Klettern im UNESCO-Weltnaturerbe

Amphitheater der NaturVon der Tricolore, die sich nur wenig oberhalb des Rifugio Fonda-Savio sanft im Wind wiegt, kannst du direkt hineinschauen ins steinerne Herz der Dolomiten. Deinem Blick bietet sich ein Amphitheater der Natur von atemberaubender Schönheit. Dominiert wird die Felsszenerie von den mächtigen Türmen der Drei Zinnen im Norden. Wendest du dich nach Westen, dann ziehen dich die Massive des Monte Cristallo und der Hohen Gaisl unweigerlich in ihren Bann. Rings um dich herum, zum greifen nah, streben die bizarren Felstürme der Cadinspitzen gen Himmel. Ihretwegen sind wir hier.

„Kurze Zustiege, überschaubare Routenlängen und Schwierigkeiten, sowie eine tolle Hütte“ hat uns Klaus bei der organisatorischen Vorbereitung der Kletterausfahrt versprochen. Er wird Recht behalten. Das Rifugio „Fratelli Fonda-Savio“ der Sektion Triest des Club Alpino Italiano (2.367 m) liegt für Klettertouren in der Cadini-Gruppe strategisch günstig auf dem Passo dei Tocci.

Rifugio Fonda-Savio vor dem Torre Wundt

Benannt ist die Hütte nach drei im Zweiten Weltkrieg gefallenen Brüdern eines Partisanenkämpfers. Die Hütte wird von einer österreichischen Familie betrieben. Unserer Gruppe steht ein kleines Nebenhaus alleine zur Verfügung. Auch sonst genießen wir die Vorzüge von Pensionsgästen. So serviert Hüttenwirtin Marianna Bodo an seinem Geburtstag zum Frühstück einen Strudel mit brennender Kerze. Das schafft Atmosphäre.

Unser aller Debüt im Revier ist die „Tricolore“ (V). Der Zustieg zu der 5-Seillängen-Route ist in Wahrheit ein 10-minütiger Abstieg und der Ausstieg endet beim Fahnenmast hinter der Hütte. Ein angenehmer Auftakt.

Am zweiten Tag gehen wir mit drei Seilschaften unter der Führung von Volkhard und Jürgen die beliebte „Mazzorana“ am Torre Wundt (IV). Klaus und Jochen sind mit dem Rest der Truppe an zwei anderen Felstürmen aktiv. „Il Gobbo“ (der Bucklige, III+) und der „Torre del Diavolo“ (V) haben es ihnen angetan. Ihre Berichte über „den teuflischen Spreizschritt, der Kurzbeinige zur Verzweiflung bringen kann“ (Zitat Dolomitenführer, Bewertung „je nach Körpergröße 6- bis unmöglich“), halten uns von einer weiteren Begehung des Teufelsturms ab.

Mara am Torre del Diavolo. Foto Fleischmann
Mara am Torre del Diavolo (Foto Fleischmann)
Verschneidung am del Diavolo. Foto Großhans
In der Verschneidung (Foto Großhans)

La Pala di Punta Ellie (V) und der Paracarro (III+) sind Betätigungsfelder der folgenden Tage. Volkhard und Jochen erwägen mit Mara, Ralf, Emil und Carsten eine Besteigung des Campanile Dülfer über seine Südkante (V). Hüttenwirtin Marianna wiegt im Blick auf das erforderliche Zeitbudget bedenklich den Kopf, als sie von dem Vorhaben erfährt. Trotzdem stellt sie den Dülfer-Aspiranten um sechs Uhr ein Thermofrühstück bereit. Aber sie besteht auf der Zusicherung, ihr nach dem Abstieg telefonisch die Uhrzeit durchzugeben, damit sie weiß, wann das Abendessen serviert werden kann. Offensichtlich hat sie wie wir die Mann-  und Frauschaft unterschätzt. Zu unser aller Überraschung kehren Volkhard und Jochen mit ihren Leuten bereits um 15:30 Uhr erfolgreich zurück.

Ausstieg am Paracarro
Bodo am Ausstieg des Paracarro

Von den kleinen Plateaus der Cadinspitzen sehen wir direkt auf einen Touristen-Hotspot: die Auronzohütte. Am Ende der Mautstraße unter den Drei Zinnen reiht sich auf den Parkplätzen Auto an Auto, Bus an Bus. Das Prädikat „UNESCO-Weltnaturerbe“ hat auch seine Schattenseiten. Der Besucherdruck gehört wohl dazu. Und es wird kräftig Kasse gemacht. 30 Euro erheben die Betreiber der Mautstraße pro Pkw. Für einen Hubschrauberrundflug muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Rund 220 Euro kostet der 30minütige Trip mit dem Heli über die Dolomiten. Wir sehen einen davon mit Gästen fliegen, als wir auf den Pianoro dei Tocci klettern. Tief unter uns braust er spektakulär durch das Kar, um dann über der Forcella del Diavolo unseren Blicken zu entschwinden.

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In der Ostwand des Tocci

Am Tocci sind es die Quinz-Verschneidung (VI-) und die Ostwand (IV+), die wir mit drei Seilschaften besuchen. Erleben dürfen wir zwei Routen mit alpinem Charakter; die  gemeinsame Ausstiegsseillänge fordert uns durch ihr brüchiges Gelände. Emil, der Youngster, bekommt einen Stein ab und lernt früh einen guten Helm schätzen. Seinen kann er jetzt nur noch wegschmeißen. Durch das Loch ist die Steifigkeit dahin.

Er hat seine Schuldigkeit getan
Er hat seine Schuldigkeit getan

Dolomiten und Klettersteige lassen sich nicht trennen. Warum man sich jedoch ausgerechnet für eine Begehung der „Via Ferrata Merlone“ entscheiden muss, erschließt sich uns nicht. Der Steig führt in deren zerklüfteter Westflanke auf die Cima Cadin. Wir können die Route vom Tocci-Gipfel direkt einsehen. Wie bei einer Ameisenstraße bewegen sich die Kletterer auf schier endlosen Leiterketten nach oben. Da es keinen anderen Abstieg gibt, müssen alle wieder auf dem gleichen Weg nach unten. Bei ständigem Gegenverkehr hat der Kletterspaß schnell ein Ende.

Schon immer haben die Dolomiten Bergsteiger aus der ganzen Welt magisch angezogen. Franz und Abbi sind ein Beleg dafür. Wir lernen sie auf der Hütte kennen und kommen ins Gespräch. Franz war für die U.S. Army in Deutschland stationiert. Auch Abbi Fisher kennt Europa gut aus ihrer Zeit als Skirennläuferin. 1978 hat sie den Slalom-Weltcup in Piancavallo gewonnen. Die sympatischen Amerikaner, beide in den Sechzigern, sind mit ihrem  österreichisch-canadischen Bergführer einige Wochen in den klassischen Klettergebieten der Alpen unterwegs. Ihr Trainingsrevier, so erfahren wir, sind die Rocky Mountains in Idaho. Morgen, erzählen sie Bodo und mir beiläufig, wollen sie die gelbe Kante an der Kleinen Zinne gehen. Unser Respekt steigt. Immerhin bewegt sich diese Route von Emilio Comici im oberen sechsten Grad.

Die Teilnehmer der Kletterausfahrt mit Hüttenwirtin Marianna (r.)

Die Abende verbringen wir auf der Hütte in geselliger Runde. Binokel ist angesagt. Auch unsere Liederbücher, die Monika vor einigen Jahren zusammengestellt hat, kommen zum Einsatz. Nach dem zweiten Lied steckt Hüttenwirtin Marianna den Kopf zur Türe herein und fragt schelmisch: „Könnt ihr klettern wie ihr singt?“

Morgen in den Dolomiten