Mit der Bahn zur Heilbronner Hütte – ein Selbstversuch

„Bergurlaub von Anfang an“, unter diesem Motto wirbt der Deutsche Alpenverein bei seinen Mitgliedern, mit der Bahn in die Berge zu fahren. „Nachhaltigkeit und Klimaschutz fangen bei der Anreise an, nicht erst am Berg“, so der DAV in seinem Plädoyer. Schöner und einfacher als mit der Bahn lasse es sich schließlich nicht verreisen, gerade auch auf weiten Strecken. Oft sei man sogar deutlich schneller als mit dem Pkw.

Stimmt das? Ich mache die Probe aufs Exempel. Für meinen nächsten Besuch auf der Heilbronner Hütte kaufe ich online die Tickets im Portal der Deutschen Bahn. Da ohne Auto An- und Abreisepunkt variabel sind, werde ich am Arlberg starten und die Heimreise aus dem Montafon antreten. Ab und bis zu meinem Wohnort im Bottwartal belasten die Fahrtkosten mein Budget mit 105,20 Euro, Sitzplatzreservierungen inklusive. So kostengünstig geht es mit dem Pkw nicht. Das gibt schon mal einen Pluspunkt für die Bahn.

Meinen Fahrplan habe ich eng getaktet. Schließlich will ich nicht viel Zeit auf irgendwelchen Bahnsteigen verbringen. Schon an der Haltestelle in Oberstenfeld bekomme ich feuchte Hände. Mein Bus hat fünf Minuten Verspätung und die Umsteigezeit in Marbach am Neckar beträgt sieben Minuten. Auf meine sorgenvolle Frage, ob dies auf die S-Bahn reiche, verspricht mir der Busfahrer: „Ich tue mein Bestes“. Er hält sein Versprechen und fährt wie der Teufel. Da es am Sonntagmorgen kaum Zustiege gibt, sind wir planmäßig am Bahnhof. Ich mache dem Fahrer ein Kompliment. Meinen Hinweis, dass in der Formel 1 noch gute Leute gesucht werden, quittiert er mit einem Lachen.

Kufstein – Warten auf den Railjet

Meine Weiterreise mit dem ICE ab Stuttgart, mit dem „Meridian“ der Bayerischen Oberlandbahn ab München und mit dem Railjet von Kufstein nach St. Anton verläuft reibungslos. Um 14:55 Uhr steige ich planmäßig aus. Fast genau sieben Stunden hat meine Reise gedauert; vier mal bin ich umgestiegen. Nahtlos erreiche ich auf dem Bahnhofsvorplatz in St. Anton den Wanderbus zum Salzhüttle im Verwalltal. Um halb fünf bestelle ich auf der Konstanzer Hütte ein Radler. Bilanzieren will ich nicht zu früh. Vor einem endgültigen Urteil warte ich die Heimreise ab.

Ich verbringe zwei erfüllte Tage in meinem „Heimatrevier“. Durch das Fasultal steige ich von der Konstanzer Hütte zum Schafbichljoch hinauf. Auf der Hochfläche des Hinterdallinger treffe ich einen Hirten, der mir von seiner Arbeit mit den Tieren erzählt. Zahlreiche schottische Hochlandrinder mit ihren Kälbern, eine Herde Haflinger Pferde und drei Esel hat er zu betreuen. Er wohnt in einer kleinen Almhütte. Dass ihn seine Arbeit erfüllt, spüre ich.

Schafbichljoch

Vom Joch aus gehe ich den einsamen Georg-Prasser-Weg über die Vertinesköpfe. Tief unter mir liegen das Paznaun und die Friedrichshafener Hütte. Mein unverstellter Blick geht hinüber zu den Gipfeln der Silvretta. 

Mein Basislager in den Bergen – die Heilbronner Hütte

Der Empfang auf der Heilbronner Hütte ist wie immer herzlich. Auch unter der Woche herrscht hier reger Betrieb. Ich treffe auf Bergfreunde aus unserer Sektion. Ausgeglichen steuern Olivia und Fredi Immler den Betrieb. Während meines Aufenthalts auf dem Verbellner Winterjöchl besuche ich den Grünen Grat (2.780 m) und den Schrottenkopf (2.890 m).

Naturrecycling

Vor meinem Abstieg muss ich mich mit dem Fahrplan des Landbus Montafon vertraut machen. Aus dem Tal hinaus geht es im Stundentakt. Ich steige zügig über die Verbella-Alpe und den Wiegensee talabwärts zum Alpstöbli und fahre mit der Tafamuntbahn hinunter nach Partenen. Dort erreiche ich schon den Bus um 10:19 Uhr. Er bringt mich zum Bahnhof nach Schruns. Der freundliche Schaffner im Montafoner Bähnle druckt mir einen optimierten Reiseplan nach Lindau aus, denn ich bin früher dran als erwartet. Nach einem weiteren Umstieg in Dornbirn erreiche ich Lochau/Hörbranz am Bodensee. Die Fahrt von Bregenz am Seeufer entlang ist ein Genuss. 


In Lochau heißt es ein weiteres Mal umsteigen: „Schienenersatzverkehr wegen Bauarbeiten“, lese ich. Ein serviceorientierter Busfahrer hilft beim Verstauen des Rucksacks. In Lindau habe ich eine dreiviertel Stunde Aufenthalt. Das kommt mir nicht ungelegen. Im Straßencafe des „Bayerischen Hof“ am Hafen gönne ich mir ein Bier, als die „Hohentwiel“ einläuft. Der historische Schaufelraddampfer ist immer noch ein Publikumsmagnet. Rund um die Kaimauer werden Kameras und Smartphones gezückt, um das Ereignis festzuhalten.

Mit dem Regionalexpress gelange ich um 17:00 Uhr nach Stuttgart. Als ich um 18:15 Uhr in Oberstenfeld aus dem Bus steige, bin ich acht Stunden unterwegs und habe sieben (!) Umstiege hinter mir.

Mein Urteil fällt gemischt aus. Ich war kostengünstig unterwegs und habe alle meine Verbindungen erreicht. Insofern kann ich den diversen Beförderungsgesellschaften, die mir zu Diensten waren, durchaus ein Kompliment machen. „Urlaub von Anfang an“ war meine Reise nicht unbedingt. Erholungsgefühle lassen die zahllosen Umstiege eben nicht aufkommen. Was den Zeitbedarf angeht, muss ich auch einen Minuspunkt vergeben. Für die Hin- und Rückreise ist jeweils ein ganzer Tag draufgegangen. Mit dem Auto hätte ich die halbe Zeit gebraucht. 

Jedenfalls bin ich um eine wertvolle Erfahrung reicher und schließe eine Wiederholung nicht aus.

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