zu zeigen. Ich willige gerne ein. Das Mädchen kommt aus Schwäbisch Gmünd und ist schon zum zweiten Mal hier.

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Quendoline führt mich durch die beiden Häuser

Insgesamt sind derzeit 16 Praktikanten im Einsatz. Von Navraj weiss ich, dass sie für ihn eine wichtige Stütze sind. 135 Kinder sind zu betreuen. Sehr schnell realisiere ich, wie strukturiert hier gearbeitet werden muss. Die Kinder zeigen eine unbewusste Dankbarkeit und legen eine Disziplin an den Tag, die bei uns im Westen kaum denkbar wäre. Rückzugsmöglichkeiten gibt es bei den beschränkten räumlichen Verhältnissen nicht.  Quendoline führt das vorbildliche Sozialverhalten darauf zurück, dass die Kinder in Nepal gewohnt sind, in großen Familienverbänden auf engem Raum zu leben. Es gäbe in den beiden Häusern nur wenig Streit und die Hilfsbereitschaft untereinander sei besonders ausgeprägt.

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Auf engem Raum zeigen die Kinder ein vorbildliches Sozialverhalten

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Auch die Wäsche ist Handarbeit

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Jeder Raum wird gut genutzt

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Ohne Disziplin geht es nicht

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Die Kinder haben Pflichten

Ich kann es selbst beobachten. Ein kleines Mädchen beginnt plötzlich bitterlich zu weinen. Sofort ist es von anderen umringt, die es trösten.

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Sie weint und wird von den anderen getröstet

Morgen müssen die Kinder Arbeiten in mehreren Fächern schreiben. Deshalb ist heute noch eine „Studierstunde“ anberaumt. Überwacht wird sie von Navrajs Bruder Nabin.

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„Studierstunde“

Ich verabschiede mich. Morgen früh komme ich wieder. Menuka und ich haben ausgemacht, dass ich sie in die Schule begleiten darf. Ich freue mich darauf.

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Morgen darf ich Menuka in die Schule begleiten

Kathmandu, 11. Dezember 2016

Heute morgen ist es wieder Nabin, der Dienst hat. Die Kinder haben sich im Speisesaal versammelt und werden für die Schule gerichtet. Peinlich genau wird der Sitz der Schuluniform kontrolliert. Eincremen und Haare kämmen gehört ebenfalls zum morgendlichen Ritual, das ich nun schon kenne. Anschließend gehen wir gemeinsam zur Haltestelle.

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Die Kinder werden für die Schule gerichtet. Ein morgendliches Ritual

Busfahren ist für mich in Nepal immer wieder ein Vergnügen. Das gilt auch für Menukas Schulbus, in dem ich mitfahren darf. Wie es dem Fahrer gelingt, sein Gefährt durch den grauenvollen Verkehr zu manövrieren, wird für mich immer ein Rätsel bleiben. Eine ganz wichtige Aufgabe fällt dem Beifahrer zu, ohne den kein Bus unterwegs ist. Er steht meistens in der offenen Seitentür und navigiert seinen Fahrer mit Klopfzeichen auf die Karosse. Mir scheint, die Aufgabe des Copiloten ist noch verantwortungsvoller als die des Fahrers selbst. In den Überlandbussen ist der Beifahrer gleichzeitig Kassier, Platzanweiser und Steward. Er muss auch die Einhaltung der Pausenzeiten überwachen, trommelt danach die Fahrgäste zusammen und zählt sie ab. Wie mir unser Beifahrer erzählt, ist er Angestellter der Schule.

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Unsere gemeinsame Busfahrt ist für mich ein Vergnügen

Freundlichst werde ich in der S.E.B.-School von dem Schulleiter und den Lehrern begrüßt. Wie mir einer der Lehrer berichtet, hat die Schule 612 Schüler in 23 Klassen. Auch hier fühle ich mich an meine Militärzeit erinnert. Die Kinder sind beim Morgenapell „in Reihe“ angetreten, fein säuberlich nach Klassen getrennt. Der Schulleiter gibt die Instruktionen für die heutigen Tests aus. Zuvor haben die Kinder ihr gemeinsames Morgengebet gesprochen („Oh God Almighty! Give us power, grace us knowledge to read and write, help us always to be good and truthful children, bless my mam and dad  all who dear ones, defend my country from evils. Thank you Lord!“) und die Nationalhymne gesungen.

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Gemeinsames Morgengebet und Singen der Nationalhymne: „Wir sind hunderte von Blumen, eine Girlande – Nepali“

Ich darf ein Klassenfoto von Menukas Klasse machen und wünsche den Kindern viel Erfolg bei ihren heutigen Tests. Der Schulleiter lädt mich anschliessend zu einer Tasse Tee ein und lässt mir die „Himalayan Post“ bringen. Gastfreundschaft lernt man in Nepal!

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Die Klasse von Menuka…

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…fröhlich vor dem heutigen Test

Ich tauche ein in eine andere Welt. „Om mani padme hum“: unablässig dieses Mantra murmelnd und die Gebetsmühlen im Sockel des Bauwerks drehend, umkreisen junge und alte Tibeter den grossen Stupa von Bodnath. Es ist der größte in Nepal und mit 40 m Höhe auch einer der größten der Welt. Vermutlich wurde er schon im 6. Jahrhundert erbaut. Die Schäden, die das jüngste Erdbeben angerichtet hat, sind beseitigt.

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Der Stupa von Bodnath

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Ein Taxi hat mich nach Bodnath herausgebracht. „Klein Tibet“, wie es auch genannt wird, liegt 8 km entfernt am nordöstlichen Rand von Kathmandu. Es ist vor allem Wallfahrtsort für Buddhisten aus Nepals Hochgebirge, Tibet, Ladakh, Bhutan und Sikkim.

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„Om mani padme hum“

Meine Taxifahrt am Nachmittag zum Haus der Kinder gerät beinahe zur „Reise ohne Wiederkehr“. Nabin, mein Taxifahrer hat sich nach einer Straßensperrung hoffnungslos in den Hinterhöfen von Kathmandu verfahren. In den engen, verwinkelten Gassen gerät er ins Schwitzen und weiß letztlich nicht mehr vor und zurück. Er lädt drei junge Burschen ein, die uns aus der Sackgasse manövrieren.

Im Kinderhaus ist um 16 Uhr Studierstunde angesetzt. Charlotte, eine Praktikantin aus Kirchheim unter Teck fragt mich, ob ich mithelfen möchte. Mit Abishek, 9 Jahre und Hiralal, 10 Jahre löse ich Additions-, Subtraktions- und Multiplizieraufgaben. Ausserdem müssen die beiden aus Tausenderzahlen die entsprechenden Worte in Englisch bilden. Damit bin ich noch nicht überfordert.

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Mein Einsatz bei der „Studierstunde“ mit Abishek und Hiralal

Mein Taxifahrer wartet zwei Stunden auf mich und wäscht zwischenzeitlich im Hof des Kinderhauses sein Auto.

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Nabin, mein Taxifahrer ist ziemlich ins Schwitzen geraten

Abschied von Freunden, Montag, 12. Dezember 2016

Gestern waren es Navraj und seine Familie, die mir ihre aufrichtige Sympathie bekundet haben, als ich im Kinderhaus gegangen bin. Heute morgen fällt es mir schwer, Nabin Lebewohl zu sagen. Er war mir ein freundschaftlicher und zuverlässiger Begleiter. Ich habe ihn im Hotel zum Frühstück eingeladen. Er beschämt mich, als er mir zwei Geschenke überreicht. Seine Frau hat für mich Hausschuhe gestrickt und von Mithu, Haris Frau bekomme ich ein Stirnband, das sie gemacht hat. Am Tribhuvan Airport hängt mir Nabin den Khatag um. Er gibt mir mit dem Schal seine guten Wünsche und seinen Schutz mit auf den Weg. Hari hat mich bereits auf der Fahrt zum Flughafen von seinem Gosainkund Trek angerufen und mir einen guten Flug gewünscht. Es ist ein Abschied von Freunden, der mich berührt.

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Nabin hängt mir beim Abschied den Khatag um

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In den Haltplatten des Kaisers

Lothar wartet auf dem Parkplatz Kaisertal bereits auf uns. Wir freuen uns sehr darüber, dass er doch noch einmal zwei Tage dabei ist. 28 Jahre lang war er regelmäßiger Teilnehmer der Alpin-Kletterausfahrten der Sektion. Jetzt will er die Kletterschuhe endgültig an den Nagel hängen. Gemeinsam steigen wir sechs Teilnehmer ins Kaisertal hinauf, vorbei am Anton-Karg-Haus in Hinterbärenbad, der Alpenvereinshütte der Sektion Kufstein des Österreichischen Alpenvereins. Unser Domizil für die nächsten 5 Tage liegt 15 Gehminuten höher; das Hans-Berger-Haus (940 m), das den Naturfreunden gehört. Michael empfängt uns und weist uns die Kammern zu. Einige unserer Fachübungsleiter haben Stammgast-Status hier. Das ist ein Bonus für die ganze Truppe. Kurz nach uns treffen auch Klaus, Jochen, Jürgen und Volkhard ein.

Wir klettern uns warm in der „Weißen Spur“ am Wandsockel der Kleinen Halt. Die Mehrseillängenroute ersetzt dem Hans-Berger-Haus den Klettergarten. Für unsere Fachübungsleiter ist der erste Ausflug an den Fels eine gute Gelegenheit, Sicherheitsunterweisungen beim Bau von Standplätzen und beim Legen von Zwischensicherungen zu geben. Wir Teilnehmer können uns mit den Felsstrukturen vertraut machen.

Am Mittwoch gehen wir gemeinsam an die Ellmauer Halt. Klaus, Jochen, Matthias, Monika, Bodo und Lothar sind in „Max und Moritz“ (5) unterwegs. Jürgen, Volkhard, Michael und ich steigen den Leuchsweg (3+). Den Körperriss in der dritten Seillänge sind wir hörbar durchgeschrappt. Bloß Jürgen hat die ideale Begehungsform für dieses knifflige Kriechband gefunden. Am Freitag nehmen die meisten von unserer Truppe eine Auszeit. Jürgen, Jochen, Matthias und Monika sind an den Fels gegangen. Sie haben sich die Berliner Luft (5-) vorgenommen; eine Plattenkletterei mit sieben Seillängen am Westwandsockel der Gamshalt. Unter der Woche hat sich unser Kletterfreund Jürgen W. zu uns gesellt, der verletzungsbedingt beim Klettern passen muss. Er will es sich aber nicht nehmen lassen, ein paar Tage mit uns zu verbringen.

Der Donnerstag ist ohne Zweifel der Höhepunkt unserer Klettertage im Kaiser. Wir gehen an die Nordwest-Wand der Kleinen Halt. Jochen, Matthias und Volkhard nehmen die Plattendiretissima (5+) in Angriff. Jürgen und Klaus haben Bodo und mich für den Enzensperger Weg (3+) erwärmen können. Silvia, die Hüttenwirtin freut sich über unser Vorhaben. Es sei ein wahrer Klassiker (12 SL), der kaum mehr begangen werde. Sie verspricht uns eine „super Tour“. Schon allein der Zustieg dorthin ist eine alpine Bergfahrt für sich. Man sollte sich für den Nachmittag nichts mehr vornehmen, steht vielsagend im Führer. Wir sind deshalb früh gestartet und steigen mit Unterstützung unserer Stirnlampen weiter das Kaisertal hinauf. Zuverlässig findet Klaus den Zustieg vom Hohen Winkel zum Totensessel, einer Felsformation nördlich der Kleinen Halt. Eine düstere, steile Schlucht zieht zu ihm hinauf. Sie ist stark steinschlaggefährdet und wir müssen verdammt aufpassen. Über die Totensesselscharte mit ihrem versteckten Durchschlupf und anschließendes latschendurchsetztes Schrofengelände erreichen wir die Haltplatten und den Einstieg. Wegen eines Verhauers vor der Scharte haben wir Zeit verloren. Die eigentliche Route, die sich wie ein großes „Z“ in einem Rinnensystem durch die Wand zieht, ist Genuss pur. Wir finden bombenfesten Fels vor. Im oberen Drittel haben wir Sichtkontakt zu unseren drei Kameraden, die in der Vertikale der Plattendiretissima einen atemberaubenden Anblick bieten. Sie ist mit 27 Seillängen eine der längsten Kaisertouren und wurde erst 1968 durch die gewaltige 800 m hohe Plattenflucht gelegt. Trotz der geklebten Standhaken bleibt diese Tour ein ernstes Unternehmen. Nahezu gemeinsam kommen wir am Gipfel an und steigen über den Kaiserschützensteig hinunter zum Oberen Schärlinger Boden und in der Dämmerung weiter zurück zum Hans-Berger-Haus, das wir bei Einbruch der Dunkelheit erreichen. Silvia zürnt uns nicht, dass wir zu spät zum Abendessen kommen, denn sie kannte unsere Vorhaben und weiß um deren zeitliche Dimension.

Am Gipfel der Kleinen Halt
Am Gipfel der Kleinen Halt

„Die wilde Kaiserin“, so wird sie gerne genannt. Mit ihrem unkonventionellen und resoluten Regiment schafft sie eine besondere Bergsteigeratmosphäre auf dem Haus. Ganz selbstverständlich greift sie am Abend zur Gitarre, um mit uns den „Franze“ zu singen. Silvia legt Wert auf Kommunikation mit ihren Gästen; auch was deren Touren angeht. Dabei wird deutlich, dass sie weiß, von was sie spricht. Sie kennt die Kletterrouten nicht nur vom Hörensagen. So hat sie ziemlich verärgert über die Überheblichkeit zweier Kletterer reagiert, die am Freitag recht spät in die „Via Aqua“ an der Nordwestwand der Kleinen Halt eingestiegen sind und dabei großspurig erklärt haben, um 18 Uhr zurück zu sein und deshalb kein Bett zu brauchen. Dass dies nichts werden kann, rechnen wir uns aus, denn wir können den zögerlichen Fortschritt der Seilschaft an unserem Ruhetag von der Hütte aus gut beobachten. Als wir die Stirnlampen der Absteiger im Schärlinger Boden sehen, ist es längst Nacht geworden. Dabei hatten die Jungs noch großes Glück. Ein heftiges Gewitter, das von Kufstein hereingezogen ist, hat sie verschont.
Diese Route (7-) mit 24 Seillängen anspruchsvoller Kletterei und teilweise langen „runouts“ lässt Jochen, Jürgen und Klaus keine Ruhe. Sie hängen sie am Samstag dran und berichten uns nicht ohne Stolz, dass sie die Hütte am Abend wie geplant kurz nach 18 Uhr wieder erreicht haben. Dafür gab es einen Schnaps von Silvia.

Die Teilnehmer/in der Kletterausfahrt (Lothar ist schon abgereist)
Die Teilnehmer/in der Kletterausfahrt (Lothar ist schon abgereist)

Ich bin raus

Ich schnalle den Tornister

„Wer reisen will,
Der schweig fein still,
Geh steten Schritt,
Nehm nicht viel mit,
Tret an am frühen Morgen,
Und lasse heim die Sorgen.“IMG_0621

Diesen Ratschlag des deutschen Schriftstellers Moscherosch habe ich auf einer Postmeilensäule aus dem Jahre 1736 im erzgebirgischen Oberwiesenthal gefunden. Auf meiner Wanderung ans Mittelmeer will ich mir seine Empfehlung zur Regel machen. Am 1. September schnalle ich den Tornister.

Mein Weg soll mich zunächst nach Augsburg führen und von da aus weiter in Richtung München. Irgendwo dort werden mich meine Freunde vom Alpenverein aufpicken und zum Klettern für ein paar Tage mit in den Wilden Kaiser nehmen. Über die Hohen Tauern will ich danach die Dolomiten ansteuern, um einen ihrer klassischen Höhenwege zu begehen. Das Ziel meiner Reise ist die Adria.

Über Etappenbegleitung würde ich mich freuen; sei es für einzelne Tage oder mehr, oder auch nur für ein paar Stunden. Um geneigten Mitwanderern den Anschluss zu erleichtern, will ich versuchen, diese am Verlauf meiner Reise teilhaben zu lassen.

1. September 2015. Oberstenfeld – Welzheim – 35 km

Es klingelt. Ich öffne. Draußen stehen Gerd und Reiner, zwei langjährige Freunde aus meiner Studentenzeit. Was sie vorhaben ist mir sofort klar. Sie haben ihre Rucksäcke auf dem Buckel. Ich bin gerührt. Wir sind in den letzten vier Jahrzehnten viele Kilometer zusammen gegangen. Dass sie mich auf meinen ersten Etappen begleiten wollen, freut mich besonders.

 

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Die Taktung stimmt bei uns immer noch. Das wird mir schon nach den ersten Kilometern klar, als wir die Burg Lichtenberg hinter uns lassen und hinunter in das Backnanger Becken ziehen. Am Horizont zeichnet sich der Welzheimer Wald ab. Dort wollen wir hin. Über Weissach im Tal zieht der Weg hinauf nach Mannenberg bis zur Haube (632 m). Dort genießen wir einen traumhaften Blick über das Murrtal hinter uns und die westlichen Ausläufer des Schwäbisch Fränkischen Waldes vor uns.

Im Westen braut sich etwas zusammen. Gewitter sind angekündigt und wir machen uns rasch auf den Weg hinunter nach Klaffenbach. Ohnehin gönnen wir uns unterwegs nur wenig Trinkpausen. Das zahlt sich aus, als wir uns auf den letzten Kilometern vor unserem Etappenziel noch verhauen. Schließlich sind es deshalb vierzig Kilometer geworden, die wir alle drei deutlich spüren, als wir im strömenden Regen Welzheim erreichen.

2. September 2015 – Welzheim – Bartholomä – 37 km

Eine eigentümliche Stimmung empfängt uns morgens am Ostkastell in Welzheim. Der erste Herbstnebel ist aufgezogen. Er umwabert die Mauern und Türme, die nur schemenhaft zu erkennen sind. Trotzdem wird uns bewusst, welches bedeutende archäologische Denkmal unsere nähere Heimat beherbergt.

Der Weg führt uns zunächst nach Alfdorf. Dort steigt Gerd aus. Er wird abgeholt. Reiner und ich steuern Schwäbisch Gmünd an und wir verlassen bei Wetzgau den Schwäbisch Fränkischen Wald. In Gmünd setzen wir uns auf dem sonnenüberfluteten Bahnhofsvorplatz vor ein Bistro und halten Mittagsrast. Beim anschließenden Gang durch die Innenstadt nehmen wir die Gartenschauatmosphäre auf, die die Stadt ausstrahlt.

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Vor uns erkennen wir den Albtrauf, den wir nach Bettringen ansteuern. Steil führt uns der Weiterweg hinauf zur Hochstraß.

Wir erreichen gegen 18 Uhr das Sport- und Bildungszentrum des Schwäbischen Turnerbundes in Bartholomä. Dort beziehen wir Quartier und freuen uns über die herzliche Gastlichkeit, die wir als Nichtseminaristen genießen dürfen. Das SBZ sei der richtige Ort, um den Kopf für das Wesentliche frei zu bekommen. So steht es im Hausprospekt. Wir können das unterstreichen.

3. September 2015 – Bartholomä – Giegen an der Brenz – 27 km

Das Prädikat „Eines der schönsten Trockentäler der Ostalb“ trägt das Wental zu Recht. Ich kann mich einmal mehr von der Einmaligkeit dieses Naturschutzgebiets überzeugen. Für viele Tier- und Pflanzenarten stellen die Magerweiden, Felsen, Höhlen, Wiesen und Wälder ein wertvolles Rückzugsgebiet dar. Wir sind am frühen Morgen dort allein.

Nach 12 Kilometern erreichen wir Steinheim am Albuch. Wir gönnen uns dort eine kurze Trinkpause  und steuern dann Heidenheim an. Die gefühlt unendlich lange Einfallstraße in die Stadt kostet uns einiges von unserer Moral. Wir sind deshalb froh, heute eine kürzere Etappe zu haben. Im Café Melange nehmen wir ein exellentes Chili con Carne.

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Break im Café Melange in Heidenheim
Nach 27 Kilometern erhalten wir im Lamm in Giegen an der Brenz Logis. Unser Zimmer liegt im ersten Stock. Reiner schlägt vor, den Aufzug zu nehmen. Ich willige sofort ein.

Für Reiner ist es der letzte Abend; er reist morgen mit dem Zug zurück. Schade. Die gemeinsamen Tage mit ihm habe ich sehr genossen. Ich glaube, er hat das auch.

4. September 2015 – Giengen an der Brenz – Markt Aislingen – 28 km 

Ich bin allein. Reiner hat am Bahnhof eine Fahrkarte nach Marbach gelöst und begleitet mich noch ein Stück die Brenz hinunter. In Gerschweiler trennen wir uns und er geht zurück. Sein Zug fährt um 9.32 Uhr. Reiner hätte mir gerne noch weiter Gesellschaft geleistet, aber am Wochenende warten auf ihn familiäre Verpflichtungen. Wir versichern uns gegenseitig, dass dies nicht unsere letzte gemeinsame Tour gewesen ist.

Mich zieht es nun an die Donau. Zunächst erlebe ich noch den spröden Charme der Ostalb. Schafweiden, durchsetzt mit Wachholder wechseln sich mit Wäldern und Feldern ab. Zur Donau hin verändert die Landschaft ihr Gesicht. Sie ist weitgehend ausgeräumt; die Ackerflächen sind riesig. Die Maisernte ist in vollem Gange. (Später lese ich in der Donauzeitung, dass den Landwirten der zu trockene Mais bei der Silierung große Probleme bereitet). Mächtig sind die Traktoren, die mir begegnen. Nicht von ungefähr wird sich Same – Deutz- Fahr hier niedergelassen haben. In Lauingen scheint der Landmaschinenhersteller einer der größten Arbeitgeber zu sein. Gerade ist ein neues Traktorenwerk im Entstehen.

Beim Italiener im Salzstadel gibt es vorzügliche Spaghetti mit Meeresfrüchten. Kurz bevor er über Mittag schließt, kann ich im einzigen Buchladen von Lauingen noch eine Wanderkarte erstehen. Das 50.000er Kartenblatt deckt meine weitere Route bis Augsburg ab. Die Stadt ist nicht mehr weit. Vielleicht schaffe ich es bis Sonntag.

Ich überquere die Donau. Meine Route muss ich leicht ändern und nach Westen abweichen, denn die Unterkünfte sind im Donauried spärlich gesät. Kaddy hilft mir aus der Ferne und bucht für mich ein Quartier in Aislingen. Der Marktflecken liegt bereits im Naturpark „Augsburg – Westliche Wälder“.

In Lauingen quere ich die Donau
In Lauingen quere ich die Donau

5. September 2015 – Markt Aislingen – Aystetten – 33 km

Die alte Wirtin im Adler von Aislingen hat mir zum Abendessen ein vorzügliches Rindsgulasch mit Semmelknödel und Salat zubereitet. Ich bin der einzige Übernachtungsgast. Beim Frühstück setzt sie sich zu mir an den Tisch. Sie interessiert sich sehr für meinen Reiseplan und erzählt mir von einem anderen Gast, der jedes Jahr von Stuttgart nach München wandert und immer bei ihr einkehrt. Bei mir darf sie das nicht erwarten. Ich glaube nicht, dass ich mein Vorhaben jedes Jahr wiederhole. Als ich ihr meine Wanderroute für den heutigen Tag erläutere, die sich wie immer an der Luftlinie orientiert, rät mir die Wirtin in ihrem donauschwäbischen Dialekt davon ab. „Noi, noi, so laufet Se aber net, do miaset Se jo da Berg nauf“. Ich werde ihre Empfehlung ignorieren und freue mich trotzdem über die Fürsorglichkeit.

Der Naturpark nimmt mich auf. Von der Wallanlage bei Aislingen blicke ich zurück auf das Donauried. Es liegt vor mir hingebreitet mit dem Albrand, der es im Norden begrenzt. Ein wunderbarer Tag mit angenehmen Temperaturen erwartet mich.

Vor mir liegt hingebreitet das Donauried
Vor mir liegt hingebreitet das Donauried

Ich nehme den Wallfahrtsweg nach Violau. Dort setze ich mich still hinten in die Kirche St. Michael, erfreue mich an der barocken Pracht und mache meine Reisenotizen. Danach setze ich meine Reise auf dem Wallfahrtsweg fort.

Die Wallfahrtskirche St. Michael in Violau
Die Wallfahrtskirche St. Michael in Violau

 

Ich erfreue mich an der barocken Pracht
Ich erfreue mich an der barocken Pracht

Über mir spannt sich ein weißblauer Himmel wie aus dem Bilderbuch. Vor einer Mittagsrast in Reutern überquere ich bei Unterschöneberg die Zusam. Adelsried erreiche ich gegen alle Erwartungen schon am frühen Nachmittag und beschließe deshalb, noch 6 Kilometer nach Aystetten weiter zu gehen. Dieses Mal hilft mir Gernot bei der Quartiersuche. Über eine im Bau befindliche Grünbrücke quere ich die A 8. Unter mir dröhnt der Verkehr.

Der Rauhe Forst empfängt mich und ich gelange zu einem Ort mit dem geheimnisvollen Namen „Blutiger Herrgott“. Mich schaudert, als ich seine Geschichte erfahre und mache, dass ich weiterkomme. Vor 200 Jahren soll hier ein Rudel Wölfe eine Bäuerin und deren kleines Mädchen zerrissen haben.

Mich erwartet ein schauriger Ort
Mich erwartet ein schauriger Ort

Morgen nehme ich mir frei. Ich stehe schon vor den Toren von Augsburg. Drei Stunden dürften es bis dort hin noch sein. In der Jugendherberge „Sleps“ buche ich mir online ein Zimmer. Ich freue mich auf die Fuggerstadt und einen faulen halben Tag.

6. September 2015 – Aystetten – Augsburg – 12 km

Gemütlich trotte ich die 12 Kilometer in die Metropole von Bayerisch-Schwaben hinein; die Hände tief in den Taschen vergraben. Es ist sehr frisch, aber trocken. Geregnet hat es nur in der Nacht. Ich steuere den Hauptbahnhof an und hoffe, dort eine Wanderkarte für meine weitere Route in Richtung München zu finden. Heute, am Sonntag ist der Bahnhofspresseladen meine einzige Chance.

Fuggerstadt Augsburg
Fuggerstadt Augsburg

7. September 2015 – Augsburg – Odelzhausen – 27 km

In Friedberg nehme ich Tempo raus. Das Radwegeschild „Odelzhausen 19 km“ sagt mir, dass ich meine heutige Etappe hinsichtlich ihrer Länge überschätzt habe. Allenfalls 27 km dürften es in Summe sein. Mir steht nur eine 75.000er Radwanderkarte zur Verfügung. Da kann man sich bei der Streckenermittlung leicht vertun. Ich will mir also Zeit lassen. In Eurasburg gönne ich mir in einer Metzgerei bei Weißwurst, Brez´n und Radler eine ausgiebige Pause. Ich merke auf meiner Reise, wie sich die Speisekarte von Region zu Region ändert. „Deftig“ ist in Bayern angesagt.

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„Deftig“ ist in Bayern angesagt
Als ich in Unterumbach kurz vor Odelzhausen aus dem Wald hinaustrete, sehe ich am Horizont schemenhaft die Berge – ein erhebendes Gefühl.

8. September 2015

Ich sitze bereits um 7 Uhr auf meinem Rucksack mitten auf dem Marktplatz in Odelzhausen. Ein paar Minuten später holen mich Bodo, Matthias, Michael und Monika ab und nehmen mich mit nach Kufstein. Ich habe im Lamm ziemlich „anonym“ übernachtet. Die Gaststätte hatte am Montag Ruhetag und ich musste den Schlüssel in der benachbarten Metzgerei abholen. Am Morgen war auch noch keiner von den Wirtsleuten da und ich habe den Schlüssel wieder im Laden abgegeben und dort die Rechnung bezahlt.

In Kufstein steigen wir vom Parkplatz Kaisertal hinauf zum Hans-Berger-Haus (936 m), unserem Basislager für die nächsten fünf Tage. Dort werden wir mit unseren anderen Kletterfreunden zusammentreffen.

Kufstein
Kufstein

12. September 2015 – Kufstein – Westendorf – 18 km

9:45 Uhr, Parkplatz Kaisertal. Gernot wartet schon. Wir umarmen uns. Dass er mich die nächsten drei Tage begleiten wird, erfüllt mich mit Stolz. Wir werden eine schöne Zeit zusammen haben. Eine solche liegt auch hinter mir. Es war für mich nie eine Frage, dass ich meine Wanderung ans Mittelmeer für die Kletterausfahrt meiner Alpenvereinssektion unterbreche. Seit vielen Jahren ist sie ein fester Termin im Kalender. Freundschaften haben sich unter uns Kletterkameraden gebildet. So etwas stellt man nicht zur Disposition.

Wir haben uns in den Felswänden der Kleinen Halt (2.116 m) und der Gamshalt (2.291 m) in klassischen Routen betätigt. („Tornistermann“ wird darüber berichten).

Herzlich fällt der Abschied von den Kletterfreunden aus. Sie reisen zurück. Gernot und ich sortieren unsere Ausrüstung in aller Ruhe. Aus dem Zentrum von Kufstein wandern wir hinaus ins Tal der Weißach. Der Weiterweg an der Felbertauernstraße ist kein Höhepunkt, der uns in guter Erinnerung bleiben wird. Der Rückreiseverkehr ist erheblich und wir müssen 12 Kilometer bis Stegen weitgehend auf dem Seitenstreifen der Straße zurücklegen. Und doch erleben wir etwas ganz Besonderes. Bei einem kurzen Abstecher durch den Wald stoßen wir auf eine Schlange, die gerade dabei ist, einen Frosch zu verschlingen. Dass wir bei diesem Naturphänomen live dabei sein dürfen, lässt uns die Erschwernisse auf der ersten Etappe rasch vergessen.

Naturereignis am Wegesrand
Wer kennt diese Schlange?

Von Hochsöll schweben wir mit der Seilbahn hinauf auf den Gipfel der Hohen Salve (1.829 m). Dort setzen wir uns bei traumhafter Föhnlage neben das Salvenkirchlein. Die Plakate der Tourismusgemeinschaft an der Talstation haben uns Superlative versprochen. „Höchstgelegene Kirche Österreichs“ und „Schönster Ausblick von Tirol“ stand dort zu lesen. Ersteres können wir nicht nachprüfen. Das zweite glauben wir sofort. Vor unseren Augen reihen sich die Gipfel des Alpenhauptkammes am wolkenlosen Horizont. Die Eisriesen der Hohen Tauern sind es, die unsere Blicke magisch anziehen. Dort will ich hin. Hinter uns im Norden steht die imposante Kalkmauer des Wilden Kaiser. Dort komme ich her.

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Am Horizont die Hohen Tauern
Lange verweilen dürfen wir nicht, wenn wir die letzte Talfahrt nicht verpassen wollen. Es ist kurz vor 17 Uhr und im Gipfelrestaurant haben bereits die Aufräumarbeiten begonnen.

Gegen 19 Uhr betreten wir die Gaststube beim Lendwirt im Windauer Aachental. Einen lustigen Abend verbringen wir mit den Lokalmatadoren am Stammtisch. Natürlich werde ich genauestens nach meinem Vorhaben befragt. Die Reaktionen reichen von neidvoller Bewunderung über ziemliches Unverständnis bis hin zu totaler Ablehnung. Mit großem innerlichem Vergnügen nehme ich es hin.

13. September 2015 – Westendorf – Wald im Pinzgau – 24 km

Bei herrlichem Föhn wandern wir das Windauer Aachental hinauf zur Filzenscharte (1.686 m). Mountainbikes begleiten uns. Wir haben alle das gleiche Ziel. Im Talschluss steilt der Weg auf. Oben empfängt uns ein Hochmoor und von dort aus blicken wir hinab ins Pinzgau. Die Scharte scheidet heute auch das Wetter. Dunkle drohende Wolken hängen über den Hohen Tauern. Ein heftiger Südwind empfängt uns. Der Bauer auf der Sonntagsalm, in der wir einkehren, gibt uns einen zutreffenden Wetterbericht. „Der Föhn lasst aus. Vielleicht lasst er aber au net aus“, lautet seine Prognose. Er wird wohl recht behalten.

Am Nachbartisch sitzen zwei Engländer aus York, die ich nach dem Zweck ihres merkwürdigen Gepäcks frage. Die beiden sind Fliegenfischer und gehen auf Forellen und Saiblinge im Filzbach. Wie sie uns erzählen, gehen sie in ganz Europa ihrem Hobby nach. Später können wir beim Abstieg beobachten, wie elegant und geschickt sie mit ihren langen Angelruten umgehen. David berichtet uns stolz, dass er heute bereits 140 Fische gefangen hat. Behälter für ihre Beute suchen wir vergebens. Meine Frage, ob sie die gefangenen Fische auch essen, verneinen die beiden ganz entrüstet.

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David aus York ist stolz auf seinen Fang
David aus York ist stolz auf seinen Fang

Diese kleinen Begegnungen sind es, die neben den landschaftlichen Höhepunkten meine Reise so wertvoll machen. Wir holen eine kleine Wandergruppe ein, die von einem Einheimischen mit Lederhose und Knotenstock begleitet wird. Auch er fragt nach meinem Weiterweg. Als ich ihm Auskunft gebe, schlägt er mir auf die Schulter und ruft begeistert aus: „Super, ich komme mit!“

14. September 2015 – Rechtegg (Wald i.P.) – Krimmler Tauernhaus – 7 Stunden Gehzeit

Die junge Wirtin vom Gasthof Rechtegg hat mir gestern abend ihren Laptop zur Verfügung gestellt, damit ich an meinem Reisetagebuch schreiben kann. Ein feiner Zug von ihr. Mir kommt das Reisegebet von Seume in den Sinn, der sich 1801 gewünscht hat, ihm mögen „billige, freundliche Wirte und höfliche Torschreiber von Leipzig bis Syrakus beschieden sein“. Ich kann mich bisher über die Gastfreundschaft meiner Wirtsleute nicht beklagen. Während ich an meinem Blog arbeitete, hat sich Gernot gemeinsam mit anderen Gästen und dem Wirt die Zeit mit einer Lokalwette vertrieben. Es ging um die völlig unbedeutende Frage, wieviel Liter eine überdimensionale Blumenvase auf der Fensterbank wohl fasst. Da wurde geschätzt, behauptet und geraten. Ein Messbecher aus der Küche musste her und brachte letzte Gewissheit. Wer die Wette gewonnen hat, weiß ich nicht. Mir ist nur der feine Marillenbrand in guter Erinnerung, den der Wirt für die Gaudi ausgegeben hat.

Es wird geschaetzt, geraten und behauptet
Es wird geschaetzt, geraten und behauptet

Der Abschied von Gernot fällt mir heute morgen schwer. Wir hatten erfüllte Tage zusammen. Die Vater-Sohn-Partie hat uns beiden gut getan. Nach einem kurzen Frühstück steigt er rasch hinunter ins Tal, um seinen Bus um 9:09 Uhr zu erreichen, der ihn nach Zell am See bringt. Von dort aus kommt er mit der Bahn zurück nach Kufstein. Wir haben die Nachrichten verfolgt und hoffen, dass er trotz der neuen Grenzkontrollen zügig nach Hause gelangt.

Ich bin wieder allein, aber nur für kurze Zeit. Reiner, der mich auf den ersten Etappen meiner Fernwanderung begleitet hat, verbringt den Urlaub mit Helga und mit Freunden im Zillertal. Wir haben vereinbart, uns zu treffen. Bei den Wasserwelten an den Krimmler Wasserfällen kommen wir zusammen. Sie gehören mit 380 m Fallhöhe zu den höchsten Wasserfällen der Welt. Gemeinsam steigen wir hinauf ins Tal der Krimmler Ache und halten auf der Söllnalm Einkehr. Danach trennen sich unsere Wege wieder.

Reiner, Helga und ihre Freunde steigen mit mir das Krimmler Achetal hinauf
Reiner, Helga und ihre Freunde steigen mit mir das Krimmler Achetal hinauf

Die Freunde kehren zurück nach Mayrhofen und ich steuere mein Tagesziel an, in dem ich Quartier nehme, das Krimmler Tauernhaus. Das Haus ist ein Mythos. Ehrfürchtig sitze ich in der alten Stube, die in ihrem Bestand seit dem Bau des Hauses vor mehr als 600 Jahren unverändert geblieben ist. Die Krimmler Tauern bilden seit ewigen Zeiten einen Übergang aus dem Süden.

Das Krimmler Tauernhaus ist ein Mythos
Das Krimmler Tauernhaus ist ein Mythos

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Draußen regnet es ohne Unterlass. Der Föhn ist zusammengebrochen.

15. September 2015 – Krimmler Tauernhaus – Kasern – 6 Stunden Gehzeit

11:45 Uhr, Krimmler Tauern, 2.624 m. Ein eisiger Wind bläst hier oben und reißt mir die Mütze vom Kopf. Ich bin vom Krimmler Achental über eine weitere 150 m hohe Steilstufe in das Windbachtal hinaufgestiegen und befinde mich in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern. Es gibt zwei Übergänge ins Ahrntal. Ich habe mich für den althergebrachten über die Krimmler Tauern entschieden. Der Pfad ist nur mäßig steil und sein Ausbauzustand lässt darauf schließen, dass er früher mit Tragetieren begangen worden ist. Ein typischer Säumerweg eben. In der Scharte überschreite ich die Landesgrenze zu Italien und steige zügig hinunter ins Südtiroler Ahrntal.

Ich befinde mich in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern
Ich befinde mich in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern

In der Adleralm will ich Einkehr halten. Aus einem zeltartigen Anbau ertönt Musik. Drinnen steppt der Bär. Ein Alleinunterhalter spult sein Animationsprogramm ab. Es wird gesungen und geschunkelt. Hier bin ich verkehrt. Ich ergreife die Flucht.

Kurze Zeit später kündet ein kleines Schild vom „Jägerstüble“, abseits des Weges. Ich wage der Versuch und gelange zu Thomas und Beatrice. Die beiden bewirtschaften eine kleine Jausenstation, die nur aus einem Raum besteht. Ich sitze quasi in der Küche und lasse mir Tiroler Knödel mit Krautsalat servieren. Thomas hilft mir mit Informationen weiter. Die Übergänge, die ich bis Toblach nehmen muss, sind mir nämlich noch nicht ganz klar. Nach den Auskünften, die ich erhalte, werde ich versuchen müssen, ins Antholzer Tal zu gelangen. Davor steht der Übergang ins Reintal. Dann sehen wir weiter. Leider steht mir bisher kein geeignetes Kartenmaterial zur Verfügung. Zu kaufen gibt es hier oben nichts. Ich muss mich vorerst mit den Auslagen aus dem Tourismusbüro behelfen.

Thomas und Beatrice bewirtschaften das Jaegerstueble
Thomas und Beatrice bewirtschaften das Jaegerstueble

Die Quartiersuche gestaltet sich ebenfalls ein bisschen schwierig. Im Gasthof „Stern“ in Kasern komme ich doch noch unter. Ich muss aber auf Igor, den Wirt, warten. Er war Pilze sammeln und zeigt mir stolz seine Ausbeute, ein ganzer Rucksack voller Pfifferlinge. Es gibt davon abends zu Saltim Bocca.

Zu einer Karte komme ich am Abend doch noch. Eine ältere Dame, ebenfalls Gast des Hauses, verkauft mir freundlicherweise ihre. Es ist ein 25.000er Kartenblatt des militärgeografischen Instituts, das meinen Weiterweg über das Riesenfernergebirge bis ins Antholzer Tal abdeckt. Damit bin ich bestens ausgerüstet.

16. September 2015 – Kasern – Rein in Taufers – 7 Stunden Gehzeit

Mein Wirt Igor hat Recht behalten. Es ist heute trocken geblieben, obwohl den ganzen Tag dicke Wolkenpakete drohend über den Bergen hingen. Ich bin aus dem Ahrntal über das Ochsental zur Weißen Wand (2.517 m) hinauf gestiegen. Sie bildet den Übergang ins Reintal, das mir bisher nicht einmal dem Namen nach bekannt gewesen ist. Es ist ein Seitental des Tauferer Tals.

Die Bauern sind schon dabei, die Weidezäune abzubauen. Das meiste Vieh ist bereits im Tal.

Rein in Taufers
Rein in Taufers

17. September 2015 – Rein in Taufers – Riesenfernerhütte (2.792 m) – Antholz – 7 Stunden Gehzeit

Der Wirt von der Riesenfernerhütte rät mir, heute noch nach Antholz abzusteigen. „I weiß net, ob du morgen noch runterkommst. Wir haben mit Neuschnee zu rechnen“. Da muss ich nicht lange überlegen. Es ist 14:30 Uhr. Die 1.500 Höhenmeter müsste ich bis 17:00 Uhr schaffen. Ich raffe meine Sachen zusammen, verabschiede mich und mache mich nach der kurzen Rast gleich wieder an den Abstieg.

Den wenigen Gästen, die auf meiner Aufstiegsroute durch das Gelltal absteigen wollen, hat der Wirt dringend davon abgeraten. Sie ignorierten ihn und gingen trotzdem. Er erläutert mir den Grund seiner Bedenken. Über der Riesenfernergruppe westlich der Hütte ist vor einer Stunde ein Gewitter, begleitet von heftigem Regen niedergegangen. Der Wirt zeigt auf die Wasserfälle an der Schwarzen Wand (3.105 m). Sie haben ihre Farbe gewechselt. Nicht mehr weiß, sondern schmutzig braun sind sie geworden. Sie speisen den Bach im Gelltal. „Da musst du jetzt mit Muren rechnen“, erklärt mir den Wirt. „Dann weißt du nicht, ob du noch über den Bach kommst“.

Ich bin froh, dass ich schon oben bin. Der Aufstieg war kein Spaß. Im letzten Drittel habe ich die Ausläufer des Gewitters hautnah zu spüren bekommen. Heftige Windböen nahmen mir den Atem. Ich musste mich ihnen entgegenstemmen. Ein eiskalter Regen kühlte mich schneller herunter, als mir lieb war.

Schaurig ist es auf der Riesenfernerhuette
Schaurig ist es auf der Riesenfernerhuette

Meine Zeitrechnung geht auf. Um 17:00 Uhr laufe ich in Antholz-Mittertal ein. Im Gasthof Brugger nehme ich Quartier.

18. September 2015 – Antholz-Mittertal – Unterrasen – 10 km

Ich ändere meine Reiseroute wetterbedingt leicht ab. Heute morgen ist es gewittrig schwül. Immer wieder schauert es. Da muss ich den Weg über die Grüblscharte (2.394 m) ins Gsieser Tal nicht haben.

Gewittrig schwuel ist es in Antholz-Mittertal
Gewittrig schwül ist es in Antholz-Mittertal

Ich wandere deshalb 10 Kilometer das Antholzer Tal nach Unterrasen hinab. Ohnehin steht mir nur ein halber Tag zur Verfügung. Ich habe heute morgen im Frisörsalon „Haar genau“ einen wichtigen Termin. Im Tourismusbüro habe ich an meinem Reisetagebuch gearbeitet. Patrick, der Praktikant war sehr hilfsbereit. Er hat mir den Büroarbeitsplatz seiner Kollegin mit PC und Internetanschluss zur Verfügung gestellt.

Von Unterrasen aus hoffe ich, morgen über den Fernwanderweg E 10 nach Toblach zu gelangen, dem Ausgangspunkt meiner Dolomitenetappen. Wieder ist die Quartiersuche nicht ganz einfach. Die Gasthöfe haben entweder Ruhetag, sind belegt oder haben die Saison bereits beendet. Ein freundlicher älterer Mann ersetzt mir das Tourismusbüro. Er zeigt mir einen Bauernhof, der Ferienwohnungen vermietet. Dort klappt es. Ich treffe meinen Cicerone noch zweimal und habe den Eindruck, er freut sich genau so wie ich, dass ich gut untergekommen bin.

Der Mann mit seiner Ape ersetzt mir das Tourismusbuero
Der Mann mit seiner Ape ersetzt mir das Tourismusbüro

Im Jochelehof verbringe ich einen erholsamen Nachmittag auf der Veranda vor dem Haus. Ich habe meine Wäsche gewaschen und zum Trocknen aufgehängt. Das Wetter hat sich deutlich gebessert. Zu meiner Brotzeit, die ich mir im Laden nebenan gekauft habe, bringt mir Albine, die Bäuerin einen Krug Wein. So lässt sich das aushalten.

19. September 2015 – Unterrasen – Toblach – 7 Stunden Gehzeit

Kaltstart am Morgen. Gleich 300 Höhenmeter muss ich vom Hof aus den steilen Bergwald hinauf. Kein Problem: Albine hat mir ein Frühstück gebracht, das für zwei gereicht hätte.

Im Jochelehof werde ich von Albine herzlich umsorgt
Im Jochelehof werde ich von Albine herzlich umsorgt

Nach gut einer Stunde trete ich oberhalb von Taisten aus dem Tschochenwald hinaus und mir bietet sich ein überwältigender Anblick: die Dolomiten im Morgenlicht. Ihre Gipfel und Türme präsentieren sich in einem milchigen Blau. Das ist der Augenblick, auf den ich mich lange gefreut habe.

Die Gipfel und Tuerme praesentieren sich in einem milchigen Blau
Die Gipfel und Türme präsentieren sich in einem milchigen Blau

Ich steige hinunter nach Taisten und weiter nach Welsberg am Eingang des Gsieser Tals. Jetzt muss ich mich entscheiden: Nehme ich den Radweg im Tal oder steige ich erneut eine Etage höher zum Römerweg, einem Teilstück des E 10, der auch nach Toblach führt. Ich wähle letzteres und hadere danach mit meiner Entscheidung, weil ich mich und meinen schweren Rucksack wieder 300 Höhenmeter hinauf buckeln muss. Oben werde ich entschädigt. Ich bin nicht nur dem Verkehrslärm im Tal der Rienz entflohen, sondern kann auch den unverstellten Blick auf die prachtvolle Kulisse der Dolomiten genießen.

In Niederdorf, das ich nach 5 Stunden Gehzeit erreiche, wird mir wieder bewusst, dass meine schweren Bergstiefel für Streckenwanderungen nicht die richtige Fußbekleidung sind. Ich ziehe sie aus und stelle mich mitten auf dem Marktplatz in den Brunnen. Was die Leute denken, ist mir egal. Der Zweck heiligt die Mittel. Meine linke Wade macht mir Sorgen. Die letzte Strecke nach Toblach lege ich in meinen Sandalen zurück.

Der Zweck heiligt die Mittel
Der Zweck heiligt die Mittel

Die Jugendherberge, in der mich Kaddy eingebucht hat, ist Teil des ehemaligen Grand Hotels; ein faszinierender Gebäudekomplex. Zu ihm gehören neben der Jugendherberge das Festspielhaus, das Naturparkzentrum und die Musikakademie. Über dem Ganzen wächst aus dem Bergwald die Kulisse des Haunold (2.943 m) heraus.

Das Grand Hotel - die Jugendherberge von Toblach
Das Grand Hotel – die Jugendherberge von Toblach

Beim Abendessen sind wir international besetzt. Meine Tischnachbarn sind zwei junge Physiotherapeuten aus Frankreich, die den Dolomitenhöhenweg Nr. 1 gemacht haben, zwei Paare aus Italien, die hier ihren Urlaub verbringen und ein holländischer Bergläufer, der morgen beim Misurina-Sky-Marathon startet. Wir stellen uns mit unseren Vornamen vor und haben viel Spaß zusammen.

Meine internationalen Tischnachbarn
Meine internationalen Tischnachbarn

20. September 2015 – Toblach – Plätzwiese – 6 Stunden Gehzeit

Heute gehe ich bei herrlichem Nordföhn auf der ersten Etappe meiner Traumroute – dem Dolomitenhöhenweg Nr. 3. Ein schönes Geburtstagsgeschenk. Die Alta Via 3 führt durch die östlichen Dolomiten.

Ich bin auf meiner Traumroute angekommen
Ich bin auf meiner Traumroute angekommen

Ich steige durch die Südflanke des Sueskofels steil nach Westen hoch. Im Tal ist es noch recht kalt. In der Nacht hat es gewittert und links und rechts des Weges liegen Graupelreste. Auf der aussichtsreichen Westschulter des Sarlkofel (2.280 m) mache ich eine erste Rast. Im Süden sehe ich das großartige Massiv des Dürrenstein. Rechts von ihm die nicht weniger eindrucksvolle Hohe Gaisl. Im Norden blinken die Gletscher der Zentralalpen und im Osten imponiert die Zackenreihe der Haunoldgruppe.

Der Weg durch die Geröllhalden unter den Nordwaenden des Duerrenstein ist etwas heikel. Stellenweise ist der Steig abgerutscht und ich muss mit dem schweren Rucksack ueber die labilen, steilen Schuttrinnen balancieren. Auch heute lege ich die letzte Strecke zur Plätzwiese wieder in meinen Sandalen zurück.

Die Passlandschaft der Plätzwiese mit ihren ausgedehnten kupierten Wiesen und den übermaechtig darüber aufragenden Massiven der Hohen Gaisl und des Monte Cristallo wird zu Recht als Juwel unter den Dolomitenübergängen bezeichnet. Ich bekomme im Berggasthaus einen Logenplatz zugewiesen und habe von meinem Balkon aus den direkten Blick auf die Felsgestalten.

Im Berggasthaus Plaetzwiese erhalte ich einen Logenplatz...
Im Berggasthaus Plätzwiese erhalte ich einen Logenplatz…

 

... mit direktem Blick auf die Hohe Gaisl
… mit direktem Blick auf die Hohe Gaisl

21. September 2015 – Plätzwiese – Misurina – 7 Stunden Gehzeit

Erneut muss ich heute meine Route neu justieren. Die Wirtsleute im Gasthof Plätzwiese haben mir empfohlen, im Rifugio Bosi, meinem nächsten Etappenziel in den Sextener Dolomiten, vorher anzurufen. Der dortige Hüttenwirt scheint nicht den besten Ruf zu genießen und, man sagt mir, die Öffnungszeiten seien von seiner Tagesform abhängig. Tatsächlich erhalte ich eine telefonische Absage. Er nimmt keine Übernachtungsgäste, basta. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sextener links liegen zu lassen und Misurina am gleichnamigen See anzusteuern.

Der Morgen ist herrlich klar, aber empfindlich kalt. Auf den Almwiesen liegt Rauhreif. Ich bin in kurzen Hosen gestartet und dabei bleibt es. Aber ich hole die Handschuhe raus und ziehe mir die Mütze über die Ohren. Von der Dürrensteinhütte steige ich auf einer alten Kriegsstraße, vorbei an der Ruine eines Sperrwerks, zum Strudelkopf (2.308 m) hoch. Ein Aussichtsbalkon erster Güte; der Abstecher hat sich gelohnt. Danach geht es durch das Helltal steil hinunter an die Rienz. Immer wieder werde ich beim Abstieg mit den Resten aus dem Dolomitenkrieg konfrontiert. Bunker, Stollenlöcher und betonierte Stellungen säumen den Weg.

Teilweise verlaeuft die Alta Via 3 auf alten Kriegssteigen
Teilweise verläuft die Alta Via 3 auf alten Kriegssteigen

Meine Blicke zieht jedoch etwas anderes an. Erstmals erblicke ich die Felsformation der Drei Zinnen, ein beeindruckendes Bauwerk der Natur.

Erstmals erblicke ich die Drei Zinnen
Die Drei Zinnen, ein beeindruckendes Bauwerk der Natur

Weniger erbaulich ist für mich, dass ich vom Dürrensee bis Misurina den Weg entlang der Staatsstraße nehmen muss. Gott sei Dank ist kaum Verkehr.

Misurina erlebe ich als reine Hotelansiedelung, aber um diese Jahreszeit ist hier wenig los. Einige Hotels und Läden haben bereits geschlossen. Ich kann die Bilderbuchlage und den Blick auf die Sorapisgruppe deshalb in vollen Zuegen geniessen.

Misurina
Misurina

22. September 2015 – Misurina – Cortina d’Ampezzpo – Gehzeit 5 Stunden

Die Sorapisgruppe im Morgenlicht
Die Sorapisgruppe im Morgenlicht

Auch die Vandellihütte hat die Saison bereits beendet. Ich beschließe deshalb, spätestens am Passo Tre Croci eine Entscheidung über meinen Weiterweg zu treffen. Dort komme ich gegen Viertel nach elf Uhr an. Eine Durchquerung der Sorapisgruppe kommt heute nicht mehr in Betracht. Selbst wenn ich bis zum Bivacco Slapater vorstoßen könnte, erscheint mir eine Übernachtung in der Biwakschachtel im Blick auf die Wetteraussichten für den morgigen Tag wenig erstrebenswert. Also, auf nach Cortina d’Ampezzo.

Ich erreiche Cortina d'Ampezzo.
Ich erreiche Cortina d’Ampezzo.

Auch diese Stadt pulsiert nur in der Saison. Jetzt wirkt sie leblos auf mich. Darüber kann auch der kleine Markt in einem Vorbezirk nicht hinwegtäuschen. Nur wenige Besucher schlendern durch die Gassen der Marktstände. Beim Vorbeigehen nehme ich den Geruch von gegrillten Hähnchen wahr. In vielen Appartmenthäusern und Hotels sind die Fensterläden geschlossen. Die Innenstadt hat entschleunigt, so scheint mir. Meine Orientierungsfragen werden bereitwillig beantwortet. Im Tourismusbüro bin ich einsamer Gast am Internetterminal.

Als Quartier habe ich mir die Baita Fraina ausgesucht. Das Haus im Apezzaner Stil liegt 3 Kilometer außerhalb von Cortina zwischen dem Berg Faloria und dem Golfplatz. Das familiengeführte Albergo strahlt auch innen eine angenehme Atmosphäre aus. Ich fühle mich gut aufgenommen. Das ist der richtige Platz, um den lange aufgeschobenen Ruhetag einzulegen.

23. September 2015 – Ruhetag

Heute morgen stelle ich fest, dass ich nicht nur den Ort, sondern auch den Zeitpunkt für meinen Ruhetag gut gewählt habe. Es regnet in Strömen. Ich leihe mir in der Baita einen Regenschirm aus und schlendere nach Cortina hinein.

Regenschirme dominieren das Strassenbild in Cortina
Regenschirme dominieren das Straßenbild in Cortina

Dort mache ich ein paar kleine Einkäufe und gönne mir einen Kaffeehausbesuch. Auf dem Rückweg stelle ich fest, dass es bis auf 1.500 Meter herunter geschneit hat. Ich hoffe, ich komme morgen problemlos zum Rifugio Venezia (1.946 m) am Monte Pelmo. Es hat geöffnet; ich werde erwartet.

Als ich meinen Rucksack gepackt habe, habe ich lange überlegt, ob ich im Blick auf das Gewicht auch Bücher mitnehmen soll. Schließlich habe ich mich für zwei entschieden. Eines hat mir Kaddy geschenkt: „Das Café am Rande der Welt“. Ich habe es bereits gelesen und dem Jochelehof in Unterrasen mit einer Widmung in den Bücherschrank gestellt. Seine Botschaft behalte ich: „Beschäftige dich nicht mit unnützen Dingen; konzentriere dich auf das, was dich erfüllt“. Ich will mich darin üben. Die Voraussetzungen dafür sind da.

Das zweite Buch wiegt mindestens ein Pfund und trotzdem bin ich an diesem fürchterlichen Regentag froh, dass ich es mitgeschleppt habe. Ein Kollege hat mir den Thriller „Der Hof“ von Simon Beckett zu meiner Verabschiedung geschenkt.

24. September 2015 – Cortina d’Ampezzo – Rifugio Venezia – 6 Stunden Gehzeit

Ich bin wieder in der Spur und freue mich darauf, weiter zu kommen, auch wenn sich der Morgen nicht von seiner besten Seite zeigt. Dunkle, schwere Wolken hängen in den verschneiten Bergen. Es nieselt, als ich von der Baita am Golfplatz vorbei nach Zuél di Sopra ins Tal der Boite hinuntersteige. Auf dem Radweg marschiere ich die 9 Kilometer nach San Vito die Cadore hinein. Von hier aus geht es über den kleinen Weiler Serdes auf einem steilen Waldweg wenig abwechslungsreich 1.000 Höhenmeter zur Hütte hinauf. Sie liegt am Fuße des Monte Pelmo (3.168 m).

Die Veneziahuette am Fusse des Monte Pelmo
Die Veneziahütte am Fuße des Monte Pelmo

Ich bin noch der einzige Gast. Nicole, die junge Hüttenwirtin stellt mir ihren Laptop für meinen Reisebericht zur Verfügung. Sie schaut sich meine Website an und erzählt mir, dass sie in Nepal mit Freunden dieselben Trekkingtouren gemacht hat wie ich. Ein munterer Erfahrungsaustausch über unsere Reiseerlebnisse entwickelt sich. Am späteren Nachmittag treffen noch Bernward und Rebekka ein. Die beiden, Vater und Tochter, kommen aus Hannover und haben eine Dolomitenrunde gedreht.

Mit Nicole tausche ich Reiseerlebnisse aus Nepal aus
Mit Nicole tausche ich Reiseerlebnisse aus Nepal aus

Draußen hat der Himmel seine Farbe verändert. Unter das schmutzige Grau hat sich ein zartes Blau gemischt und es hellt zunehmend auf. Ich habe die Chance, die als „besonders aussichtsreich“ beschriebene Route zum Passo Cibiana morgen genießen zu können.

Das laesst auf den morgigen Tag hoffen
Das lässt auf den morgigen Tag hoffen

25. September 2015 – Rifugio Venezia – Passo di Cibiana – 6 Stunden Gehzeit

„Genuss pur“, so lässt sich die heutige Etappe mit Fug und Recht beschreiben. Die Wolken sind weitgehend verschwunden. Nur am Antelao streichen weiße Schleier hartnäckig um den Gipfel. Der Monte Pelmo ist frei und seinen gewaltigen Ostabstürzen gehört mein tiefer Respekt. Immer wieder schaue ich zu ihm zurück.

Den gewaltigen Felswaenden des Monte Pelmo gehoert mein Respekt
Den gewaltigen Felswänden des Monte Pelmo gehört mein Respekt

Bald jedoch rücken im Süden neue Gebirgszüge in mein Blickfeld: Civetta, Moiazza, Prampèr Dolomiten und die Bosconero-Gruppe. Vom Rifugio Talmini steige ich zur Forcella di Val Inferna hinauf und von dort gelange ich zur Forcella Deona, die mich zum Messner Mountain Museum auf dem Monte Rite (2.183 m) führt. Auch wenn mir Sinn und Zweck des Bauwerks verborgen bleiben, hat sich sein Erbauer einen großartigen Platz für sein Denkmal ausgesucht. Vom begehbaren Dach des bunkerartigen Komplex ist die Gipfelschau grandios. Ich sehe hinüber zum Pelmo und Antelao, dazwischen der tiefe Einschnitt des Boitetals, aus dem ich gekommen bin. Im Süden beeindruckt die Bosconero-Gruppe, die ich morgen überschreiten will, um ins Tal der Piave zu gelangen.

Sinn und Zweck des Bauwerks erschliessen sich mir nicht
Sinn und Zweck des Bauwerks erschliessen sich mir nicht

 

Aber dafuer ist ein Museum in jedem Falle gut
Aber dafür ist ein Museum in jedem Falle gut

Auch ein Blickfang ist die Yakherde von Tomas, die am Monte Rite weidet. Später, im Rifugio Remauro treffe ich den Hirten wieder. Stolz erzählt er mir von seinen 50 Tieren, die ganzjährig im Freien bleiben. Spätestens in zwei Wochen wird er sie ins Tal treiben. Dort muss er dann zufüttern. Dass er das Fleisch seiner Tiere in den höchsten Tönen lobt, ist ihm nicht zu verdenken.

26. September 2015 – Passo di Cibiana – Ospitale di Cadore – 5 Stunden Gehzeit

Eine halbe Stunde verbringen der Wirt des Rifugio Remauro und ich beim Frühstück damit, eine Übernachtungsmöglichkeit für mich im Piavetal zu finden. Es will nicht gelingen. In Ospitale, dem ersten Ort, den ich nach dem Überschreiten der Bosconero-Gruppe erreichen werde, gibt es keine Gästebetten. In Longarone, meinem eigentlichen Etappenziel sind alle Hotelbetten wegen einer Laufveranstaltung ausgebucht. Also werde ich mit dem Bus direkt nach Belluno hineinfahren müssen.

Davor wartet aber noch ein Stück Arbeit auf mich. Vom Pass steige ich durch den angenehm kühlen Bergwald zu den steilen begrünten Geröllhalden unter den Nordwänden des Sfornoi und des Torre di Campestrin hinauf, bis ich die Forcella Bella (2.112 m) erreiche. Jenseits der Scharte geht es 1.500 Höhenmeter ins Piavetal hinunter. Bei Höhe 1.649 m stoße ich auf ein Idyll: das Bivacco Casera di Campestrin des italienischen Alpenvereins. Noch nie habe ich ein Biwak gesehen, das so perfekt ausgestattet und in Schuss ist. Hier liesse es sich aushalten. Das kleine Haus hat 12 Lager und ist komplett eingerichtet. Auch ein Espressokocher ist da. Im Schuppen nebenan findet sich ein stattlicher Holzvorrat. Hinter dem Häuschen sprudelt der Brunnen. Selbst ein Klo, eine Wäscheleine und der Fahnenmast fehlen nicht. Ich hatte schon schlechtere Rastplätze.

Ein Idyll - das Bivacco die Campestrin
Ein Idyll – das Bivacco die Campestrin

Weiter geht es über die Casera Valbona hinunter an den Fluss. Eine Viertelstunde, nachdem ich Ospitale erreicht habe, nimmt mich der Bus mit hinein nach Belluno. Im geschichtsträchtigen Albergo „Capello e Cadore“, im Herzen der Stadt, steige ich ab.

27. September 2015 – Belluno

Und plötzlich bin ich in einer anderen Welt. Ich habe die absolute Stille in den Bergen, die Schroffheit der Felsgestalten, die feuchte Kälte in den Talschluchten mit der angenehmen Wärme, dem mediterranen Flair und dem aufgeregten Pulsschlag dieser Stadt getauscht. Mit großem Vergnügen lasse ich mich darauf ein und gebe mich am heutigen Sonntag dem „dolce far niente“ hin.

Belluno empfaengt mich mit seinem mediterranen Flair
Belluno empfaengt mich mit seinem mediterranen Flair

28. September 2015 – Belluno – Valmorel – 7 Stunden Gehzeit (5 Std. eff.)

Von wegen Flachetappe. Dass es von Belluno entspannt in die Ebene hineingeht, darauf war ich programmiert. Beim Kartenstudium wurde ich schnell eines besseren belehrt. Ich hatte die Rechnung ohne die „Prealpi Vittorio Veneto“, die Venezianischen Voralpen gemacht. Vor meinem Etappenziel Vittorio Veneto in ca. 25 Kilometern Entfernung galt es, den Col Visentin (1.763 m) über die Forcella Zoppei (1.417 m) zu überwinden. Also standen mir erneut mehr als 1.000 Höhenmeter im Auf- und Abstieg bevor. Das ganze bei einem recht knappen Zeitbudget, denn ich hatte in Belluno noch eine Aufgabe zu erledigen.

Ich muss mich entlasten.  Sachen, die ich nicht mehr brauche, will ich nach Hause schicken: meine Klettersteigausrüstung, ein dickes, schweres Kartenpaket, das sich angesammelt hat und einige schmutzige Wäschestücke. Vom hilfsbereiten Hotelportier hatte ich mir einen Karton besorgt und trage diesen mit meinem Geraffel am Morgen hoffnungsvoll zur Post. Doch leider entspricht mein schöner Karton nicht den italienischen Postnormen. Zwei Postbeamtinnen bedauern es sehr, mich enttäuschen zu muessen. Sie bestehen darauf, das Umpacken in den vorschriftskonformen Behälter für mich vorzunehmen. Zu zweit sortieren sie mein Zeug einschliesslich meiner Schmutzwäsche penibel auf dem Tresen, ohne dabei im Geringsten die Haltung zu verlieren. Für meine Reise begeistern sie sich und fragen mich nach allen Details. Überhäuft mit guten Wünschen für mein weiteres Fortkommen verlasse ich die Post, überzeugt von der Dienstleistungsbereitschaft ihrer Beamtinnen. Um 9 Uhr überschreite ich die Piave und mache mich auf den Weg ins weitgehend autofreie Tal der Cicogna.

Meine Zuversicht, heute mein Etappenziel Vittorio Veneto zu erreichen, wird in der Bergflanke des Col Visentin zunichte gemacht. Der Fußpfad zu den beiden Almen Malgha Sotto i Sass und Malgha Zoppei, den meine Karte noch ausweist, ist verfallen und zugewachsen. Später bestätigen mir Einheimische, dass der Weg nicht mehr begehbar ist. Viele Almen in den Venezianischen Voralpen sind aufgegeben worden, so lese ich. Sicher gehören diese beiden auch dazu. Gut zwei Stunden hat mich der erfolglose Ausflug in den Steilhang gekostet. Ich trete den Rückzug an. Bleibt mir nur, morgen den Übergang weiter westlich über den Montegal zu finden.

Im Steilhang des Col Visentin trete ich den Rueckzug an
Im Steilhang des Col Visentin trete ich den Rückzug an

Heute kann ich nur noch bis Valmorel hinaufsteigen. In dem kleinen Bergnest steuere ich die Bar an und frage nach einer Unterkunft. Wieder erlebe ich eine Welle der Hilfsbereitschaft. Der Wirt stellt mir ein Stück Kuchen hin, greift zum Telefon und fragt verschiedene Adressen ab, bis er in einem „Agriturismo“ fündig wird. Eine ältere Dame lässt ihren Kaffee stehen und begleitet mich ein Stück, um mir den Weg zum Bauernhof zu zeigen.

29. September 2015 – Valmorel – Conegliano – 7 Stunden Gehzeit
Ich sehe die Adria. Ein unbeschreibliches Gefühl macht sich in mir breit, als ich um 10 Uhr am Pian delle Femene den Scheitelpunkt meiner heutigen Etappe erreiche. Vor mir liegt hingebreitet wie ein grüner Teppich das Veneto. Ein goldener Streifen am Horizont, das ist das Mittelmeer. Selbst die Lagune von Venedig ist gut auszumachen. Tief unter mir glitzert der Lago di Revine.

Ich sehe die Adria
Ich sehe die Adria

Nach dem gestrigen herben Rückschlag am Col Visentin hatte ich einen ziemlichen Motivationsverlust. In diesem Augenblick ist er wie weggeblasen. Mir standen heute auch wesentlich bessere Informationen zur Verfügung als gestern. Der Mann von Isabella, meiner Wirtin, hat mir den Weg über den Montegal zum Pian delle Femene ganz genau beschrieben. Mit meiner dürftigen Karte allein wäre ich ziemlich aufgeschmissen gewesen. Wegweiser sind wenig bis gar nicht vorhanden.

Jetzt läuft es wieder rund. Zunächst muss ich 1.000 Höhenmeter an den Lago hinunter. Ich bringe es ziemlich beschwingt hinter mich und peile Conegliano an.

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Der Lago di Revine. Da muss ich hinunter.
Unverkennbar bin ich im Süden angekommen. Es ist warm. Oliven, Feigen, Granatäpfel wachsen am Straßenrand. Weinberge ziehen sich die Hügel hinauf. Schilder weisen darauf hin, dass ich mich auf der Straße des Prosecco bewege. Die Venezianischen Hügel erinnern mich an das Landschaftsbild der Toscana.

Die Venezianischen Huegel erinnern mich an das Landschaftsbild der Toskana
Die Venezianischen Hügel erinnern mich an das Landschaftsbild der Toskana

In Conegliano, der Stadt der Kunst und des Weines habe ich meine Low-Budget-Linie verlassen. Ich residiere im Canon d’Oro, einem der ersten Häuser am Platz. Das Tourismusbüro hatte schon geschlossen und ich keine Lust mehr, lange herum zu suchen. In meinen abgestoßenen Trekkingklamotten und mit meinem speckigen Rucksack bin ich das Kontrastprogramm zu den anderen internationalen Gästen in ihren Businessanzügen mit den edlen Rollkoffern. Jedenfalls habe ich den erstklassigen Service des Hauses gerne genossen.

Conegliano, die Stadt der Kunst und des Weines
Conegliano, die Stadt der Kunst und des Weines

30. September 2015 – Conegliano – Ponte di Piave, Frazione Levada – 30 Kilometer

Heute mache ich Kilometer; mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge. Es ist topfeben, die Straßen meistens wie mit dem Lineal gezogen und ich brauche nicht viel denken. 5 Kilometer in der Stunde sind locker drin. Andererseits setzt die Gegend keinen landschaftlichen Reiz. Das Veneto ist total zersiedelt. Stadtstrukturen sind kaum zu erkennen. Die Landwirtschaft und vor allem der Weinbau dominieren. Ich stelle auch fest, dass sich meine Reise so langsam dem Ende zuneigt. Gerade mal 68 Kilometer sind es von Conegliano noch bis Lido di Jesolo.

Bewusst habe ich mich gegen Venedig als Endpunkt meiner Wanderung entschieden. In die Heerscharen, die täglich die Stadt fluten, muss ich mich nicht auch noch einreihen. Außerdem habe ich von anderen Fernwanderern gehört, dass vor der Lagunenstadt viele Kilometer durch Industriezonen zurückzulegen sind. Und – es sei mir gegönnt, ich möchte meinen Finger gerne in die Adria und nicht nur in die Lagune stecken.

Meine Karte endete in Ormelle. Alle Versuche, ein weiterführendes Blatt zu bekommen, waren ohne Erfolg. Weder im Bahnhof von Conegliano, noch in der Buchhandlung, bin ich fündig geworden. Der Angestellte im Buchladen zeigte mir stolz sein Kartenangebot, das die halbe Welt abdeckt. Selbst Kanada und die Türkei waren dabei. Nur das Naheliegende, das Veneto, das konnte er mir nicht anbieten. So musste ich mir selbst helfen und am Abend aus Google Maps die erforderlichen Skizzen anfertigen. Ich bin damit zu Recht gekommen.

Auch mein Agriturismo in Levada, ein wunderschönes Weingut habe ich letztlich gefunden. Es liegt weit außerhalb von Ponte di Piave in einem Stadtteil. Das hat mein erwartetes Tagespensum doch deutlich erhöht. Bewirtet werde ich wie ein König. Romina, die Hausherrin bekocht mich, als hätte ich seit Tagen nichts zu Essen bekommen.

In diesem wunderschoenen Weingut...
In diesem wunderschönen Weingut…

 

...werde ich von Ronina bekocht, als hatte ich seit Tagen nichts zu Essen bekommen
…werde ich von Romina bekocht, als hätte ich seit Tagen nichts zu Essen bekommen

1. Oktober 2015 – Levada – San donà di Piave – 17 Kilometer

Heute ist es kein schöner Gang. Gut die Hälfte der Strecke muss ich auf dem Seitenstreifen einer vielbefahrenen Schnellstraße zurücklegen. Ich fürchte, dies wird bis Jesolo nicht viel besser.

2. Oktober 2015 – San donà di Piave – Lido di Jesolo – 18 Kilometer

12:27 Uhr. Mein Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich stehe am Mittelmeer und gönne mir einen kleinen Luftsprung. Auf den Sprung in die Wellen verzichte ich. Die Probe mit dem Zeigefinger signalisiert mir: cirka 15 Grad.

Mein Traum ist in Erfuellung gegangen
Mein Traum ist in Erfüllung gegangen

Gestern habe ich festgestellt, dass ich mich jetzt nicht mehr einfach treiben lassen kann. Meine Rückreise will geplant sein. Christopher und Kaddy helfen mir dabei und buchen für mich einen Flug am Samstag. Ich beschloss, auch die letzte Nacht in San donà di Piave zu verbringen. Von hier aus komme ich mit dem Bus rasch zum Flughafen.

So konnte ich heute mit leichtem Gepäck die letzten 18 Kilometer ans Meer antreten. Meine Befürchtungen vom Vortag, wieder eine Menge Abgase schlucken zu müssen, haben sich zerstreut. Ich finde einen naturbelassenen Radweg, der mich zunächst an der türkisgrünen Piave entlang und aus San donà hinausführt.

Die Piave
Die Piave

Dann geht es auf fast autofreien Nebenstraßen monoton durch landwirtschaftliches Gebiet. Auffallend sind die vielen verlassenen und zu Ruinen verfallenen Gehöfte am Rande meines Weges. Sie waren sicher einmal der ganze Stolz ihrer Besitzer.

Sie waren einmal der Stolz ihrer Besitzer
Sie waren einmal der Stolz ihrer Besitzer

Die Pisten sind schnurgerade und sie enden am Horizont. Nur nicht darüber nachdenken.

Die schnurgeraden Strassen enden am Horizont
Die schnurgeraden Strassen enden am Horizont

In Lido di Jesolo wird mir auch nichts geschenkt. Zunächst muss ich die Versorgungszone der Badestadt mit ihren unzähligen Supermärkten, Tankstellen und den bekannten Fastfoodshops passieren. Es folgen hochverdichtete Appartementsiedlungen, bevor es übergeht in das Hotelareal. Mit zunehmender Nähe zum Strand nimmt auch die Anzahl der Sterne an den Häusern zu. Auf Grünzonen hat man verzichtet. Ich glaube nicht, dass ich hier Urlaub machen will.

Als ich auch die letzte bauliche Hürde genommen habe, sehe ich – nichts! Der Strand ist menschenleer. Lediglich die akkurat ausgerichteten Sonnenschirmständer künden vom vergangenen Badebetrieb. Ich finde nicht einmal jemand, der ein Foto von mir macht und helfe mir mit einem Selfie.

Der Strand ist menschenleer
Der Strand ist menschenleer

Der Bus bringt mich zurück nach San donà. Und wieder einmal ist es eine dieser ganz besonderen Begegnungen am Ende meiner Reise, die ich niemals vergessen werde. Da ich nicht in Eile bin, bummle ich gemächlich zum Hotel, vorbei an einem kleinen Straßenfest. Es gibt Spezialitäten aus der Emiglia Romagna. Biertischgarnituren sind aufgestellt. Ein junger Mann spricht mich an und fragt mich im Blick auf mein außergewöhnliches Outfit nach meinen Aktivitäten. Ich berichte ihm höflich von meiner Fußreise. Er zeigt Interesse daran und erzählt mir, dass er vor kurzem den Rhein und den Neckar mit dem Fahrrad bereist hat. Ihn interessieren die Menschen, die aus ganz besonderen Gründen in seine Stadt kommen. Andrea Cereser ist der Bürgermeister von San donà di Piave.

Meine Begegnung mit Andrea Cereser, dem Buergermeister von San donà di Piave...
Meine Begegnung mit Andrea Cereser, dem Bürgermeister von San donà di Piave…

 

...der mich zum Bier mit seinem Stadtparlament einlaedt
…der mich zum Essen und Bier mit seinem Stadtparlament einlädt

Er lädt mich zum Essen und zu einem Bier mit seinem Stadtparlament auf dem Straßenfest ein. Andrea stellt mir sogleich auch einen Dolmetscher zur Seite. Danilo spricht sehr gut deutsch und gehört ebenfalls dem Stadtparlament an. Ich verbringe eine unbeschwerte Stunde mit diesen sympathischen Menschen in einer Stadt, die mir noch gestern völlig fremd war.

Nachtrag: Andrea scheint sich meine Website ganz genau angeschaut zu haben. Nachdem ich mich bei ihm per Mail nochmals für seine Gastfreundschaft bedankt habe, antwortete er mir: „It was my pleasure to host you at lunch. I am happy to see that you succeeded in your mission. I have also seen that you spent a night in Casera Campestrin: by chance, that alpine cottage is owned by our local section of CAI (Club Alpino Italiani). I wish you a peaceful retirement! Tschuess, Andrea“

Ich bin wieder gut zu Hause angekommen. Air Berlin hat mich in einer Stunde vom Marco-Polo-Airport nach Stuttgart gebracht.

Air Berlin bringt mich zurück
Air Berlin bringt mich zurück…

...nach Stuttgart
…nach Stuttgart

Am Ende meiner erlebnisreichen Reise zu Fuß will ich nicht vergessen, danke zu sagen. Ich bedanke mich sehr herzlich bei Gerd und Reiner, bei Gernot, bei Helga, Josef und Evi, Jürgen und Moni, dass sie mir auf ganz verschiedenen Etappen eine Weile Gesellschaft geleistet haben. Ein Dankeschön gilt Gernot, Christopher und Kaddy, die mich unterwegs bei der Suche nach Unterkünften und bei Buchungen unterstützt haben. Für das lebhafte Interesse an meiner Unternehmung, für die vielen guten Wünsche und wohltuenden Kommentare danke ich denjenigen, die mich virtuell begleitet haben. Und ich bedanke mich bei meiner Frau, meinen Kindern und Enkelkindern, dass sie bereit waren, fünf Wochen auf mich zu verzichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von Abschieds und Geburtstagstouren

Urner Gipfel

Vorletzter Tag.
Franziska und Iris bringen uns einen Honigkräuterschnaps und den Wetterbericht für den nächsten Tag. Es scheint, sie wollen uns mit ihrer Runde vorbereiten auf die schlechten Aussichten für unsere weiteren Unternehmungen. Die Schneefallgrenze soll in der Nacht auf unter 2000 m absinken. Als wir unser Lager aufsuchen, prasseln bereits heftige Graupelschauer gegen das Fenster.
Die jungen Mädchen imponieren uns. Beide dürften kaum älter als 25 Jahre sein. Selbstbewusst bewirtschaften sie ganz alleine die Sustlihütte (2264 m). Franziska ist die Tochter der Hüttenwirtsfamilie. Ihre Eltern sind im Urlaub. Iris ist Helferin auf der Hütte und die eigentliche „Chefin im Ring“. Ihre klaren Ansagen zu den Spielregeln hier oben akzeptieren wir anstandslos. Die Chemie zwischen uns stimmt; beide können sich aber auch ganz auf unsere Gruppe konzentrieren. Während unseres Aufenthalts bleiben wir die einzigen Gäste. Nicht ein Tagesgast hat sich hat sich während der Tage hier oben blicken lassen. Das Saisonende naht.
Wir haben den heutigen Tag gut genutzt. Jochen und Volkhard sind mit Bodo, Franz, Lothar und mir an den Kanzelgrat gegangen. Eine „lässige Tour“ hat uns Iris angekündigt. Will heißen, „wenig anspruchsvoll“. Genau das, was wir heute brauchen. In zwei Zweierseilschaften begehen wir den leichten Grat (III). Jochen und Volkhard begleiten uns solo. Wir vertiefen unsere Kenntnisse im Standplatzbau und im Legen von Zwischensicherungen. Nach dem Abseilen vom höchsten Punkt (2444 m) setzen wir uns auf einem grasigen Band in die Sonne. Tief unter uns liegt das Meiental. Die Passstraße windet sich hinauf zum Sustenpass (2224 m). Sie verbindet in den Sommermonaten die Kantone Uri und Bern. Wir können unsere Autos beim Gasthaus Sustenbrüggli (1907 m) sehen.

Am Kanzelgrat
Am Kanzelgrat

Das Meiental ist ein weitgehend unberührt gebliebenes, wildromantisches Seitental des oberen Urner Reusstales. Eine aussterbende Talschaft. Die Leerstände sind unübersehbar. Politisch gehört Meien zur Gemeinde Wassen. Wassen hat in 100 Jahren die Hälfte seiner Einwohner verloren; das Meiental sogar zwei Drittel. In der Talschaft wohnen heute noch 77 Menschen. Die jungen Leute verlassen das Tal auf der Suche nach Perspektiven. Trotz vieler Maßnahmen ist es der Regierung nicht gelungen, der Abwanderung die Stirn zu bieten.

Eine Etage über uns haben Jürgen S. und Klaus mit Felix, Matthias, Michael und Monika den Trotzigplanggstock (2954 m) über den Südgrat (4+) bestiegen. Sie berichten sichtlich zufrieden von einer „wunderschönen Tour“ im Urner Granit. Ein Klassiker. Bei ihnen scheint es deutlich kälter gewesen zu sein. Mit Vereisungen hatten sie aber nicht zu kämpfen.

Am Trotzigplanggstock - ein Urner Klassiker
Am Trotzigplanggstock – ein Urner Klassiker

Letzter Tag.
Die Meteorologen haben leider Recht behalten. Wir kriechen deshalb erst spät unter unseren warmen Wolldecken hervor. 7:15 Uhr haben wir mit den Mädchen für den Beginn des Frühstücks ausgehandelt. Die Waschbetonplatten zum Toiletten- und Waschhaus sind vereist. Ich ziehe das Genick ein und bringe eine Katzenwäsche hinter mich. Eine Schneeschicht bedeckt die Hütte und ihre Umgebung. Dicke Wolkenpakete verhüllen die Gipfel. Auch die Solarmodule auf dem Dach sind zugeschneit. Das ist ein Problem für die weitere Stromversorgung. Iris freut sich sehr darüber, dass sich Jochen bereit erklärt, ihr die heikle Aufgabe abzunehmen, die Module frei zu räumen.

Jochen sorgt für Strom
Jochen sorgt für Strom

Beim Frühstück zeigt uns Klaus die Optionen für den heutigen Tag auf. Uns bleiben nur wenig Möglichkeiten. Klettern fällt selbstredend flach. Franziska rät auch von der alpinen Tour zum Sustenpass über das Guferjoch ab. Zu ausgesetzt sei sie und der Gang über das vereiste Blockgelände heikel. Auch der dreistündige Gang zur Sewenhütte und zurück erscheint uns nicht gerade verlockend. Die Entscheidung, abzusteigen und einen Tag früher nach Hause zu fahren, fällt deshalb schnell. Wir hadern nicht damit. Die Tage, die wir gut genutzt und in kameradschaftlicher Geschlossenheit verbracht haben, kann uns niemand nehmen.
Jürgen S., Klaus und Volkhard bleiben. Die drei Freunde entschließen sich zu einer winterlichen Besteigung des Grassen (2946 m). Eine anspruchsvolle Unternehmung bei diesen Verhältnissen. Unsere guten Wünsche begleiten sie beim Abschied. Wir haben großes Vertrauen in ihre langjährige Erfahrung. Erleichtert sind wir trotzdem, als uns Jürgen S. gegen 17:00 Uhr telefonisch die gesunde Rückkehr zur Hütte meldet. Die drei mussten in der steilen Südwand unter dem Schnee die Tritte, Griffe und Sicherungsmöglichkeiten suchen. Über leichteres Blockgelände und durch eine Rinne neben dem eigentlichen Grat stiegen sie in seilfreier Kletterei zum nebelverhangenen Gipfel hinauf. Insgesamt waren unsere Freunde sieben Stunden ohne Pause unterwegs und, wie sie einräumten, von den Schwierigkeiten doch sehr gefordert.

Die Tage davor.
Wir haben uns am Dienstagnachmittag in zwei Gruppen auf der Hütte getroffen. Die meisten von uns kennen sich seit vielen Jahren und für sie ist die Sektionskletterausfahrt ein fester Termin im Jahreskalender. Neu dabei sind Felix und Michael. Die beiden fügen sich gut in unsere Gruppe ein und wir freuen uns über den Zuwachs. Lothar nimmt in diesem Jahr seinen Abschied. Er war 27 Jahre lang regelmäßiger Teilnehmer. Wir werden ihn vermissen. Seine Sicherheit und Zuverlässigkeit als Seilpartner und seine angenehme kameradschaftliche Art hat uns gut getan.

Lothar wird uns fehlen
Lothar wird uns fehlen

Bodo, Jochen, Jürgen, Klaus, Volkhard und ich sind aus dem Verwall gekommen. Eine anspruchsvolle Unternehmung liegt bereits hinter uns. Wir haben sie Bodo zum runden Geburtstag geschenkt. Seit vielen Jahren stand der Berg bei den meisten von uns auf der Wunschliste. „Formschönster und gewaltigster Gipfel der Verwallgruppe“, dieses Attribut gibt ihm der AV-Führer. Der Patteriol (3056 m). Unser Stützpunkt für seine Besteigung ist die Konstanzer Hütte (1688 m). Der Hüttenwirt hat uns das Winterhaus zugewiesen. Das kommt uns entgegen. Wir wollen früh aufbrechen und die anderen Gäste nicht stören. Den klassischen Anstieg durch die Ostwand und über den Nordostgrat (IV) haben wir gewählt. Jochen und Jürgen S. haben sich die direkte Einstiegsvariante (V-) vorgenommen und werden auf der Nordostgratschulter wieder zu uns stoßen.
Als es hell wird, stehen wir bereits am Abzweig vom Weg in das Fasultal. Der Anstieg auf den Vorbau ist unangenehm. Es gibt genussreicheres, als im Absturzgelände auf steilem und feuchtem Gras zu klettern. „Da lernt man festen Fels zu schätzen“, flüstere ich Volkhard zu, der vor mir steigt. Bei 2300 m erreichen wir nach zwei Stunden den Einstieg unter der Ostwand. Wir wissen, dass wir uns nicht viel Zeit lassen dürfen und drücken aufs Tempo.

Bodo in seiner Geburtstagstour
Bodo in seiner Geburtstagstour

Die leichten Passagen bis zum Grat gehen wir am langen Seil. Überrascht sind wir von der guten Felsqualität, die wir so nicht erwartet hatten. Besonders imponieren uns die Seillängen ab der Gratschulter. Steil, griffig und dementsprechend genussreich präsentieren sich die letzten Längen ab dem Wandbuch. Nach 25 Seillängen bei 700 Höhenmetern und rund 5 Stunden Kletterzeit stehen wir oben und klatschen uns ab.

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Am Gipfel des Patteriol (3056 m)

Wir sind von außen trocken geblieben. Bis jetzt jedenfalls. Eine dunkle Front im Westen verheißt nichts Gutes. Wir machen uns deshalb zügig an den Abstieg. Dieser führt nach Süden in die Scharte zwischen Haupt- und Südgipfel. Von dort aus zieht ein Band westlich hinauf zum Grat. Jetzt beginnt der Abstieg in das große Schuttkar. Es fängt an, heftig zu graupeln. Wir ertragen den Niederschlag und lenken uns mit meteorologischen Betrachtungen ab. Keine befriedigende Antwort finden wir auf die Frage, was den Unterschied zwischen Graupel und Hagel ausmacht. Eines ist sicher. Hätte uns die Front früher ereilt, wäre es unangenehm geworden. Zwei andere Bergsteiger stoßen zu uns. Sie wollten den Patteriol über die Südflanke ersteigen und haben sich verhauen. Heute wird das nichts mehr. Die beiden beschließen, morgen erneut anzugreifen. Abends auf der Hütte überlassen wir ihnen unsere Topos.
Als wir den Bruckmannweg erreichen, der von der Heilbronner Hütte herüberkommt, regnet es. Uns stehen noch 600 Höhenmeter Abstieg bevor.

Der Mittwoch hat auf der Sustlihütte vielversprechend begonnen. Wir frühstücken um sechs Uhr. Unter der Führung von Jochen und Jürgen S. wollen Jürgen W., Matthias, Michael und ich an die Grassen-Südwand, die im Grassen-Joch (2733 m) ansetzt. Es ist eine kombinierte Tour. Wir können den Zustieg von der Hüttenterrasse aus einsehen. Zunächst führt der blau-weiß markierte Pfad gut 200 Höhenmeter hinab. Wir queren den Bach und steigen auf der Gegenseite über loses Geröll und Blockwerk zur Gletscherzunge hinauf. Sie zu überwinden, braucht den Einsatz der Frontalzacken. Die Spaltenzone im unteren Bereich des Gletschers flößt uns Respekt ein und das Gehen zu sechst am Seil erfordert unsere Aufmerksamkeit. Jürgen ermahnt uns, auf die Abstände zu achten.

Die Spaltenzone flößt uns Respekt ein
Die Spaltenzone flößt uns Respekt ein

Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir das Joch und machen uns fertig für den Einstieg. Da beginnt es zu regnen. Wir entschließen uns, das nächste Regenfenster abzuwarten. Mit unseren Rucksäcken quetschen wir uns unter einen Felsvorsprung und setzen uns auf die isolierenden Seile. Die Stimmung der Truppe ist schwankend. Optimistische Einschätzungen der weiteren Wetterentwicklung („gleich hört es auf“) wechseln sich mit eher pessimistischen Prognosen („es regnet sich ein“) ab. Nach eineinhalb Stunden ununterbrochenem Niederschlag werfen wir das Handtuch. Jürgen S. zeigt nach unten und wir treten den Rückzug an.
Das erste Blau zeigt sich, als wir erneut die untere Spaltenzone queren. Beim Ablegen der Steigeisen unterhalb des Gletschers hat es ganz aufgerissen. Damit müssen wir jetzt fertig werden. Wir sortieren uns in Ruhe. Plötzlich ein Knirschen und Reißen über uns. Wir fahren herum. Über uns löst sich von der Gletscherzunge im Zeitlupentempo ein Block von der Größe eines Autos. Wir spritzen reaktionsschnell auseinander und flüchten aus der Gefahrenzone. Neben uns schlagen die Eistrümmer ein. Wir überspielen die Schrecksekunde mit coolen Sprüchen. Bei aller Gelassenheit; das Erlebnis wird uns in Erinnerung bleiben.

Neben uns schlagen die Eistrümmer ein
Neben uns schlagen die Eistrümmer ein

Der Klettergarten Chli Sustli auf dem Weg zur Hütte ist unser nächstes Etappenziel. Ich finde eine trockene Gletscherschliffplatte und breite meine nassen Sachen darauf aus. Sollen sie in Ruhe trocknen. Jochen, Matthias und Michael betätigen sich in „Chäs und Brot“. Mit den beiden Jürgen klettere ich die 45-m-Route „Sennenchilbi“. Kaum sind wir oben, beginnt es erneut in Strömen zu regnen. Nun sind wir endgültig nass.
Dem anderen Teil unserer Gruppe ist es nicht anders ergangen. Nach den ersten drei Seillängen am Trotzigplanggstock mussten sie wegen Vereisung den Rückzug antreten. Mitleidig empfangen uns die Mädchen in der Hütte. Iris heizt für uns den Ofen im Trockenraum an und nimmt den Luftentfeuchter in Betrieb. Sie verbindet dies mit einer ihrer klaren Ansagen. „Wenn ihr das Fenster nicht zulasst, bringt es gar nichts und ich mache den Ofen wieder aus.“ Wir spuren. Sie ist hier die Chefin. Basta!

Iris ist die Chefin auf der Sustlihütte
Iris ist die Chefin auf der Sustlihütte

Kutumsang – Tharepati, 8. November 2013

Wir haben einen Begleiter. Plötzlich ist er da. Ein zutraulicher hellbrauner Hund hat sich zu uns gesellt und steigt mit uns von Kutumsang zum 3220 m hoch gelegenen Kyuola Bhanjyang-Pass hinauf. Hier verschwindet er wie er gekommen ist. Vermutlich ist sein Revier zu Ende.

Wir steigen zu dritt auf den Pass hinauf
Wir steigen zu dritt auf den Pass hinauf

Auf der Passhöhe machen wir in der Green View Lodge eine Teepause. Ausserdem gibt es ein kurzes internationales Foto Shooting. Eine Koreanerin will sich unbedingt mit einem Kanadier und mir fotografieren lassen. Wir treffen auf dem Trek mit den beiden immer wieder zusammen.

Korea trifft Kanada trifft Deutschland
Korea trifft Kanada trifft Deutschland

Garge ist ein lustiger Kerl. Er hat seinem Rucksack einen Instrumentenkasten aufgeschnallt. Eine Mandoline sei da drin, verrät er mir auf meine Frage. Hinter der Sumcho Lodge sitzt er auf einem Grashügel, singt und spielt. Dabei ist es bitter kalt dort oben. Immerhin sind wir auf 3580 m. Es ist der höchste Punkt unserer Tour. Morgen beginnt der Abstieg.

Garge spielt seine Mandoline
Garge spielt seine Mandoline

Chisopani – Kutumsang, 7. November 2013

Streik! Dieses Wort macht unter den Trekkern die Runde. Wie ein böses Omen legt es sich über die kurzen Gespräche unterwegs. Wir treffen zwei Schweizer, die uns als erste berichten, dass ab 11. November in Nepal ein Generalstreik geplant sei. Sie wollen deshalb so schnell als möglich nach Kathmandu zurück. Wir schnappen es auf beim Lunch auf der Ganga Lodge in Lapcho. Mit einem deutschen Pärchen und einer Gruppe Engländer genießen wir von der Aussichtskanzel erster Güte herrliche Ausblicke ins Helambu. Es gibt gebratenen Reis mit Gemüse und Lemon Tea.

Herrliche Ausblicke ins Helambu bietet die Ganga Lodge
Herrliche Ausblicke ins Helambu bietet die Ganga Lodge

Nabin hat mit Hari Telefonkontakt und dieser bestätigt die Information ebenfalls. Später sind es zwei Tschechen, die davon wissen. Nabin versichert mir, dass es mit der Rückkehr nach Kathmandu auch bei einem Streik kein Problem gebe, da sich immer ein Transportmittel finden lasse. Ich bleibe entspannt. Abends sitzen wir mit den Tschechen, einer Gruppe Amerikanerinnen und deren Guides im geheizten Speiseraum. Es kommt so etwas wie Gemütlichkeit auf.

Die zwei Tschechen haben auch schon von dem Streik gehoert
Die zwei Tschechen haben auch schon von dem Streik gehört

Sundarijahl – Chisopani, 6. November 2013

Gestern war ich kurz aus dem Gleichgewicht. Als ich meinen Rucksack spät am Abend gepackt habe, stellte ich fest, dass mein Schlafsack fehlt. Er muss mir im Hotel gestohlen worden sein. Ich habe sofort Nabin angerufen. Ohne das Teil bin ich bei unserer Trekkingtour aufgeschmissen. Nabin beruhigte mich und versprach, mir einen Schlafsack mitzubringen. An der Rezeption des Kathmandu Guesthouses habe ich für einige Aufregung gesorgt und verlangt, den Hotelmanager zu sprechen. Zu dieser späten Stunde ist dies nicht mehr gelungen. Mir wird ein Gespräch mit ihm am Tag unserer Rückkehr zugesagt.

Heute morgen rumpeln wir mit dem Linienbus nach Norden, hinaus aus der Stadt. Auf dem Dach des Busses weht die rote Maoistenfahne.

Auf dem Dach unseres Busses weht die rote Maoistenfahne
Auf dem Dach unseres Busses weht die rote Maoistenfahne

Wir fahren durch eine Hochburg der Kommunisten, klärt mich Nabin auf. Ich registriere eine hohe Militärpräsenz. Immer wieder kommen wir an Armeeposten und Kasernen vorbei. Überall in den Dörfern prangen auf den Hauswänden Plakate mit Hammer und Sichel. In drei Wochen sind in Nepal Wahlen. Wieder sehe ich auch Hakenkreuze auf anderen Wahlplakaten. Ich erinnere mich an das Bild, das die Mädchen am Tihar in Haris Hof mit Blütenblättern gelegt hatten. Gibt es da einen Zusammenhang?

Wofuer steht das Hakenkreuz?
Wofür steht das Hakenkreuz?

Von Sundarijahl steigen wir 1000 Höhenmeter zum Borlang Bhanjyang-Pass hinauf, durchqueren den kleinen Shivapuri Nationalpark und gelangen nach vier Stunden schliesslich nach Chisopani. Vollmundig kündigen die Lodges ihre Vorzüge an. Das B.B.C.-Hotel, in dem wir absteigen, tut es auch.

"Sunrise View from your Bedroom"
„Sunrise View from your Bedroom“

Mein Zimmer ist ziemlich schmutzig. Trotzdem freue ich mich über die spartanische Nasszelle und den angekündigten „Surise View from your Bedroom“. Der Speiseraum ist unbeheizt und abends wird es schnell empfindlich kühl. Der Chef des Hauses sitzt im Rollstuhl. Trotz seiner Behinderung steuert er das Geschehen in dem Laden. Hari K.C. spricht leidlich Englisch. Er bietet mir an, von seinem Abendessen zu versuchen. Ich gebe ihm einen Korb. Er ist mir nicht böse.

Hari K.C. bietet mir von seinem Abendessen an
Hari K.C. bietet mir von seinem Abendessen an

Nach dem Dhal Bhaat steigen wir rasch in unsere Schlafsäcke. Ich kann so schnell nicht schlafen, denn die Dorfjugend von Chisopani macht noch lange einen ziemlichen Radau vor dem Laden.

Sunrise view from my Bedroom
Sunrise view from my Bedroom

Das Tihar, 5. November 2013

Gestern habe ich kurz überlegt, ob ich nochmals die Dienste von Krishna in Anspruch nehmen soll. Nachdem ich aber weiß, dass sie zweieinhalb Stunden braucht, um aus ihrem Dorf mit dem Bus in die Hauptstadt zu kommen, habe ich mich anders entschieden. Ich verlasse nach dem Frühstück das Touristenviertel Thamel und tauche alleine ein in die Altstadt von Kathmandu. Am Durban Square setze ich mich auf die oberste Stufe des Maju Deval, einem Tempel aus dem 17. Jahrhundert und beobachte das bunte Treiben. Ein köstliches Vergnügen. Es ist früh am Morgen und die Märkte erwachen erst so richtig.

Maju Deval am Durban Square
Maju Deval am Durban Square

Ein schmutziger Straßenjunge bettelt mich an und lässt sich nicht abweisen. Da kommt mir Sion zur Hilfe. Ein Paradiesvogel. Ich habe ihn schon eine Weile beobachtet. Er ist bunt gekleidet, hat grell lackierte Fingernägel und wildes Haar. Zu den Straßenkindern scheint er ein gutes Verhältnis zu haben. Er nimmt den Jungen kurz in den Arm und flüstert ihm ein paar Worte auf Nepali zu. Daraufhin lässt dieser sofort von mir ab. Sion ist aus Barcelona. Das bürgerliche Leben hat er hinter sich gelassen. Er lebt seit längerem in Kathmandu, davor in Thailand und China. Wie er sich finanziert, traue ich mich nicht zu fragen. Sion interessiert sich für mein Engagement für Haus der Hoffnung.

Sion ist aus dem buergerlichen Leben ausgestiegen
Sion ist aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen

Der Markt füllt sich zusehends. Im Gegensatz zu Thamel sehe ich aber fast keine Touristen. Ich kaufe einem Inder eine Bambusflöte ab, die ich Rosa schenken will. Auch mit Orangen versorge ich mich für die morgige Busfahrt.

Ich versorge mich mit Fruechten fuer die Busfahrt ins Helambu
Ich versorge mich mit Früchten für die Busfahrt ins Helambu

Unsicher habe ich mich keinen Augenblick gefühlt und es bereitet mir Vergnügen, mit den Nepalis ins Gespräch zu kommen. Gelegenheiten gibt es auf dem Markt und in den Gassen zur Genüge. Obwohl natürlich alle ein Geschäft machen wollen, erlebe ich die Menschen selten aufdringlich. Sie erkundigen sich immer nach meinen Eindrücken von Nepal. Wenn sie hören, dass es bereits mein zweiter Aufenthalt in ihrem Land ist, scheine ich in ihrer Achtung deutlich zu steigen. Auf dem Makhan Platz schaue ich den unzähligen Tauben zu. Da setzt sich der Inhaber einer Mandala Malschule zu mir und empfiehlt mir, mein Brillenetui wegen der überall präsenten Straßenkinder wegzustecken. Obwohl er erfährt, dass ich bereits ein Mandala in meinem Wohnzimmer hängen habe, erzählt er mir ausführlich von seiner Arbeit. Kurz darauf bietet mir Pasang seine Dienste als Trekkingguide an. Rasch merkt er, dass ich bereits gut versorgt bin. Trotzdem zeigt er mir stolz seine Mappe mit vielen Empfehlungsbriefen und Bildern deutscher Kunden. Ein Newari mit Bauchladen gesellt sich zu uns. Er ist fest davon überzeugt, dass ich auf meiner Trekkingtour sein Tigerbalsam brauche, das bei Beschwerden aller Art Abhilfe schaffen kann. Ich lehne dankend ab und erkläre ihm, dass Wein mein Lebenselixier sei. Darüber amüsiert er sich köstlich.

Die Tauben am Makhan Platz
Die Tauben am Makhan Platz

Gestern habe ich ein paar Stunden mit den Kindern verbracht. Ich bin mindestens fünfzig Mal gefragt worden, ob ich auch wirklich zu ihrem Fest komme. Im Haus waren die Vorbereitungen fuer das Tihar in vollem Gange. Navraj hat mir erzählt, dass er außer der Reisegruppe aus Deutschland noch weitere Gäste erwartet, darunter auch die Nachbarn. Stühle werden angeliefert und ein Zeltdach als Schattenspender aufgebaut.

Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen
Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen

Auf die Begleitung von Nabin habe ich heute nachmittag verzichtet, obwohl er sie mir angeboten hat. Zwischenzeitlich finde ich den Weg zum Haus der Kinder selbst. Ich bin früher da und kann die Nervosität der Akteure förmlich fühlen. Alle sind in fantasievolle Gewänder gekleidet. Navraj sieht aus wie ein indischer Maharadscha.

Navraj sieht aus wie ein indischer Maerchenprinz
Navraj sieht aus wie ein indischer Märchenprinz

Jeder fiebert seinem Auftritt entgegen. Zunehmend füllt sich der Hof. Ellen kommt mit ihrer Reisegruppe und begrüßt mich herzlich. Sie stellt den Gästen alle Kinder persönlich vor und berichtet von den vielfach traumatischen Erfahrungen, die diese hinter sich haben. Am Schluss füllen rund 150 Menschen den kleinen Hof. Eine Küchenmannschaft bereitet sich auf die Bewirtung der Gäste vor. Dann brennen die Kinder ein Feuerwerk der guten Laune ab. Sie zeigen mit spürbarer Begeisterung, was sie mit den Praktikanten aus Deutschland einstudiert haben. Musik und Tanz haben es ihnen besonders angetan.

Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan
Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan

Dollu, 3. November 2013

In Hari Khumars Haus verbringe ich mit seiner Familie und Nabin einen stimmungsvollen Abend. Wir sitzen vor dem kleinen bäuerlichen Anwesen auf der lehmgemauerten Veranda. Die beiden Mädchen Prayasa und Ehsa schmücken den Hof für das Tihar. Mit Blütenblättern haben sie ein kunstvolles Bild ausgelegt. Die Symbolik erschliesst sich mir nicht. Seltsamerweise ist eines der farbigen Zeichen ein Hakenkreuz. Rings um uns herum stellen die Mädchen Öllämpchen auf, die eine entrückte Stimmung erzeugen. Haris Frau Mithu serviert uns das Dhal Bhaat. Da ruft er an. Besorgt erkundigt er sich bei mir, ob hier alles nach meinen Wünschen läuft. Er umrundet mit einer Gruppe die Annapurna. Ich kann ihn beruhigen und berichte vom erfolgreichen Verlauf unseres gestrigen Picnic.

Die Maedchen schmuecken den Hof fuer das Tihar
Die Mädchen schmücken den Hof für das Tihar

Auf dem Sozius seines Motorrades hat mich Mohan gestern hierher nach Dollu gebracht. Ich wohne in einem Gästehaus in einer kleinen Wohnung mit ansprechendem Komfort. Es gehört zu einem Gesundheitszentrum, das die traditionelle tibetische Heilkunst anwendet. Ohnehin ist der Buddhismus allgegenwärtig hier im Tal. Allein in dem kleinen Dorf befinden sich drei Klöster. Im größten leben 1200 Mönche. Viele von ihnen sind Kinder. Die Mönche gehören zum Straßenbild. Einer sitzt im Cyber Shop neben mir am Computer.

Arme Staedte, reiche Kloester
Arme Städte, reiche Klöster

Heute morgen sind Nabin und ich auf den Champadevi (2200 m) hinaufgestiegen und haben von dort einen traumhaften Blick auf den Ganesh-Himal und den Langtang-Himal genossen. Es schien, als würden die eisigen Riesen gleichsam aus den Dunstglocke von Kathmandu herauswachsen. Tief unter uns sahen wir den Bagmati. Wir konnten den Durchbruch des Flusses, die Chobar-Schlucht mit dem Park erkennen. Beim Aufstieg auf den Berg sind wir auf eine kunstvoll gemauerte Treppenanlage gestoßen, 1,80 Meter breit, bestehend aus exakt zugeschnittenen Natursteinen. Nabin, nach deren Bedeutung befragt, hat mir erklärt, dies sei eine Hikingroute. Sie habe insgesamt eine Länge von 2 Kilometern.  Auf meine weitere Nachfrage, wer diese benötigen würde schaut er mich verständnislos an und verweist auf die Touristen. Ich war etwas betreten und habe mir insgeheim ausgemalt, wieviel Straßenkilometer damit repariert werden könnten.

Brauchen Touristen das?
Brauchen Touristen das?

Nepal 2013

Frankfurt – Delhi – Kathmandu 30./31.10.2013

Indira Gandhi International Airport, Delhi. Ich sitze im Transitbereich und lese. Mein Flieger nach Kathmandu geht erst in gut drei Stunden. „Ohne Geld bis ans Ende der Welt“ ist der Titel es Buches. Der Autor hat sich tatsächlich die Aufgabe gestellt, ohne einen Pfennig in der Tasche bis zur Antarktis zu reisen. Ein verrückter Hund. Kaddy hat es mir für die Reise geschenkt. Fast komme ich mir mit meiner gut gefüllten Reisekasse ein bißchen dekadent vor.

Tribhuvan Airport Kathmandu. Ich werde wärmstens empfangen. Nabin ist der Bruder von Haris Frau. Er ist mein Guide für die nächsten beiden Wochen. Stolz erzählt er mir, dass er schon ein bißchen deutsch gelernt hat. Ich muss versprechen, ihm bei der Verbesserung seiner Sprachkenntnisse zu helfen. Im Kathmandu-Guesthouse habe ich das gleiche Zimmer wie vor zwei Jahren. Ich hinterfrage es nicht, bin aber ziemlich sicher, dass es der besonderen Aufmerksamkeit von Hari zuzuschreiben ist. Er ruft mich kurz nach dem Einchecken von seiner Tour zur Annapurna an und erkundigt sich, ob alles wunschgemäß läuft. Ich habe nichts zu beanstanden. Nur schade, dass wir beide uns nicht sehen.

Bhaktapur, 1. November 2013

Und wieder ist es die kleine Saraswoti, die mich als Erste im Haus begrüßt. Sie strahlt mich mit ihrer Zahnlücke an und ich erinnere mich sofort an sie. Die Kinder spielen im Hof. Menuka ist deutlich schüchterner. Sie beobachtet mich aus ihrer Gruppe heraus aber ganz genau. Ich lerne die Praktikanten aus Deutschland kennen. Navraj stellt sie mir vor. Es sind vier Mädchen und zwei Jungs. Die jungen Leute verbringen mehrere Monate im Haus. Mit Anna komme ich rasch ins Gespräch und spüre dabei, dass die jungen Leute ihre Entscheidung nicht bereut haben. Sie erleben, wie wichtig ihre Arbeit hier ist. Anna erzählt mir, in welchem beklagenswerten Zustand manche Kinder sind, wenn sie von der Organisation aufgenommen werden. Vor Navrajs Arbeit haben sie großen Respekt. Den teile ich mit ihnen. Keine zehn Minuten sind vergangen, da sitzen Menuka und Saraswoti bei uns am Tisch und leisten uns Gesellschaft. Alle im Haus freuen sich sehr auf unser morgiges Picnic und die Abwechslung, die für die Kinder damit verbunden ist. Gerade in den Ferien sei es besonders schwierig, sie den ganzen Tag zu beschäftigen, erzählen mir die Volunteers. Auch sie haben sich auf unsere Unternehmung bereits eingestellt. Schließlich ist es in Kathmandu nicht möglich, mit 46 Kindern so eben mal in die Stadt zu gehen. Meine größte Sorge, die mich in den letzten Tagen bewegt hat, ist mir damit genommen: Liege ich richtig mit meiner Idee, diesen Ausflug mit den Kindern zu machen? Ist das zu verantworten? Nun kann ich dem Höhepunkt meiner Reise mit Beruhigung entgegensehen. Vorfreude macht sich breit.

Menuka und Saraswoti
Menuka und Saraswoti

Krishna überreicht mir bei Mittagessen in Bhaktapur feierlich drei Tagetesblüten. Es ist die Blume ihrer Gottheit, deren Namen sie trägt. Sie heißt mich damit in Nepal willkommen. Wir sind nach dem Besuch bei den Kindern im Gangabo-House in einem klapprigen Taxi auf der staubigen Piste aus Kathandu hinausgefahren. Krishna arbeitet heute im Auftrag von Hari für mich.

Drei Tagetesblueten zur Begruessung
Drei Tagetesblüten zur Begrüßung

Bhaktapur rüstet sich für das Tihar, das an diesem Tag beginnt. Es ist hier ein bedeutendes Fest, das Buddhisten und Hindus gleichermaßen begehen. Wir lassen uns durch die Stadt mit seinen zahlreichen Tempeln und Märkten treiben. Krishna erzählt mir von sich. Sie ist 25 Jahre alt und studiert in Kathmandu Englisch. Ihr Traum ist eine feste Arbeit in der Tourismusbranche. Stolz zeigt sie mir ihre Gästeführerlizenz. Wir treffen im Tourismusbüro auf einen ihrer Kollegen, der mit ihr die Prüfung gemacht hat. Seine Anstellung bei der Regierung ist in Nepal der begehrte „Sechser im Lotto“. Ich kann die ärmlichen Verhältnisse, unter denen meine Begleiterin ihr Studium finanzieren muss, nur erahnen. Sie ist ein Trennungskind und wohnt im Hause ihres Vaters, der sie nicht unterhalten kann. Strom haben sie nicht. Ich lade Krishna zu unserem morgigen Picnic ein.

Krishna ist stolz auf ihre Gästeführerlizenz
Krishna ist stolz auf ihre Gästeführerlizenz

Manjushri Park, 2. November 2013

Alles lässt sich toppen. Auch die Intensität mit der man den Strassenverkehr von Kathmandu erlebt. Heute bin ich mit dem Motorrad unterwegs. Mohan holt mich um 7:30 Uhr im Hotel ab und steuert mit mir seine kleine indische Maschine einmal mitten durch die Millionenstadt. Er ist ein umsichtiger Fahrer. Nur auf meine Knie muss ich selbst aufpassen. Das merke ich schnell, nachdem ich ein paar Mal Fußgänger touchiert habe. Sicherheitsabstände gibt es hier nicht. Die wären auch gar nicht umsetzbar. Die Masse hat sich zu arrangieren – Punkt. Schlaglöchern weicht Mohan dann geschickt aus, wenn die anderen es zulassen. Meistens tun sie es nicht. Beim Samakuhsi Chwok treffen wir auf unsere zwei Busse. Wir navigieren sie zum Haus.

Bild
Auf Tuchfühlung mit dem Straßenverkehr in Kathmandu.

Die Kinder warten schon. Ich steige in den Mädchenbus ein. Menuka hat mir einen Platz freigehalten. Dafür schenke ich ihr einen Luftballon und bereue meinen Fehler sofort. Über mich schwappt eine Woge von Mädchen herein: „Uncle, give me a yellow, I want a green, please a long one“. Die Praktikantinnen hatten mich gewarnt mit give aways zurückhaltend zu sein. Wer nicht hören will, …

Wir fahren hinaus zum Manjushri-Park, 10 Kilometer vor der Stadt. Er grenzt an die Chobar-Schlucht. Hier soll der Gott Manjushri mit seinem Schwert den Abfluss für den See im Kathmandu-Tal geschlagen und damit die Besiedelung möglich gemacht haben.

Hari hat einige Leute aus seinem Dorf engagiert, die für uns in einem Pavillon das Frühstück zubereiten. Es gibt Toast mit Marmelade, Eier und heiße Milch. Danach sind die Kinder rasch verschwunden. Sie erkunden in Gruppen den weitläufigen Park. Einige spielen mit Navraj Fußball. Auf dem kleinen Aussichtspunkt zieht die Kinder eine Horde Affen magisch an. Diese zeigen sich ziemlich friedfertig und halten gebührenden Abstand. Eingreifen ist nicht nötig. In der Ferne sieht man die ersten Häuser von Kathmandu. Der Smog, der auch heute wieder über der Stadt liegt, verbirgt vieles von ihr. Ich steige mit Himal, einem der Jungs hinab zur Ganesh-Tempelanlage am Bagmati. Es könnte hier idyllisch sein. Der Zustand des Flusses verhindert diesen Gedanken. Zum Abwasserkanal verkommen trägt er die Abwaesser und den Müll aus Kathmandu hier heraus. Große Schaumteppiche schwimmen auf der Wasseroberfläche, das Ufer ist dick belegt mit Plastikmüll. Die Kinder stört es nicht. Sie kennen es nicht anders. Umweltbewusstsein ist nicht angeboren.

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Der Bagmati ist zum Abwasserkanal verkommen.

Erneut positiv beeindruckt bin ich hingegen von den logistischen Fähigkeiten der Nepalis. Für 46 Kinder und ihre Entourage unter einfachsten Bedingungen ein komplettes Menü zuzubereiten, ist eine organisatorische Meisterleistung. Die Küchenmannschaft scheint ein eingespieltes Team zu sein. Raj gibt den Ton an. Er ist Koch in einem Hotel. Auf zwei Gaskochern werden zunächst die Zutaten vorbereitet. Raj fritiert die Hühnchenteile und dünstet nacheinander Spinat, Bohnen, Tomaten und Blumenkohl. Zum Schluss kommt der Reis. Nach dem Abgießen wird er noch gebuttert.

Die Kueche ist einfach aber wirkungsvoll
Die Küche ist einfach aber wirkungsvoll

Navraj sammelt derweilen die Kinder ein. Ich erlebe ihn als ihre wichtigste Bezugsperson. Er erfährt ihre Zuneigung, aber auch ihren Respekt. Dass auch ich großen Respekt vor seiner Arbeit habe sage ich ihm. Darüber freut er sich sichtlich. Nabin hat im Pavillon mit Sachin das Buffet hergerichtet. Zum Essen, das hervorragend schmeckt,  gibt es Limonade.

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Das Menü ist perfekt

Krishna ist aus ihrem Dorf zum Picnic gekommen. Ich finde es schön, dass sie meine Einladung angenommen hat. Nachdem die Kinder mit den Bussen abgefahren sind, helfen wir beide den anderen beim Aufräumen. Krishna hat eine große Plastiktüte geholt und wir sammeln den Müll ein. Wohin damit? Müllbehälter gibt es nicht. Wozu auch, es kommt ja doch keiner, um die Hinterlassenschaften der Parkbesucher abzuholen. Wir finden einen Verbrennungsplatz aus Betonringen. Wie praktisch. Ob diese hier gebräuchliche Form der Entsorgung eine gute Lösung ist? Ich fürchte nein.

Dollu, 3. November 2013

In Hari Khumars Haus verbringe ich mit seiner Familie und Nabin einen stimmungsvollen Abend. Wir sitzen vor dem kleinen bäuerlichen Anwesen auf der lehmgemauerten Veranda. Die beiden Mädchen Prayasa und Ehsa schmücken den Hof für das Tihar. Mit Blütenblättern haben sie ein kunstvolles Bild ausgelegt. Die Symbolik erschliesst sich mir nicht. Seltsamerweise ist eines der farbigen Zeichen ein Hakenkreuz. Rings um uns herum stellen die Mädchen Öllämpchen auf, die eine entrückte Stimmung erzeugen. Haris Frau Mithu serviert uns das Dhal Bhaat. Da ruft er an. Besorgt erkundigt er sich bei mir, ob hier alles nach meinen Wünschen läuft. Er umrundet mit einer Gruppe die Annapurna. Ich kann ihn beruhigen und berichte vom erfolgreichen Verlauf unseres gestrigen Picnic.

Die Maedchen schmuecken den Hof fuer das Tihar
Die Mädchen schmücken den Hof für das Tihar

Auf dem Sozius seines Motorrades hat mich Mohan gestern hierher nach Dollu gebracht. Ich wohne in einem Gästehaus in einer kleinen Wohnung mit ansprechendem Komfort. Es gehört zu einem Gesundheitszentrum, das die traditionelle tibetische Heilkunst anwendet. Ohnehin ist der Buddhismus allgegenwärtig hier im Tal. Allein in dem kleinen Dorf befinden sich drei Klöster. Im größten leben 1200 Mönche. Viele von ihnen sind Kinder. Die Mönche gehören zum Straßenbild. Einer sitzt im Cyber Shop neben mir am Computer.

Arme Staedte, reiche Kloester
Arme Städte, reiche Klöster

Heute morgen sind Nabin und ich auf den Champadevi (2200 m) hinaufgestiegen und haben von dort einen traumhaften Blick auf den Ganesh-Himal und den Langtang-Himal genossen. Es schien, als würden die eisigen Riesen gleichsam aus den Dunstglocke von Kathmandu herauswachsen. Tief unter uns sahen wir den Bagmati. Wir konnten den Durchbruch des Flusses, die Chobar-Schlucht mit dem Park erkennen. Beim Aufstieg auf den Berg sind wir auf eine kunstvoll gemauerte Treppenanlage gestoßen, 1,80 Meter breit, bestehend aus exakt zugeschnittenen Natursteinen. Nabin, nach deren Bedeutung befragt, hat mir erklärt, dies sei eine Hikingroute. Sie habe insgesamt eine Länge von 2 Kilometern.  Auf meine weitere Nachfrage, wer diese benötigen würde schaut er mich verständnislos an und verweist auf die Touristen. Ich war etwas betreten und habe mir insgeheim ausgemalt, wieviel Straßenkilometer damit repariert werden könnten.

Brauchen Touristen das?
Brauchen Touristen das?

Das Tihar, 5. November 2013

Gestern habe ich kurz überlegt, ob ich nochmals die Dienste von Krishna in Anspruch nehmen soll. Nachdem ich aber weiß, dass sie zweieinhalb Stunden braucht, um aus ihrem Dorf mit dem Bus in die Hauptstadt zu kommen, habe ich mich anders entschieden. Ich verlasse nach dem Frühstück das Touristenviertel Thamel und tauche alleine ein in die Altstadt von Kathmandu. Am Durban Square setze ich mich auf die oberste Stufe des Maju Deval, einem Tempel aus dem 17. Jahrhundert und beobachte das bunte Treiben. Ein köstliches Vergnügen. Es ist früh am Morgen und die Märkte erwachen erst so richtig.

Maju Deval am Durban Square
Maju Deval am Durban Square

Ein schmutziger Straßenjunge bettelt mich an und lässt sich nicht abweisen. Da kommt mir Sion zur Hilfe. Ein Paradiesvogel. Ich habe ihn schon eine Weile beobachtet. Er ist bunt gekleidet, hat grell lackierte Fingernägel und wildes Haar. Zu den Straßenkindern scheint er ein gutes Verhältnis zu haben. Er nimmt den Jungen kurz in den Arm und flüstert ihm ein paar Worte auf Nepali zu. Daraufhin lässt dieser sofort von mir ab. Sion ist aus Barcelona. Das bürgerliche Leben hat er hinter sich gelassen. Er lebt seit längerem in Kathmandu, davor in Thailand und China. Wie er sich finanziert, traue ich mich nicht zu fragen. Sion interessiert sich für mein Engagement für Haus der Hoffnung.

Sion ist aus dem buergerlichen Leben ausgestiegen
Sion ist aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen

Der Markt füllt sich zusehends. Im Gegensatz zu Thamel sehe ich aber fast keine Touristen. Ich kaufe einem Inder eine Bambusflöte ab, die ich Rosa schenken will. Auch mit Orangen versorge ich mich für die morgige Busfahrt.

Ich versorge mich mit Fruechten fuer die Busfahrt ins Helambu
Ich versorge mich mit Früchten für die Busfahrt ins Helambu

Unsicher habe ich mich keinen Augenblick gefühlt und es bereitet mir Vergnügen, mit den Nepalis ins Gespräch zu kommen. Gelegenheiten gibt es auf dem Markt und in den Gassen zur Genüge. Obwohl natürlich alle ein Geschäft machen wollen, erlebe ich die Menschen selten aufdringlich. Sie erkundigen sich immer nach meinen Eindrücken von Nepal. Wenn sie hören, dass es bereits mein zweiter Aufenthalt in ihrem Land ist, scheine ich in ihrer Achtung deutlich zu steigen. Auf dem Makhan Platz schaue ich den unzähligen Tauben zu. Da setzt sich der Inhaber einer Mandala Malschule zu mir und empfiehlt mir, mein Brillenetui wegen der überall präsenten Straßenkinder wegzustecken. Obwohl er erfährt, dass ich bereits ein Mandala in meinem Wohnzimmer hängen habe, erzählt er mir ausführlich von seiner Arbeit. Kurz darauf bietet mir Pasang seine Dienste als Trekkingguide an. Rasch merkt er, dass ich bereits gut versorgt bin. Trotzdem zeigt er mir stolz seine Mappe mit vielen Empfehlungsbriefen und Bildern deutscher Kunden. Ein Newari mit Bauchladen gesellt sich zu uns. Er ist fest davon überzeugt, dass ich auf meiner Trekkingtour sein Tigerbalsam brauche, das bei Beschwerden aller Art Abhilfe schaffen kann. Ich lehne dankend ab und erkläre ihm, dass Wein mein Lebenselixier sei. Darüber amüsiert er sich köstlich.

Die Tauben am Makhan Platz
Die Tauben am Makhan Platz

Gestern habe ich ein paar Stunden mit den Kindern verbracht. Ich bin mindestens fünfzig Mal gefragt worden, ob ich auch wirklich zu ihrem Fest komme. Im Haus waren die Vorbereitungen fuer das Tihar in vollem Gange. Navraj hat mir erzählt, dass er außer der Reisegruppe aus Deutschland noch weitere Gäste erwartet, darunter auch die Nachbarn. Stühle werden angeliefert und ein Zeltdach als Schattenspender aufgebaut.

Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen
Alisha, Menuka, Pasang und Saraswoti muss ich versprechen, zum Fest zu kommen

Auf die Begleitung von Nabin habe ich heute nachmittag verzichtet, obwohl er sie mir angeboten hat. Zwischenzeitlich finde ich den Weg zum Haus der Kinder selbst. Ich bin früher da und kann die Nervosität der Akteure förmlich fühlen. Alle sind in fantasievolle Gewänder gekleidet. Navraj sieht aus wie ein indischer Maharadscha.

Navraj sieht aus wie ein indischer Maerchenprinz
Navraj sieht aus wie ein indischer Märchenprinz

Jeder fiebert seinem Auftritt entgegen. Zunehmend füllt sich der Hof. Ellen kommt mit ihrer Reisegruppe und begrüßt mich herzlich. Sie stellt den Gästen alle Kinder persönlich vor und berichtet von den vielfach traumatischen Erfahrungen, die diese hinter sich haben. Am Schluss füllen rund 150 Menschen den kleinen Hof. Eine Küchenmannschaft bereitet sich auf die Bewirtung der Gäste vor. Dann brennen die Kinder ein Feuerwerk der guten Laune ab. Sie zeigen mit spürbarer Begeisterung, was sie mit den Praktikanten aus Deutschland einstudiert haben. Musik und Tanz haben es ihnen besonders angetan.

Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan
Musik und Tanz haben es den Kindern besonders angetan

Sundarijahl – Chisopani, 6. November 2013

Gestern war ich kurz aus dem Gleichgewicht. Als ich meinen Rucksack spät am Abend gepackt habe, stellte ich fest, dass mein Schlafsack fehlt. Er muss mir im Hotel gestohlen worden sein. Ich habe sofort Nabin angerufen. Ohne das Teil bin ich bei unserer Trekkingtour aufgeschmissen. Nabin beruhigte mich und versprach, mir einen Schlafsack mitzubringen. An der Rezeption des Kathmandu Guesthouses habe ich für einige Aufregung gesorgt und verlangt, den Hotelmanager zu sprechen. Zu dieser späten Stunde ist dies nicht mehr gelungen. Mir wird ein Gespräch mit ihm am Tag unserer Rückkehr zugesagt.

Heute morgen rumpeln wir mit dem Linienbus nach Norden, hinaus aus der Stadt. Auf dem Dach des Busses weht die rote Maoistenfahne.

Auf dem Dach unseres Busses weht die rote Maoistenfahne
Auf dem Dach unseres Busses weht die rote Maoistenfahne

Wir fahren durch eine Hochburg der Kommunisten, klärt mich Nabin auf. Ich registriere eine hohe Militärpräsenz. Immer wieder kommen wir an Armeeposten und Kasernen vorbei. Überall in den Dörfern prangen auf den Hauswänden Plakate mit Hammer und Sichel. In drei Wochen sind in Nepal Wahlen. Wieder sehe ich auch Hakenkreuze auf anderen Wahlplakaten. Ich erinnere mich an das Bild, das die Mädchen am Tihar in Haris Hof mit Blütenblättern gelegt hatten. Gibt es da einen Zusammenhang?

Wofuer steht das Hakenkreuz?
Wofür steht das Hakenkreuz?

Von Sundarijahl steigen wir 1000 Höhenmeter zum Borlang Bhanjyang-Pass hinauf, durchqueren den kleinen Shivapuri Nationalpark und gelangen nach vier Stunden schliesslich nach Chisopani. Vollmundig kündigen die Lodges ihre Vorzüge an. Das B.B.C.-Hotel, in dem wir absteigen, tut es auch.

"Sunrise View from your Bedroom"
„Sunrise View from your Bedroom“

Mein Zimmer ist ziemlich schmutzig. Trotzdem freue ich mich über die spartanische Nasszelle und den angekündigten „Surise View from your Bedroom“. Der Speiseraum ist unbeheizt und abends wird es schnell empfindlich kühl. Der Chef des Hauses sitzt im Rollstuhl. Trotz seiner Behinderung steuert er das Geschehen in dem Laden. Hari K.C. spricht leidlich Englisch. Er bietet mir an, von seinem Abendessen zu versuchen. Ich gebe ihm einen Korb. Er ist mir nicht böse.

Hari K.C. bietet mir von seinem Abendessen an
Hari K.C. bietet mir von seinem Abendessen an

Nach dem Dhal Bhaat steigen wir rasch in unsere Schlafsäcke. Ich kann so schnell nicht schlafen, denn die Dorfjugend von Chisopani macht noch lange einen ziemlichen Radau vor dem Laden.

Sunrise view from my Bedroom
Sunrise view from my Bedroom

Chisopani – Kutumsang, 7. November 2013

Streik! Dieses Wort macht unter den Trekkern die Runde. Wie ein böses Omen legt es sich über die kurzen Gespräche unterwegs. Wir treffen zwei Schweizer, die uns als erste berichten, dass ab 11. November in Nepal ein Generalstreik geplant sei. Sie wollen deshalb so schnell als möglich nach Kathmandu zurück. Wir schnappen es auf beim Lunch auf der Ganga Lodge in Lapcho. Mit einem deutschen Pärchen und einer Gruppe Engländer genießen wir von der Aussichtskanzel erster Güte herrliche Ausblicke ins Helambu. Es gibt gebratenen Reis mit Gemüse und Lemon Tea.

Herrliche Ausblicke ins Helambu bietet die Ganga Lodge
Herrliche Ausblicke ins Helambu bietet die Ganga Lodge

Nabin hat mit Hari Telefonkontakt und dieser bestätigt die Information ebenfalls. Später sind es zwei Tschechen, die davon wissen. Nabin versichert mir, dass es mit der Rückkehr nach Kathmandu auch bei einem Streik kein Problem gebe, da sich immer ein Transportmittel finden lasse. Ich bleibe entspannt. Abends sitzen wir mit den Tschechen, einer Gruppe Amerikanerinnen und deren Guides im geheizten Speiseraum. Es kommt so etwas wie Gemütlichkeit auf.

Die zwei Tschechen haben auch schon von dem Streik gehoert
Die zwei Tschechen haben auch schon von dem Streik gehört

Kutumsang – Tharepati, 8. November 2013

Wir haben einen Begleiter. Plötzlich ist er da. Ein zutraulicher hellbrauner Hund hat sich zu uns gesellt und steigt mit uns von Kutumsang zum 3220 m hoch gelegenen Kyuola Bhanjyang-Pass hinauf. Hier verschwindet er wie er gekommen ist. Vermutlich ist sein Revier zu Ende.

Wir steigen zu dritt auf den Pass hinauf
Wir steigen zu dritt auf den Pass hinauf

Auf der Passhöhe machen wir in der Green View Lodge eine Teepause. Ausserdem gibt es ein kurzes internationales Foto Shooting. Eine Koreanerin will sich unbedingt mit einem Kanadier und mir fotografieren lassen. Wir treffen auf dem Trek mit den beiden immer wieder zusammen.

Korea trifft Kanada trifft Deutschland
Korea trifft Kanada trifft Deutschland

Garge ist ein lustiger Kerl. Er hat seinem Rucksack einen Instrumentenkasten aufgeschnallt. Eine Mandoline sei da drin, verrät er mir auf meine Frage. Hinter der Sumcho Lodge sitzt er auf einem Grashügel, singt und spielt. Dabei ist es bitter kalt dort oben. Immerhin sind wir auf 3580 m. Es ist der höchste Punkt unserer Tour. Morgen beginnt der Abstieg.

Garge spielt seine Mandoline
Garge spielt seine Mandoline

Tharepati – Tarkekhyang, 9. November 2013

Die Sonne bringt noch keine Waerme
Die Sonne bringt noch keine Wärme

Es ist noch kälter geworden. Am Morgen schneit es. Beeindruckt bin ich davon, wie die Nepali mit der Kälte umgehen. Viele von ihnen tragen in ihren Sandalen keine Socken. Auch der Dreijährige der Hüttenwirtsfamilie flitzt leicht bekleidet zwischen uns herum. Ich werfe einen Blick in die Küche. Es ist der einzig ständig beheizte Raum in der Lodge. Die Guides und Porter essen dort. Gleichzeitig dient sie der Familie als Schlafraum.

Bitterkalt ist es in Tharepati geworden
Bitterkalt ist es in Tharepati geworden

Garge ist unruhig. Er will heute über den Laurebin La-Pass (4610 m) ins Gosaikund hinüber. Die Einheimischen raten ihm ab. Dort oben schneit es heftig. Wie sich Garge letztlich entschieden hat, erfahren wir nicht mehr. Wir gehen eine Etage tiefer. Eigentlich sind es gleich zwei. 1600 Höhenmeter steigen wir über Melamchi zum Melamche Khola hinunter, um dann auf der anderen Talseite zum Sherpadorf Tarkeghyang wieder 700 m hinaufzusteigen. Ich gestehe es. Ich bin platt. Nabin und ich gönnen uns in der Lodge ein Bier.

Tarkekhyang – Kakani, 10. November 2013

Ein schöner Tag. Und eine schöne Begegnung gleich zu Beginn. Wir verlassen unser Sherpadorf, wandern weitgehend niveaugleich an der Hangkante entlang und geniessen die Tiefblicke ins Tal des Melamche Khola. Würden nicht überall Rhododendren und Bambus wachsen, könnten wir auf den Schwäbischen Alb sein, geht mir durch den Kopf. Nach einer halben Stunde erreichen wir das kleine Dorf Setighyang. In seiner Mitte liegt das buddhistische Kloster. Auf meinen Wunsch hin erkundigt sich Nabin, ob wir einen Blick ins Innere werfen dürfen. Die Leute, die er gefragt hat, stimmen bereitwillig zu. Mir scheint, sie freuen sich sogar über meinen Wunsch. Die Anzahl der Schuhe auf der Eingangstreppe lässt darauf schliessen, dass der Gebetsraum gut gefüllt ist. Wir stellen unsere Stiefel dazu und treten ein. Eine feierliche Atmosphäre empfängt uns und ein freundliches „Namaste“ schallt uns vielfach entgegen. Der kostbar ausgeschmückte Raum ist erfüllt von dem Duft aus Räucherstäbchen. Auf dem Altar erkenne ich kunstvolle Buddhastatuen. Die anwesenden Mönche und Einheimische aus Setighyang und den umliegenden Dörfern rezitieren in einem monotonen Singsang aus bedruckten Papierfahnen, die sie vor sich auf dem Schoß liegen haben.

Eine feierliche Atmosphaere empfaengt uns und ein freundliches "Namaste"
Eine feierliche Atmosphäre empfängt uns und ein freundliches „Namaste“

Wir wollen vor dem Kloster bereits unsere Rucksäcke schultern, da laden uns die Umstehenden in die Küche eines kleinen Hauses neben dem Kloster zum Tee ein. Wir trinken ihn aus Porzellanschalen. Es ist meine erste Begegnung mit tibetischem Buttertee. Eine Erfahrung der besonderen Art. Auf die Liste meiner Getränkefavoriten werde ich ihn definitiv nicht nehmen. Fotos werden mir gerne erlaubt. Nabin muss den Leuten versprechen, bei seinem nächsten Trek Abzüge davon mitzubringen.

Meine erste Begegnung mit tibetischem Buttertee. Eine Erfahrung der besonderen Art
Meine erste Begegnung mit tibetischem Buttertee. Eine Erfahrung der besonderen Art

Unser Trek geht morgen zu Ende und damit rückt der angekündigte Generalstreik wieder in unser Blickfeld. Nabin ist mit Hari in ständigem Telefonkontakt. Es gibt nichts Neues. Mithu hört die Nachrichten ab. Auch sie kann uns die Sorge nicht nehmen, dass der Ausstand morgen beginnt. Wie kommen wir dann von Melamchi Bazaar, der Endstation der Trekkingroute nach Kathmandu zurück? Wir müssen schauen, meint Nabin nur. Kurz vor unserem Etappenziel Kakani erreicht uns um 15:30 Uhr erneut ein Anruf von Hari. Er empfiehlt uns, heute noch nach Melamchi Bazaar abzusteigen, um für die Suche nach einem Transfer im Streikfall mehr Zeit zu haben. Auch wenn sich meine Begeisterung in Anbetracht eines weiteren Abstiegs von 1000 m in Grenzen hält, überzeugen mich die Argumente. Mein Rückflugticket ist für den 12. November ausgestellt. Ich muss morgen in die Hauptstadt zurück.

Wir rüsten uns für den Abstieg. Nabin kauft in dem kleinen Laden der Lodge noch schnell eine Taschenlampe, denn um 17:30 Uhr wird es dunkel und keiner von uns hat eine Stirnlampe dabei. Meine liegt im Koffer in Kathmandu. Nur die Ersatzbatterien, die habe ich durchs Helambu geschleppt. Als wir unsere Rucksäcke schultern, rufen uns ein paar Einheimische zurück. Sie erzählen Nabin, dass in der Nacht ein Jeep aus den Bergdörfern nach Kathmandu fahre. Meine Knie wären bereit, sofort jeden geforderten Preis zu bezahlen. Nun beginnt ein munteres telefonisches Verhandeln zwischen Nabin, der Hari zuschaltet, den einheimischen Informanten und dem Jeepfahrer, irgendwo auf der Piste.

Der Transfer nach Kathmandu wird ausgehandelt und fixiert
Der Transfer nach Kathmandu wird ausgehandelt und fixiert

Letztlich fixieren wir die Vereinbarung wie folgt: Die Abfahrt ist um 1 Uhr in der Nacht. Der Fahrpreis für uns beide beträgt 3000 Rupien. Dies sind umgerechnet 20 Euro für die rund 3stündige Fahrt. Ich akzeptiere sofort.

Mit Roman und Tek sitzen wir beim Dhal Bhaat zusammen. Wir sind die einzigen Gäste. Roman kommt aus Berlin; ein Globetrotter und Couchsurfer. Wir tauschen Reiseerfahrungen aus. Von Roman erfahre ich, was es mit dem Hakenkreuz auf sich hat. Es ist eine Swastika und gilt bei den Buddhisten und Hindus als Glücksbringersymbol. Mit unserer unrühmlichen Vergangenheit hat es nichts zu tun.

Mit Roman und Tek verbringen wir den letzten Abend
Mit Roman und Tek verbringen wir den letzten Abend

Kakani – Kathmandu, 11. November 2013

Die Nacht ist sternenklar, als wir aus unserem Schlafraum hinaustreten. Es ist windstill und die Temperatur ist angenehm. Nabin hat um 0:30 Uhr mit dem Jeep-Fahrer telefoniert. Er kommt pünktlich. Das Fahrzeug ist bereits gut gefüllt. Alles Gepäck muss aufs Dach, denn weitere Fahrgäste kommen dazu. Diese nehmen wir in Gehöften unterwegs auf. Am Ende sind es 9 Personen. Mehr ginge auch bei extremer Kompression nicht. Im Innenraum stinkt es. Ich trage meinen Teil dazu bei und sehne mich nach der Dusche im Hotel. Das Radio hämmert Nepal-Sound. Der Fahrer steuert den Toyota Jeep mit stoischer Gelassenheit über die abenteuerliche Piste talwärts. Ihn würde jede Stuntshow sofort nehmen. Als der Neigungswinkel des Fahrzeugs einmal in den roten Bereich gerät, flüstert Nabin mir zu, ich müsse keine Angst haben. Der Fahrer habe ihm versichert, er würde meinetwegen besonders vorsichtig fahren. Die anderen Fahrgäste scheinen meine Beklemmung auch bemerkt zu haben. Für sie bin ich die willkommene Abwechslung und sie treiben ihre Spässe mit mir. Ich nehme es mit Humor.  Im Scheinwerferkegel erkenne ich, dass sich die Vegetation ändert. Zunehmend begrenzen Bananenstauden die Fahrbahn. Wir queren mehrere Bäche. Mit und ohne Brücke. Nach eineinhalb Stunden sind wir im Tal. Von einem Armeeposten werden wir nur kurz aufgehalten. Ein Soldat leuchtet mit der Taschenlampe ins Fahrzeug und winkt uns durch. Um vier Uhr morgens erreichen wir Kathmandu und wechseln in einem Vorort das Fahrzeug. Wir wecken einen Taxifahrer in seinem Auto und er bringt uns nach Thamel. In der Lobby des Hotels legen wir uns in eine Ledergarnitur und warten aufs Frühstück. Ich freue mich auf meinen letzten Tag in Kathmandu, Streik hin oder her.

Bhaktapur, 1. November 2013

Und wieder ist es die kleine Saraswoti, die mich als Erste im Haus begrüßt. Sie strahlt mich mit ihrer Zahnlücke an und ich erinnere mich sofort an sie. Die Kinder spielen im Hof. Menuka ist deutlich schüchterner. Sie beobachtet mich aus ihrer Gruppe heraus aber ganz genau. Ich lerne die Praktikanten aus Deutschland kennen. Navraj stellt sie mir vor. Es sind vier Mädchen und zwei Jungs. Die jungen Leute verbringen mehrere Monate im Haus. Mit Anna komme ich rasch ins Gespräch und spüre dabei, dass die jungen Leute ihre Entscheidung nicht bereut haben. Sie erleben, wie wichtig ihre Arbeit hier ist. Anna erzählt mir, in welchem beklagenswerten Zustand manche Kinder sind, wenn sie von der Organisation aufgenommen werden. Vor Navrajs Arbeit haben sie großen Respekt. Den teile ich mit ihnen. Keine zehn Minuten sind vergangen, da sitzen Menuka und Saraswoti bei uns am Tisch und leisten uns Gesellschaft. Alle im Haus freuen sich sehr auf unser morgiges Picnic und die Abwechslung, die für die Kinder damit verbunden ist. Gerade in den Ferien sei es besonders schwierig, sie den ganzen Tag zu beschäftigen, erzählen mir die Volunteers. Auch sie haben sich auf unsere Unternehmung bereits eingestellt. Schließlich ist es in Kathmandu nicht möglich, mit 46 Kindern so eben mal in die Stadt zu gehen. Meine größte Sorge, die mich in den letzten Tagen bewegt hat, ist mir damit genommen: Liege ich richtig mit meiner Idee, diesen Ausflug mit den Kindern zu machen? Ist das zu verantworten? Nun kann ich dem Höhepunkt meiner Reise mit Beruhigung entgegensehen. Vorfreude macht sich breit.

Menuka und Saraswoti
Menuka und Saraswoti

Krishna überreicht mir bei Mittagessen in Bhaktapur feierlich drei Tagetesblüten. Es ist die Blume ihrer Gottheit, deren Namen sie trägt. Sie heißt mich damit in Nepal willkommen. Wir sind nach dem Besuch bei den Kindern im Gangabo-House in einem klapprigen Taxi auf der staubigen Piste aus Kathandu hinausgefahren. Krishna arbeitet heute im Auftrag von Hari für mich.

Drei Tagetesblueten zur Begruessung
Drei Tagetesblüten zur Begrüßung

Bhaktapur rüstet sich für das Tihar, das an diesem Tag beginnt. Es ist hier ein bedeutendes Fest, das Buddhisten und Hindus gleichermaßen begehen. Wir lassen uns durch die Stadt mit seinen zahlreichen Tempeln und Märkten treiben. Krishna erzählt mir von sich. Sie ist 25 Jahre alt und studiert in Kathmandu Englisch. Ihr Traum ist eine feste Arbeit in der Tourismusbranche. Stolz zeigt sie mir ihre Gästeführerlizenz. Wir treffen im Tourismusbüro auf einen ihrer Kollegen, der mit ihr die Prüfung gemacht hat. Seine Anstellung bei der Regierung ist in Nepal der begehrte „Sechser im Lotto“. Ich kann die ärmlichen Verhältnisse, unter denen meine Begleiterin ihr Studium finanzieren muss, nur erahnen. Sie ist ein Trennungskind und wohnt im Hause ihres Vaters, der sie nicht unterhalten kann. Strom haben sie nicht. Ich lade Krishna zu unserem morgigen Picnic ein.

Krishna ist stolz auf ihre Gästeführerlizenz
Krishna ist stolz auf ihre Gästeführerlizenz