Kathmandu, 29. November 2022

Einen schöneren Empfang hätte ich mir nicht wünschen können. Prayasa, die Tochter von Hari und Nabin, mein Guide sind beide gekommen, um mich am Tribhuvan-Airport in Kathmandu abzuholen. Die Wiedersehensfreude ist beiderseits.

Prayasa habe ich seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Sie ist nach dem Masterstudium bei ihrem Vater eingestiegen und hilft ihm bei der Organisation seiner Trekkingtouren. Mit deutschen Gästen ist Hari derzeit in Indien. Ob sie in Abwesenheit ihres Vaters nun der CEO des Familienbetriebes sei, will ich wissen. Sie wehrt lachend ab und nimmt nur den Titel „Salesmanager“ für sich in Anspruch.

Stolz präsentiert mir Prayasa das neue Büro. Mein kleines Flaggengeschenk steht schon auf dem Schreibtisch

Nabin ist erst heute morgen von einem Trek mit einem anderen deutschen Gast aus dem Himalaya zurückgekehrt und hat es sich nicht nehmen lassen, mich willkommen zu heißen. Er war im Sommer bei einem Bergfreund in Deutschland zu Gast und hat mich ein paar Tage in Oberstenfeld besucht.

Nabin ist erst heute morgen von einem Trek im Himalaya zurückgekehrt

Der Nachtflug aus Istanbul hat mich ziemlich mitgenommen, auch wenn es am Service der Turkish Airlines nichts auszusetzen gibt. Ein voller Flieger mit den engen Sitzreihen der Economy Class und hohem Lärmpegel; da ist an Schlaf kaum zu denken. Immerhin ist die Verbindung zeitlich kaum zu unterbieten. Bei knapp zwei Stunden Aufenthalt in Istanbul betrug meine Reisezeit nur 17 Stunden.

Wir quälen uns durch die permanente rush hour von Kathmandu. Auf der Fahrt nach Dollu essen wir in einem kleinen Straßenrestaurant mit beeindruckendem Blick auf das Kathmandutal mit dem Bagmati River. Es gibt Momos. Die gefüllten Teigtaschen sind ein beliebtes Standardgericht in Nepal.

Untergebracht bin ich im Drala-Resort, einem kleinen Gästehaus, das zu einem Komplex mit mehreren Klöstern gehört. Eines davon zieht mich am späten Nachmittag noch an; seiner gewaltigen Buddhastatue wegen. Sie ragt gut 20 Meter in die Höhe. Bei meinem letzten Besuch war die Anlage noch im Bau und deshalb nicht zugänglich. Auch dieses Mal verkündet mit ein Schild „open only from 9 until 4“.

Gut 20 Meter ragt die Statue in die Höhe

Mit einem jungen Mann, der davor wartet, komme ich ins Gespräch. Er ist in der Klosterverwaltung tätig und nimmt mich mit hinein. Ich kann mir die riesige Anlage ungezwungen anschauen. Wie ich von ihm erfahre, dienen die Gebäude und ihre Gemeinschaftsräume der Meditation für Besucher. Mein neuer Bekannter lädt mich ein, ihn bei seinem Rundgang durch Dollu zu begleiten.

Er besucht noch ein weiteres Kloster und bittet einen Mönch, uns in den Tempel einzulassen. Die prachtvolle Ausgestaltung raubt mir den Atem. Vergoldete Buddhastatuen dominieren den Raum. Mehrere Schreine sind dem Dalai Lama gewidmet. Wie mir mein Begleiter erzählt, ist er der Schutzpatron dieser Klöster. Finanziert werden die sakralen Bauwerke von Buddhisten aus Nepal und der ganzen Welt.

Champadevi (2260 m) – 30. November 2022

Sie ist beinahe schon zum Ritual geworden: Meine Besteigung des Champadevi von Dollu aus. Sie dient mir zur Akklimatisierung für die richtigen Berge, die wir heute nur im Dunst erkennen. Selbst den Moloch Kathmandu mit seinen Wucherungen erahnen wir mehr als wir ihn sehen.

Durch Pinienwälder sind wir heraufgekommen. Unzählige Stufen führen zum Gipfel. Er ist Sitz der Hindu-Gottheit Champadevi. Aber warum flattern überall buddhistische Wimpelketten? Nabin erklärt es mir. Der Champadevi ist für Hindus und Buddhisten gleichermaßen eine Wallfahrtsstätte. Gegenseitige Toleranz zwischen den beiden Religionen spürt man hier überall. So finden wir neben einem kleinen Hindutempel auch eine Stupa.

Überall flattern am Champadevi buddhistische Fahnen

Auf den 600 Höhenmetern bis zum Gipfel hatten wir zwei Begleiter: Straßenhunde aus Dollu. An unserem Wasservorrat haben sie sich reichlich bedient. Das Obst, das wir ihnen anbieten wollten , haben sie verschmäht.

Der Champadevi wird offensichtlich reichlich besucht. Die Hinterlassenschaften am Wegrand zeugen davon. Wie mir Nabin erzählt, hat es einmal einen Club gegeben, der sich der Müllbeseitigung an der Wanderstrecke verschrieben hat. Während Corona sei die Initiative aber wieder eingeschlafen. Öffentliche Stellen nehmen sich des Problems nicht an.

Beim Abstieg können wir Dollu gut überblicken. Von hier aus wird augenscheinlich, wie stark das Dorfbild von den Klosteranlagen geprägt wird. Viele davon sind erst in den letzten Jahren entstanden.

Nach unserer Bergtour bin ich zum Mittagessen bei Nabins Familie eingeladen und am Abend darf ich zum Dinner Gast bei Haris Frau und ihren Töchtern sein. Nabins Frau Sujita und ihre achtjährige Tochter Nancy kenne ich noch nicht. Nancy kommt aus der Schule heim und freut sich riesig über ihr Gastgeschenk. Obwohl ich ihre Aufregung über den fremden Mann in der Küche förmlich spüren kann, ist sie kein bisschen schüchtern und genießt die Abwechslung im Familienalltag.

Kathmandu – Thulo Bharkhu, 1. Dez. 2022

Wir starten pünktlich um 8 Uhr mit dem Jeep in Dollu. „Charming Guide“, die kleine Agentur von Hari verfügt jetzt über ein Fahrzeug. Prayasa ist zum Resort gekommen, um mich zu verabschieden. Sie verwahrt meinen Koffer bis nach dem Trek. Wir quälen uns über die Ringroad aus Kathmandu hinaus auf den Prithvi Highway in Richtung Pokhara. Es geht nur langsam voran.

In Galchhi verlassen wir den Highway und folgen dem Oberlauf des Trisuli. Die Strecke ist eine Herausforderung für Auto und Insassen gleichermaßen. Aber Biseshower ist ein umsichtiger Fahrer. Ihm gehört mein voller Respekt. Mit einer Limousine wäre die Piste nicht befahrbar. An zahlreichen Stellen ist die Straße durch Hangrutschungen unterbrochen und nur notdürftig hergerichtet.

Biseshower ist ein umsichtiger Fahrer

Trotz allem muss ich feststellen, dass sich in den letzten 10 Jahren bei der Verkehrserschließung viel getan hat. Insbesondere die Hauptverkehrsader zwischen Kathmandu und Pokhara wird mehr und mehr ausgebaut. Dies gilt im Übrigen auch für die Stromversorgung, wie mir Nabin versichert. Stromausfälle – früher an der Tagesordnung – seien eher selten geworden. Nach wie vor im Argen liegen Wasserversorgung und Müllbeseitigung. Die Millionenstadt Kathmandu muss nach wie vor durch Tankwagen mit Trinkwasser versorgt werden. Eine funktionierende Stadtentwässerung gibt es nicht.

Überrascht haben mich die hohen Spritpreise. 180 nepalesische Rupien werden für einen Liter Diesel fällig. Dies entspricht rund 1,40 Euro (Hinweis: Mit einem Jahresdurchschnittseinkommen von 290 Euro (!) ist Nepal nach Afghanistan das zweitärmste Land Asiens).

Wir nehmen in Thulo Bharkhu Quartier. Eine Reisezeit von 8 Stunden für 160 Kilometer liegt hinter uns.

Thulo Syabru, 2. Dez. 2022

Der Besitzer unseres Hotels betreibt eine Fischteichanlage mit Regenbogenforellen und beliefert damit Hotels. Das können in meinen Augen nur 5-Sterne-Häuser sein, denn ein Kilo kostet 2000 Rupien.

Die Fischteichanlage unseres Hoteliers

Am Abend wird es empfindlich frisch und Nabin bereitet mich schon mal darauf vor, dass es in Gosainkunda noch deutlich kälter sein wird. Da die Gasträume ungeheizt sind, gehen wir eben früh schlafen.

Zum Frühstück gibt es Chapati, ein Fladenbrot, Omlett und Nabins Früchteteller. Er hat unterwegs eine Tüte Obst eingekauft. Um 8 Uhr brechen wir auf. Unser Tagespensium ist heute sehr überschaubar. Thulo Syabru erreichen wir bereits um die Mittagszeit. Ich freue mich darauf, hier den Nachmittag zu verbringen, denn ich habe an den kleinen Ort gute Erinnerungen.

Eine tiefe Religiosität ist den Menschen hier eigen. Wassergetriebene Gebetsmühle.

Auf halbem Weg trinken wir in einem Gasthaus eine Tasse Tee. Stolz zeigt mir die Besitzerin ihre Kiwis, die sie hier kultiviert. Wenig später kommen wir an einer Apfelplantage vorbei. Kaum zu glauben, zeigt mein Höhenmesser doch 2.400 m an.

Äpfel auf 2.400 m Höhe. Im Hintergrund die Berge Tibets.

Thulo Syabru liegt auf einer Hangterrasse am Eingang des Langtang Tals. Tief unten können wir den Langtang Khola rauschen hören. 2011 bin ich mit Hari hier gewesen. Das Yak-Hotel in dem wir absteigen ist sehr sauber und wir werden freundlich aufgenommen. Schließlich ist die Saison vorbei und man freut sich über jeden Gast, der noch kommt.

Nach dem Mittagessen unternehmen wir einen Rundgang durch den überschaubaren Ort. Mich zieht es zum kleinen Kloster, in dem eine Zeremonie im Gange ist. Die Mönche, die hier zusammengekommen sind, rezitieren eine Woche lang Mantras. Freundlich werden wir hereingebeten, um der Zeremonie beizuwohnen.

Cholangpati, 3. Dezember 2022

Gestern habe ich mich am Spätnachmittag nochmals zum Kloster aufgemacht. Dort ist die Dorfgemeinschaft um drei Feuertonnen versammelt. Man lädt mich sofort in einen Stuhlkreis ein und jemand drückt mir eine Tasse Tee in die Hand. Ein belgischer Trekker und ich sind die einzigen Fremden in der Runde. Es ist eine eigenartig berührende Atmosphäre. Aus der geöffneten Klosterpforte dringt das gemurmelte Mantra der Mönche und draußen wird fröhlich gefeiert. Ich genieße es, dabei sein zu dürfen.

Vor dem Kloster wird fröhlich gefeiert

Neben einem Italiener in den 60ern aus Bologna sind wir die einzigen Gäste in der Lodge. Camillo ist Langzeittrekker, zum 15. Mal in Nepal und verbringt 45 Tage hier. Den Joint, den er mir anbietet, lehne ich dankend ab. Am Abend nach dem Dal Bhat sitzen wir mit ihm und den Wirtsleuten in einer Runde zusammen und diskutieren das kleine und große Weltgeschehen. Der Wirt spendet eine Runde Khukri, ein neaplesischer Rum, der mit heißem Wasser getrunken wird. Camillo erlaubt er, in Anbetracht der Kälte draußen sein Gras im Gastraum zu rauchen.

Heute ist es ein hartes Stück Arbeit. 1.400 Höhenmeter haben wir zu bewältigen. Unser Tagesziel Cholangpati liegt auf 3585 m. Beim Aufstieg spüre ich die Höhe. Das Atmen fällt deutlich schwerer. Wir machen unterwegs zwei Pausen. Das Panorama ist einzigartig.

Beim Aufstieg treffen wir auf eine Horde Affen

Unsere Lodge „Langtang Lirung View“ verdient ihren Namen zu Recht. Der Eisriese dominiert mit seinen 7.200 m die Gipfelschau. Aus seiner Flanke ist beim Erdbeben 2015 Die Eislawine abgegangen, die das Dorf Langtang völlig zerstört und 300 Menschen das Leben gekostet hat.

Der Langtang Lirung macht auch beim Mondlicht noch eine gute Figur

Wir sind hier dicht an der chinesischen Grenze, was Nabin heute ziemlich durcheinandergebracht hat. Unsere Smartphones zeigen plötzlich die chinesische Zeit an und er fragt sich kurz, wo wir zwei Stunden verloren haben.

Gosainkunda ist ein heiliger Ort für Hindus. Viele Nepalis kommen ein Mal im Jahr hierher. Die sieben jungen Männer, mit denen wir am Abend um den Ofen sitzen, sind Wallfahrer. Sie bedauern mich, weil ich ihrem Gespräch nicht folgen kann und empfehlen mir als regelmäßigem Gast im Land, Nepali zu lernen, aber das fange ich nicht auch noch an. Zumal das Deutsch von Nabin immer besser wird.

Von Sonam Dorgee werden wir gut bekocht

Gosainkunda, 4. Dezember 2022

Am Morgen hat es 4 Grad minus und wir drängeln uns in der Küche. Die Körperpflege reduziert sich auf ein Minimum; das Wasser ist eingefroren. Von Sonam bekommen wir aus der Küche etwas warmes Wasser in einer Kanne zum Zähneputzen. Bei 3.700 m endet der Wald und wir steigen über eine kahle Bergflanke nach Laurebina hinauf. Dort machen wir Teepause. Die beiden Kinder des Wirts gehen mir nicht von der Tatze, was meinem Süßigkeitenvorrat geschuldet ist.

Am Horizont reihen sich die Gipfel des Ganesh Himal, des Tibetian Himal und des Langtang Himal.

Der Fußweg nach Gosainkunda wird ausgebaut. Wir kommen an einem Arbeitercamp vorbei; ein Wellblechdach mit Plastikfolien verhängt. Dort übernachten die Männer. Das Baumaterial, Steine, Sand und Zement wird auf dem Rücken herangeschafft. Jeder Sack wiegt 50 kg. Was wir beide nicht nachvollziehen können: Der Fußweg wird mit einem eisernen Geländer gesichert, obwohl an keiner Stelle Absturzgefahr droht.

Am frühen Nachmittag erreichen wir Gosainkunda (4.380 m), das aus drei Lodges besteht. Obwohl die Sonne von einem wolkenlosen Himmel scheint, ist es bitterkalt. Ofenfeuer gibt es erst zum Abendessen. Außer uns ist noch ein Australier und ein Trekker aus Singapur da. Ich gebe eine Runde Kräuterschnaps aus meinem Flachmann. Um 20 Uhr, es ist bereits Nacht, treffen noch drei Wallfahrer ein. Sie sind direkt von Dunche heraufgekommen und haben 2.400 Höhenmeter in den Knochen. Am nächsten Morgen verrichten sie ihr Gebet am See und gehen die ganze Strecke wieder zurück. Wenn das nicht für das Nirwana reicht, was dann?

Chandanbari, 5. Dez. 2022

Die Höhe in Gosainkunda bereitet mir ziemliche Probleme. Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen und habe Kopfschmerzen. Wir entscheiden uns, abzusteigen. Eigentlich wollten wir noch zum Laurebina Paß hinauf, aber das hätte eine weitere Übernachtung dort oben bedeutet. So drehen wir noch eine Runde um den See bevor wir uns an den Abstieg nach Chandanbari machen. Der Gosainkunda ist zum Teil gefroren und bei der Sonneneinstrahlung springt das Eis mit mystischen Geräuschen: seltene Klänge in der Stille.

Der heilige See Gosainkunda

Auf dem Rückweg kehren wir nochmals bei Kendo und Sonam ein, die traurig darüber sind, dass sie gestern keinen einzigen Gast hatten. Kurz darauf treffen wir Camillo aus Bologna, der uns entgegenkommt und bei den beiden übernachten wird.

Wir machen Mittagspause bei Sonam und Kendo
Camillo wird bei Sonam und Kendo übernachten
In unserem Etappenziel Chandanbari erwartet uns eine warme Dusche. Was für ein Vergnügen!

Dhunche, 6. Dez. 2022

Mit uns war eine 10köpfige englische Rentner-Trekkinggruppe mit Guide und Trägern Gast im Yak & Nak Hotel. Der junge nepalesische Guide moderierte und dirigierte die Teilnehmer eloquent, wenn nötig kommandierte er sie. Ich beobachtete ihn, wie er mit fröhlicher Gelassenheit den „Marschbefehl“ für den nächsten Tag ausgab. Das Ganze erinnerte mich an einen Schulausflug. Wieder einmal wurde mir bewusst, dass ich mich für diese Art des Reisens nicht eigne. Nabin und ich sind ein eingespieltes Team und zwischen uns bedarf es nicht vieler Worte. Auch Planänderungen entscheiden wir rasch und einvernehmlich.

Heute steigen wir 1.300 m ins Trisulital und nach Dhunche hinunter, doch zuvor schaue ich mir noch die Yakkäserei von Chandanbari an. Jahreszeitlich bedingt findet derzeit keine Produktion statt, aber ein junger Mitarbeiter zeigt mir bereitwillig die Schatzkammer.

Der Weg hinunter ist extrem steil und erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Die Träger in Flip-Flops, die uns mit ihren schweren Lasten entgegenkommen, sind im Aufstieg schneller als ich im Abstieg. Auch Mulis sind ein unentbehrliches Transportmittel, weil viele Dörfer noch nicht durch Straßen erschlossen sind. Der Bergwald ist voller Lemuren, die uns mit respektvollem Abstand beobachten.

Mulitransport

Kathmandu, 7. Dez. 2022

Dhunche (2.030 m) ist ein verschlafenes Provinznest an der Straße nach Tibet. Bis zur chinesischen Grenze sind es nur noch 30 Kilometer. Wir sind gestern kurz vor unserem Fahrer Biseshower dort eingetroffen, der uns mit dem Jeep wieder nach Kathmandu zurückbringen wird. Ich habe den Aufenthalt in Dhunche genutzt, um ausreichend zu schlafen, was mir in der Höhe nicht möglich war. Heute starten wir um 7 Uhr und kommen gut voran.

Als wir gegen 13 Uhr in Kathmandu im Aagantuk-Hotel eintreffen, ist die Überraschung perfekt. Hari ist vorzeitig aus Indien zurückgekehrt und nimmt mich in Empfang. Wie schön, ihn doch noch wiederzusehen. Wir besprechen das Programm für die nächsten Tage. Morgen will ich chillen und einen ersten Besuch bei den Kindern machen. Darauf freue ich mich sehr.

Kathmandu, 8. Dez. 2022

Ich mache einen Streifzug durch das erwachende Thamel, das Touristenviertel von Kathmandu, wie es mir in allen Städten Vergnügen bereitet, früh am Morgen dem ersten geschäftigen Treiben beizuwohnen. Mit Getöse gehen die hier üblichen Rolltore an den Geschäften hoch, Auslagen werden herausgestellt, aus den Garküchen kommen die ersten verführerischen Düfte und an den zahlreichen kleinen Hindutempeln verrichten Gläubige ihr Morgengebet. Obst und Gemüse ist bereits überall im Angebot, in kleinen Shops, auf dem Fahrrad oder einfach nur am Straßenrand.

Ich kaufe einige Kleinigkeiten ein und erstehe eine aktuelle Ausgabe der „Himalayan Times“. Da sie im Internet frei verfügbar ist, bietet sie mir die Möglichkeit, die politische Situation in Nepal auch zu Hause zu verfolgen. Veröffentlicht werden heute die Ergebnisse der Parlaments- und Regionalwahlen. Beobachter sind skeptisch, ob die neue Regierung in der Lage ist, den Status quo im Land wesentlich zu verändern. Ein Hauptproblem ist und bleibt die Korruption.

Tempelanlage am Durbar Square

Gegen 11 Uhr mache ich mich in die Altstadt und zum Durbar Square auf, Weltkulturerbe und ein Hotspot in Kathmandu. Die Erdbebenschäden von 2015 sind weitgehend beseitigt, nur an einigen Tempeln sehe ich noch Gerüste. Ich besuche den Königspalast; der Empfangssaal ist zugänglich. Auch wenn in Nepal die Monarchie seit 2008 abgeschafft ist, steht das Land zu seiner Geschichte.

Einen Drink gönne ich mir im Roof-Top-Café, einer unter Travellern bekannten Adresse. Von der Dachterrasse bietet sich ein einmaliger Blick über den Durbar Square und die ganze Stadt. In der Ferne ist der Langtang Lirung auszumachen. Ich sehe auch Swayambhunath, das ich morgen mit Nabin besuchen will. Da wenig los ist, komme ich mit dem Kellner in ein angenehmes Gespräch. Ich verspreche ihm, zu einem Dinner in den nächsten Tagen wiederzukommen.

Blick über die Stadt nach Swayambhunath vom Roof-Top-Café

Besuche bei den Kindern im Haus der Hoffnung sind für mich immer ein berührendes Erlebnis. Ich öffne die Pforte zum Hof und gehöre sofort dazu. Von allen Seiten schallt mir ein freundliches „Namaste“ entgegen. Menuka, unser Patenkind hat mich schon erwartet und freut sich riesig, dass ich sie wieder besuche. Die Didis, wie die nepalesischen Mitarbeiter genannt werden, kennen mich fast alle noch. Ich mache mich mit den deutschen Praktikanten bekannt. Hannah habe ich 2019 schon einmal getroffen. Sie hat sich nach dem Informatikstudium entschlossen, ein weiteres Mal ehrenamtlich mitzuarbeiten.

Ich schaue den Kindern bei den Hausaufgaben zu und muss viele Fragen beantworten. Die vierte Klasse singt mir spontan ein Lied. Menuka wird bereits als Assistentin bei den Mathearbeiten der 9. Klasse eingesetzt. Mit Rajesh, dem Heimleiter vereinbare ich, dass wir am Sonntag für alle ein kleines Fest geben.

Kathmandu, 9. Dez. 2022

Mit Nabin ziehe ich durch die Stadt hinaus nach Westen zum Tempelhügel Swayambhunath, dessen goldene Stupa wir in der Ferne glänzen sehen. Wir tanken uns zu Fuß durch den unglaublichen Verkehr, der scheinbar keiner Ordnung unterworfen ist. Der Lärm ist infernalisch und wieder einmal liegt eine Smogglocke über der Stadt. Der Bisnumati, den wir überqueren, ist zum Abwasserkanal erniedrigt worden. An seinem Ufer spielen Straßenkinder im Müll.

231 Stufen führen auf den Tempelhügel hinauf. Überall werden Devotionalien und Souvenirs angeboten. Ich habe noch nie eine solche Dichte an Tempeln, Stupas und Schreinen gesehen. Die Luft ist erfüllt von Räucherstäbchen. Touristen sind keine zu sehen. Trotzdem ist Swayambhunath gut besucht. Die Menschen kommen hierher zur Religionsausübung; Buddhisten und Hindus gleichermaßen. Ihre Tempel und Schreine stehen nebeneinander. Beiden ist Swayambhunath heilig.

Eine Unzahl von Affen belagern den ganzen Berg. Sie sind wie die Massen von Straßenhunden, die ich hier sehe, bemitleidenswerte Geschöpfe. Viele haben Verletzungen, sind abgemagert oder ihnen fehlen Gliedmaßen.

Zurück in Thamel besuchen wir Hari in seinem Büro und trinken Tee. Für ihn ist die Saison beendet und er bereitet sich auf 2023 vor. „Charming Guide“ hat ein breites Portfolio von Aktivitäten im Angebot. Es reicht von Trekking und Sightseeing bis hin zu River Rafting. Seine Kunden kommen überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum.

Am Nachmittag bin ich mit Menuka im Haus der Hoffnung vereinbart. Sie zeigt mir alle Einrichtungen. Zwischenzeitlich betreut unser Verein 164 Kinder in vier verschiedenen Häusern, die alle dicht beieinander liegen. Die Kinder sind nach Altersklassen und Geschlecht verteilt. Neu ist der Kindergarten. Gekocht wird in allen Häusern, die Wäscherei ist zentralisiert. Bevor die Kinder aus der Schule komme, habe ich längere Zeit Gelegenheit, mich mit Rajesh, dem Hausleiter zu unterhalten. Vor seiner Führungsaufgabe habe ich allergrößten Respekt.

Mit ihr habe ich mich rasch angefreundet, weil wir fast den gleichen Vornamen haben. Sie heißt Oli.

Kathmandu, 10. Dez. 2022

Ich werde verwöhnt. Prayasa, die Tochter von Hari und Nabin sind beide gekommen, um mich nach Pashupatinath zu begleiten.

Die Tempelanlage ist ein Anziehungspunkt für Hindus aus ganz Asien. Das letzte Mal war ich an Shivaratri hier, einem bedeutenden Pilgerfest. Damals habe ich Menschenmassen und ein Gedränge erlebt, dass ich beinahe um mein Leben fürchten musste. Die Polizei setzte ihre Schlagstöcke ein und sperrte die Brücken über den Bagmati, um eine Massenpanik zu verhindern. Heute, am freien Samstag ist es zwar ebenfalls voll, aber trotzdem können wir uns frei bewegen. Touristen sehe ich auch hier nicht; die Saison ist eben vorbei. Auf meinem Eintrittsticket, das Fremde lösen müssen, wird mir versprochen, dass nach meinem Besuch von Pashupati meine Seele, mein Körper und mein Vermögen „heiliger“ werden. Wenn das kein Grund ist, herzukommen.

Tempelanlage von Pashupatinath

Es finden heute viele Beerdigungen statt, soweit man diesen Begriff verwenden mag. Aus respektvoller Entfernung wohnen wir dem Ritus bei. Die Körper der Verstorbenen werden von ihren Angehörigen am Flussufer mit heiligem Wasser gewaschen und danach auf den Verbrennungsplätzen eingeäschert. Die Asche wird dem Bagmati übergeben, der sie dem Ganges zuführt.

Restricted Area
Auf der Heimfahrt im Taxi: Der Kleine darf seinen Vater am Arbeitsplatz begleiten.

Den Nachmittag verbringe ich im Kinderhaus und werde vom Musiklehrer in seine Klasse eingebaut. Wir üben gemeinsam ein Stück ein und er behauptet ohne mit der Wimper zu zucken, ich sei ein Ausnahmetalent. Na bitte!

https://youtu.be/IdAusakXi2g

Kathmandu, 11. Dezember 2022

Um 10:45 Uhr hole ich Menuka und zwei ihrer Klassenkameradinnen am Girls Block ihres Hauses ab, um sie zur Schule zu begleiten. Der Schulweg ist ein Abenteuer. Die Mädchen müssen die Ringroad überqueren, eine der Hauptverkehrsadern der Stadt. Einen Fußgängerüberweg gibt es nicht. Trotz allem lautstarken Beharrungsvermögen der Verkehrsteilnehmer stelle ich eine gewisse Form der Kooperationsbereitschaft aller fest. Wir kommen unbehelligt durch den dichten Verkehr auf der staubigen Piste.

Die Ringroad von Kathmandu

In der Takshahilla Academy meldet mich Menuka an und Schulleiter Netra Neupane empfängt mich mit ausgesuchter Höflichkeit. Er führt mich durch die Schulgebäude, in denen rund 1000 Schüler unterrichtet werden. Bei unserem Gespräch wird mir bewusst, dass unsere Partnerorganisation „Self Help Nepal“, über die wir in Nepal agieren müssen, für seine Privatschule ein wichtiger Kunde ist. Der Schulleiter macht mich mit dem Klassenlehrer Jayanta Acharya bekannt. Dieser organisiert spontan für mich eine kleine Gesprächsrunde mit Schülerinnen und Schülern aus Menukas Klasse. Es sind Schützlinge unseres Hauses und wir werden uns heute Abend bei einem Treffen aller Kinder wiedersehen.

Schülerinnen und Schüler aus Menukas (Zweite von links) Klasse

Währenddessen beginnt im politischen Nepal die Neubildung des Parlaments und die gewählten Parteien müssen ihre Abgeordneten benennen. In der heutigen „Himalayan Times“ vertritt ein Analyst die Auffassung, die Parteien in Nepal müssten erst noch politische Koalitionskultur lernen, anstatt sich gegenseitig zu blockieren. Er verweist auf positive Beispiele in den europäischen Ländern.

Nach dem Schulbesuch genieße ich noch einmal Momos, die sich gut mit unseren Maultaschen vergleichen lassen.

Am Abend gebe ich für die Kinder ein kleines Abschiedsfest. Das Versprechen wiederzukommen fällt mir nicht schwer.

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